Schüler-Gewalt Union fordert harte Gangart
Der dramatische Brandbrief der Lehrerschaft von der Rütli-Hauptschule hat ein Gutes: Die Lehranstalt im Berliner Problemkiez Neukölln bekommt einen neuen Schulleiter. Kommissarisch übernimmt Helmut Hochschild, Direktor der Paul-Löbe-Schule in Reinickendorf, die Stelle. Der Polizeischutz vom Freitag blieb eine Sonderaktion; die sechs Beamten, die sich am Freitag vor der Schule postiert hatten, wurden wieder abgezogen. Es werde "keine Dauerpräsenz" der Polizei geben, teilte ein Sprecher mit.
Für die Rütli-Lehrer herrscht seit Tagen Redeverbot. Heute meldete sich die langjährige Rektorin Brigitte Pick zu Wort. Das wahre Problem sei nicht die ethnische, sondern die soziale Herkunft der Schüler. Die Hauptschule werde "nur von marginalisierten Gruppen gewählt - ohne jede Perspektive", schrieb sie in einem Leserbrief an den Berliner "Tagesspiegel": "Hier leistet sich eine Gesellschaft noch immer ein Schulsystem aus dem Kaiserreich und scheint einer anderen Einsicht nicht zugänglich." Pick, seit neun Monaten krank, geht bald in den Ruhestand.
Dass die Rütli-Schule kein Einzelfall ist, zeigen weitere Hilferufe. So entwarfen Lehrer der Theodor-Plivier-Oberschule ein ähnlich drastisches Schreiben, wie der SPIEGEL in seiner Titelgeschichte zur "Gewalt im Klassenzimmer" berichtet. Der Ausländeranteil von 92,6 Prozent führe den Integrationsbegriff geradezu "ad absurdum", so die Lehrer der Schule in Berlin-Wedding. Es entwickele sich eine "annäherungsweise anarchische Situation". Die Quote polizeibekannter Kleinkrimineller sei "erschreckend hoch, gewaltbereite Intensivtäter mit erheblichem Einfluss" säßen "kurze Zeit nach ihrer Verurteilung" schon wieder im Unterricht".
Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hatte den Einsatz von je zwei Sozialpädagogen und Schulpsychologen an der Rütli-Schule angekündigt. Nur mit Sozialarbeitern und neuen Lehrern könne man die Krise der Hauptschulen indes nicht lösen, meint Jens Großpietsch, Rektor der Heinrich-von-Stephan-Schule, die als Modellfall gilt: Im Problemviertel Moabit zog sie sich selbst aus dem Sumpf und hat für die Schüler strenge Regeln beschlossen, die sie "konsequent nach außen vertritt", wie Großpietsch SPIEGEL ONLINE sagte.
"Unterricht auf den Fidschi-Inseln ist einfacher"
In einem "taz"-Interview plädierte Großpietsch dafür, die Schülerschaft anders zu mischen, etwa durch Zusammenlegen der Schulformen. Die Alternative sei, die Jugendlichen aufzugeben: "Dann braucht man Sicherheitskräfte mit Schusswesten, die diese Kids nur noch bewachen." Nach Auffassung von Großpietsch sind nicht alle Lehrer geeignet, Regeln durchzusetzen. "Es ist einfacher, auf den Fidschi-Inseln zu unterrichten, als hier mit Hauptschülern", sagte Großpietsch. "Die Lehrer, die oft aus mittelständischen, bildungsnahen Verhältnissen kommen, verstehen die überhaupt nicht." An seiner Haupt- und Realschule gebe es ein Mosaik aus pädagogischen Instrumenten, "dessen Kitt eine positive Grundhaltung" zu den Schülern sei.
Die Exzesse an Berliner Schulen haben eine hitzige Debatte über die Integration von Zuwandererkindern und den Umgang mit Gewalttätern ausgelöst. Dabei formiert sich bei der Union die Law-and-Order-Fraktion: Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) hat ausländischen Schülern, die sich nicht integrieren ließen, "im Extremfall" die Ausweisung angedroht. Das forderte auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU); im ersten Schritt sei die Kürzung von Sozialleistungen für die Familien möglich.
Am Dienstag will das bayerische Kabinett eine Verschärfung der Vorschriften für den Schulbesuch beschließen. "Bei uns gilt ab September: Kinder, die nicht Deutsch können, werden nicht mehr in eine deutsche Regelschule eingeschult. Sie müssen dann zuerst einmal in spezielle Förderklassen", sagte Stoiber.
Stoibers Forderung nach Ausweisung integrationsunwilliger Ausländer nannte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger "populistisch und in ihrer Schlichtheit skandalös". Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag forderte "endlich eine rationale Integrationsdebatte", ein kostenfreies letztes Kindergartenjahr als Pflicht für alle Kinder, begleitende Sprachtests während der gesamten Schullaufbahn und verpflichtende Sprachangebote.
Wie Stoiber sprach sich auch Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) für eine harte Gangart aus: "Wir sollten darüber nachdenken, kriminelle Schüler von der Schule zu verweisen und sie dann für ein paar Tage in einem Erziehungsheim oder auch in einem Jugendgefängnis unter Arrest zu stellen." Der Anteil ausländischer Schüler dürfe nicht über 50 Prozent liegen.
Schüler-Verschickung als Lösung?
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) denkt in besonders schwierigen Fällen daran, "Internatsplätze zu schaffen, in denen die Erfahrung aus Schulpädagogik, Sozialpädagogik und beruflicher Ausbildung zusammenwirken". Zugleich sollten auch Eltern stärker in die Pflicht genommen und zu Gesprächen mit den Lehrern ihrer Kinder gezwungen werden, sagte Schavan der "Financial Times Deutschland".
Schwierige Schüler per Bus auf andere Schulen der Stadt zu verteilen, lehnte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ab. "Wir werden im Gegenteil damit zurechtkommen müssen, dass es in manchen Schulen 80, 90 oder auch 100 Prozent Migrantenkinder gibt", sagte Wowereit der "Berliner Zeitung". Die Hauptschulen bräuchten nicht mehr Geld oder mehr Lehrer, sondern Konzepte und ein neues Verständnis von Schule.
Einen derartigen "Schüler-Zwangstourismus", der in Deutschland schon mehrfach diskutiert wurde, haben sozialdemokratische Kommunalpolitiker in Kopenhagen auf eigene Faust erprobt - zeitweise gesetzwidrig. Sie verteilten Zuwandererkinder mit schlechten Sprachkenntnissen zwangsweise in der Trabantenstadt Albertslund so auf Schulen, dass ihr Anteil nirgendwo ein Drittel überstieg. Dieses Modell wurde zunächst massiv als ausländerfeindliche Einschränkung des Rechts auf freie Schulwahl kritisiert. Inzwischen möchte aber Kopenhagens Bürgermeisterin Ritt Bjerregaard es in der ganzen dänischen Hauptstadt einführen.
Es gehe nicht an, dass die 15 Schulen mit dem höchsten Anteil an Schülern aus Zuwandererfamilien nicht über das durchschnittliche Abgangsniveau in Brasilien hinauskämen, während betuchtere Dänen ihre Kinder in "Weltmeisterschulen" und zunehmend auch in Privatschulen ausbilden ließen", argumentierte Bjerregaard. Anders als in Deutschland mit seinem traditionell dreigliedrigen Schulsystem ist in Dänemark die Gesamtschule von der ersten bis zur neunten Klasse obligatorisch, was dort auch niemand in Frage stellt.
jol/dpa/AP/ddp