Schülergerichte in Sachsen: Im Anklagesessel - DER SPIEGEL
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Jugendliche als Richter: Wenn die Strafe zur Verhandlungssache wird

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Schülergerichte in Sachsen Im Anklagesessel

Ein Video geklaut? Schwarzgefahren? Den Nachbarn beleidigt? Wegen solcher Vergehen müssen Jugendliche in Sachsen nicht sofort vor ein hohes Gericht. In Schülergerichten treffen sie auf gleichaltrige Richter, die gemeinsam mit ihnen überlegen, welche Strafe angebracht ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal, wenn Michael Sassimowitsch die Straße entlangläuft, passiert es. Er entdeckt ein ihm bekanntes Gesicht, hört eine vertraute Stimme und erinnert sich: Das war doch der Kaufhausdieb. Oder der Krawallmacher. Oder der Pöbler. Mit ihm hatte er doch noch vor einigen Monaten in einem kleinen Zimmer zusammengesessen und ihm seine Strafe vorgelesen. Ob es etwas genutzt hat?

Michael Sassimowitsch ist 18 und einer der dienstältesten Schülerrichter in Leipzig. Er verhandelt mit Ersttätern zwischen 15 und 18 Jahren darüber, welche Strafe für ihr Vergehen angemessen ist. Meistens landen bei ihm nur leichte Straftaten. Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher Pralinen für seine Mutter geklaut hat oder ein Motorrad für eine Spritztour, dann müssen die Täter nicht immer sofort auf die harte Anklagebank eines sächsischen Landgerichts. Stattdessen dürfen sie sich in den weichen Sesselkissen in einer Leipziger Industriellenvilla niederlassen.

Das Jugendhaus in Leipzig leuchtet in freundlichem Gelb. Im Garten hängen die Pflaumenbäume voller Früchte, die Herbstsonne bricht durch die Zweige in die hohen, stuckverzierten Räume. An den Wänden hängen bunte Papierbögen, auf Flipcharts stehen Seminarnotizen. Das Jugendhaus Leipzig ist kein Ort, der nach Bestrafung aussieht. Eher nach einem netten Gespräch. Und genau das soll auch darin stattfinden.

Die gleichaltrigen Richter sollen das Unrechtsbewusstsein wecken

"Komm doch zu uns herein", sagt Michael Sassimowitsch zu einem zusammengekauerten Häufchen namens Ben. Er reicht ihm seine große, trockene Hand, fragt, ob er den Weg gut gefunden habe. Erzählt von seiner eigenen Buspanne am Morgen. "Das soll erst mal Vertrauen schaffen und ihm signalisieren: Wir sind genau wie du", sagt Michael später. Denn genau darum geht es ja bei der Idee der Schülergerichte: Gleiche für Gleiche.

"Jugendliche im selben Alter finden oft einen leichteren Zugang zu den Beschuldigten", sagt Till Pietzcker. Er ist Sprecher des Justizministeriums in Sachsen, das sich die Idee mit den Schülergerichten vor vier Jahren hat einfallen lassen und das es heute auch bezahlt.

Bis zu Beginn des Schuljahrs gab es die Gerichte nur in drei sächsischen Städten auf Probe - in Leipzig, Zwickau und Bautzen. Jetzt soll das Projekt auch auf Görlitz und Chemnitz ausgeweitet werden. Denn die Erfahrungen seien gut. Gleichaltrige sähen in Straftaten bestimmter Kategorien, wie zum Beispiel Ladendiebstähle oder Fahren ohne Fahrerlaubnis häufig als sportliche Leistung an, für die sie sich Anerkennung erhoffen. "Eine missbilligende Reaktion durch Gleichaltrige kann hier eine positive Änderung des Unrechtsbewusstseins bewirken." Und das scheint in vielen Fällen tatsächlich zu funktionieren.

"Das war Scheiße"

Ben sitzt zusammengesunken auf den weißen Polstern im Jugendhaus. Michael und zwei andere Schülerrichterinnen sitzen um ihn herum an einem niedrigen Tisch und schauen ihn erwartungsvoll an. Ben schluckt, holt Luft und geht in Gedanken zurück an jenen Tag im Kaufhaus in der Leipziger Innenstadt.

Als er da stand, zwischen den Regalen, und das Computerspiel sah. Als es plötzlich nichts Wichtigeres mehr gab, und er es nur noch haben wollte. Im Portemonnaie war nicht mehr genug Geld dafür. Aber das tat der fast körperlich fühlbaren Lust auf das Spiel keinen Abbruch. Er schaute nach rechts und links, kein Verkäufer da, und schon steckte die DVD im Anorak.

"Das war Scheiße", sagt Michael, und über seiner Nase kerbt sich eine Falte. Seine Augen hinter der schwarz gerahmten Brille gucken jetzt ernst. "Ich weiß das ja", sagt Ben, "besser als ihr euch vorstellen könnt." Seine Eltern hatten ihm wochenlanges PC-, Fernseh- und Ausgehverbot erteilt. Dem Fußballtrainer hatten sie es sogar erzählt, was dann schnell die Runde unter seinen Kickerfreunden machte. Seitdem hänselt ihn der ganze Verein.

"So was möchte ich mir nicht noch mal antun", sagt Ben, und die Stimme fällt auf Flüsterniveau. "Was würdest du als Strafe vorschlagen?", fragt Michael, und Ben erzählt davon, wie er die jüngsten Fußballer trainieren möchte. Ihnen wieder ein Vorbild sein könnte. Es auch dort im Verein wieder ausbügeln möchte.

Jugendliche sollen sich mit ihrer Tat in kreativer Weise auseinandersetzen

"Ich erkenne mittlerweile, ob mir jemand was vormacht oder nicht", erklärt Michael später. Mit jeder Verhandlung öffnet sich ihm eine neue Geschichte, ein neues Schicksal, ein neuer Mensch. "Das finde ich ja das Interessante dabei." Im Grunde hätte Michael genug anderes zu tun. Er ist Klassensprecher, spielt in der Musikschule Akkordeon, begleitet den Schulchor am Klavier und verdient sich in einem Freizeitpark noch etwas zum Taschengeld dazu.

Aber das Schülergericht, das hat ihm ganz neue Perspektiven aufgezeigt. Auch beruflich: Vor zwei Jahren hat er sich für ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft entschieden und durfte auch in die Akten von schweren Verbrechen gucken und an den Verhandlungen teilnehmen. Seitdem steht für ihn fest: Er wird nach dem Abitur Jura studieren. Und natürlich Richter werden.

"Ich finde, Ben hat schon ziemlich viel Bestrafung durch seine Eltern erfahren", sagt Michael zu seinen zwei Kolleginnen, als der Beschuldigte den Raum verlassen hat. "Wir sollten ihm in seinem Vorschlag für die Strafe folgen." Die Richter dürfen nicht mehr als 15 Sozialstunden verhängen. Schwerere Fälle bekommen sie auch gar nicht von der Staatsanwaltschaft übermittelt.

Meistens wollen sie den Beschuldigten aber dazu motivieren, sich mit seiner Tat in kreativer Weise auseinanderzusetzen. Er mag HipHop? Soll er einen Rap darüber schreiben, wie es dem Typen geht, dem er das Motorrad geklaut hat. Sie kann malen? Sie könnte einen Comic darüber zeichnen, wie es in dem Tante-Emma-Laden nach dem Diebstahl weitergeht. Er ist in der Theatergruppe? Dann wäre doch ein Stück im Altenheim denkbar.

"Die Schülerrichter haben da freie Befugnis", sagt Rainer Dietrich. Der Sozialarbeiter betreut die elf Leipziger Schülerrichter und sitzt bei jeder Verhandlung etwas abseits, um notfalls eingreifen zu können. "Das musste ich aber bisher noch nie", sagt Dietrich. "Die Schülergerichte sind für die Jugendlichen ja eine große Chance."