Schülerband Vier wilde Kerle
Die blonden Haare kleben Pelle im verschwitzten Gesicht, das Nietenarmband sitzt fest am Handgelenk. Er röhrt mit seiner Whiskey-Stimme im vorpubertären Stadium ins Mikrophon. Hinter ihm spielt Manu, er kann gerade so übers Schlagzeug gucken. Neben ihm hauen Leo und Ben in die Saiten. Obwohl sie etwas verloren auf der weiten Bühne wirken, springt der Funke über: das Publikum rockt.
Pelle Deubler, Manu Schuch, Leo Back und Ben Mülbüsch beherrschen bereits die Posen der großen. Die örtliche Tageszeitung bezeichnete die 12-Jährigen als "wohl jüngste Rockband der gesamten Republik". Sie schreiben ihre Lieder selbst, drehten schon ein Musikvideo und treten im September zusammen mit den Killerpilzen auf, die bereits Charterfolge feierten.
Auf der Bühne stehen und angejubelt werden - davon träumen viele Teenager. Sie proben mit dem Kamm vor dem Spiegel oder kleiden sich wie ihre Vorbilder. Einige versuchen ihren Traum zu erfüllen. Sie gründen eine Band, proben unermüdlich, bestreiten Auftritte und stellen ihre Songs online.
Neben Pubertät und Schule fällt es schwer kontinuierlich an solch einem Projekt zu arbeiten. Die vier Halbstarken aus Georgenborn, einem Vorort von Wiesbaden, befinden sich allerdings auf einem guten Weg. Mit zehn Jahren gründeten sie bereits ihre Band Speed.
Die vier kennen sich fast ihr ganzes Leben: Pelle, Manu, Leo und Ben gingen in denselben Kindergarten, waren in einer Grundschulklasse und fingen vor drei Jahren zusammen an mit Gitarrenunterricht. Und natürlich besuchen sie alle derzeit das gleiche Gymnasium.
Den Plan eine Band zu gründen, fassten sie Anfang 2007, da waren sie erst 10 Jahre alt. Pelle griff sich sofort das Mikrophon. "Bei den anderen Jungs gab es ein wenig Streit", sagt er. Alle wollten an die Gitarre. Doch ihr Wille war größer. Ben rang sich durch und setzte sich ans Schlagzeug.
Sie probten in den Kellern ihrer Elternhäuser bis ihnen Leos Vater einen richtigen Proberaum besorgte. Dort spielt sonst er mit seiner Band. Leo schnappte sich einen herumstehenden Bass und die Rockband war komplett. Inzwischen üben sie regelmäßig alle 14 Tage. Aufgrund anderer Hobbys, wie Fußball, schaffen sie es nicht öfter. Nur wenn ein Auftritt bevorsteht, treffen sie sich bis zu zwei Mal die Woche. Nach ihrem ersten Konzert Mitte 2007 spielten sie unter anderem auf dem Biebricher Höfefest oder beim Kulturfestival Folklore 008.
Die vier machen alles eigenständig vom Schreiben der Lieder bis hin zum Myspace-Auftritt. "Auch unser erstes Musikvideo zum Lied 'Scheiß Tag' drehten wir selbst", erzählt Leo Back. Unterstützung nehmen sie trotzdem gerne an, sei es beim Gitarrenunterricht oder beim Transport ihrer Instrumente. Mit ihren Eltern reden sie viel über die Ursprünge von Musikstilen wie Punk oder Folk. Ab und zu werden die Jungs von ihnen zu Konzerten mitgenommen. "Früher wäre man wohl zum Angeln mit den Söhnen gegangen", sagt Christoph Schuch, Vater vom Gitarristen Manu.
Sie stehen am Anfang ihrer Pubertät, doch anders als viele Gleichaltrige verwenden sie Musik um sich über ihren Alltagsstress aufzuregen. Ihre Liedideen entstehen meistens mit einem Riff oder Textstück, erklärt Manu. "Zusammen entwickeln wir dann das ganze Lied." Ihre ersten drei Songs nahmen sie bereits im Studio auf. Ein Album ist in Planung.
Seit ein paar Monaten überarbeiten sie ihre alten Songs. Sie seien zu kindisch, sagt Manu. "Damals erzählten wir Geschichten, jetzt singen wir über Gefühle und was uns nervt." Ihre Texte beziehen sich überwiegend auf Alltagssituationen. In "Verbieten verboten" schildern sie was ihre Eltern ihnen nicht erlauben und liefern gleichzeitig ihren Zuhörern Durchhalteparolen. "Wir müssen auf die Zähne beißen / wir müssen das machen / ja dann können wir wieder lachen", singt Pelle.
Überarbeitet haben sie auch das Stück "Polarexpress". Daraus wurde Anfang des Jahres "Nazis raus". Obwohl sie in Wiesbaden selten mit Rechtsextremismus in Kontakt kommen, ist dies ein Thema das sie beschäftigt. Ausschlaggebend war ein Bericht über den rechtsextremen Überfall auf den Passauer Polizeichef. Im Dezember wurde dieser vor seinem Haus niedergestochen. "In dem Lied wollten wir all das schildern, was Nazis verachten oder nicht glauben wollen", sagt Schlagzeuger Ben Mülbüsch. Ihre Botschaft: "Sushi oder Kuskus / Döner macht schöner / nur Sauerkraut / ist doch beschissen."
Unüblich für ihr Alter sind die musikalischen Vorbilder, die würde man eher ihren Vätern zuordnen. Zu Tocotronic gesellen sich AC/DC, ZZ Top oder Deep Purple.
Ihr Talent haben Speed bereits bei einigen Wettbewerben unter Beweis stellen können. Obwohl sie nicht über die Vorrunde beim "Schooljam" hinauskamen, bei dem die beste Schülerband gesucht wird, versuchten sie es weiter. Ihr Ehrgeiz zahlte sich aus. Gegen 300 meist wesentlich ältere Bands setzten sie sich beim Wettbewerb "Nazis aus dem Takt bringen" durch. Sie schafften es unter die zehn besten. Ihr Lied "Nazis raus" erscheint im August auf dem Sampler des Projekts.
Aber auch Solo erzielen sie erste Erfolge. Gitarrist Manu schaffte es beim Contest "Dein Song" vom Kinderkanal mit seinem Lied "Hate War" unter die besten acht. Mit der Band Aloha from Hell, die 2007 einen Nachwuchswettbewerb der Bravo gewannen, wird er Ende August sein Stück im Studio einspielen und ein Musikvideo dazu drehen. Auf der großen Abschlussshow im November, auf der Manu auftreten wird, küren die Zuschauer dann den Sieger.
Im Moment sei alles noch ein Hobby, sagt Pelle. "Aber wir würden es gerne weiterführen, große Auftritte spielen und Geld damit verdienen." Der Auftritt mit den Killerpilzen ist ein weiterer Schritt dorthin. Auf dem "Kids4Rock"-Festival werden Speed im September mit ihren Idolen auf einer Bühne stehen. Erstmal stehen aber die Sommerferien an. Danach werden die vier ihren Traum vom Rockband-Dasein weiterverfolgen.