Nachdenken über Vorurteile Hilfe, ich bin eine Lästerschwester
Schülerin Clair: Eigener Vorurteile nicht bewusst
Ich bilde mir immer selbst eine Meinung. Das habe ich zumindest die letzten Jahre von mir gedacht, und auch, dass ich meinen Nächsten respektiere und andere Lebensentwürfe toleriere. Dazu wollten mich meine Eltern erziehen. Und eigentlich war ich immer der Meinung, dass ihnen das recht gut gelungen ist.
Bis zu dieser Redaktionssitzung unserer Schülerzeitung neulich. "Vorurteile" waren das Thema, und eine Idee dazu, die eigenen Vorurteile bewusster wahrzunehmen, indem ein Redakteur sie protokolliert. Keiner meiner Mitschüler war dazu bereit, also meldete ich mich. Ich war allerdings nicht darauf gefasst, welche erschreckenden Angewohnheiten ich an mir entdecken würde.
Einmal sensibilisiert, entdeckte ich, wie schnell ich nach dem ersten Blick über Menschen urteilte. Etwa über die fette Frau in Leggings, die an der Bushaltestelle in ihren abgelatschten Schlappen und einer Zigarette in der Hand an mir vorbeischlenderte - sie ist garantiert eine Schnorrerin im sozialen System. Oder über den schlecht gekleideten Nerd aus einer Schul-AG, der sich für meine Begriffe etwas zu sehr engagiert - er ist bestimmt ein langweiliger Streber. Das hübsche Mädchen im Deutschkurs ist eigentlich eine Freundin von mir, doch sie bringt mich auf die Palme, weil jeder sie mag und sie immer gute Laune hat. Und meine Lehrerin in ihren hässlichen bunten Pullovern und der biederen Frisur halte ich für inkompetent. Jeden dieser Gedanken notiere ich. Schon bald fühle ich mich schlecht.
Dampf ablassen
Fakt ist, dass ich mir jeden Tag in Sekundenschnelle eine Meinung über Menschen bilde. Und zwar auch über Menschen, denen ich noch nie zuvor begegnet bin. Ich überlege erst gar nicht, ob die dicke Frau in den Leggings vielleicht besonders liebenswert sein könnte. Ob sie vielleicht drei Kinder geboren hat, oder richtig klug ist. Ob meine Lehrerin das Geld für neue Kleidung lieber in Weltreisen investiert. Ich frage mich, warum ich solche Gedanken überhaupt entwickle.
Lästereien gibt es immer, und es ist wissenschaftlich bewiesen, dass sowohl Frauen als auch Männer lästern, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Sie wollen Dampf ablassen. Vorurteile sollen also eigentlich dafür sorgen, dass ich mich besser fühle. Ein Vorurteil wird meist gebildet, wenn etwas nicht in das eigene Idealbild passt, und es basiert oft auch auf schlechten Erfahrungen.
Was denken die anderen über mich?
Ist es nicht so, dass etliche Jugendliche und Erwachsene mit Migrationshintergrund Beschimpfungen ausgesetzt sind? Das ihnen vorgeworfen wird, "asozial" zu sein, "den Deutschen die Arbeit wegzunehmen" oder "nicht einmal die deutsche Sprache lernen" zu wollen? Und wie oft muss sich ein schwuler Mann noch hinter seinem Rücken "Schwuchtel" nennen lassen? Jeder Hartz IV-Empfänger wird in denselben Topf geworden: "Die tun doch nix und leben auf Kosten anderer", höre ich manchmal in meiner Umgebung.
Was denken diese Leute eigentlich von mir, wenn sie mich sehen? Ich bin verunsichert. Sind meine Freundinnen immer ehrlich zu mir? Habe ich wirklich eine gute Figur oder wird über mich gelästert? Wird mein Traum, Tanzlehrerin zu werden, wirklich bewundert - oder belächelt?
Es ist wohl eine Frage des Maßstabs. Zu gelten scheint oft: Eine schöne Figur ist nur mit Untergewicht möglich. Ein erfolgreiches Leben basiert auf viel Geld. Eine glückliche Beziehung muss bei Facebook zu sehen sein. Das fühlt sich gar nicht mehr nach Freiheit an. Mit Stereotypen und Vorurteilen nehmen wir uns die Möglichkeit zur freien Entfaltung. Und werden dadurch nicht nur intoleranter, sondern auch unsicherer.
Ich glaube nicht, dass ich vorurteilsfrei leben kann. Aber ich hoffe, mein schlechtes Gewissen hört nun aufmerksamer zu und erzieht mich zu weniger schlechten Gedanken. Vielleicht wäre es gar nicht so verkehrt, wenn jeder einmal einen Tag lang seine Gedanken protokollieren würde.
Text von Clair Karkoszka aus der Schülerzeitung "Wortgefecht" , redaktionell bearbeitet von Carola Padtberg