Schule maritim Im Klassenzimmer querweltein
Das neue Klassenzimmer von Nick Deimel ist fast 50 Meter lang und hat einen 400 PS starken Motor. Für sieben Monate hat der 15-Jährige den Pausenhof gegen das Achterdeck getauscht und wird nun auf der Thor Heyerdahl auf den Weltmeeren unterwegs sein einem Dreimast-Toppsegelschoner, der ihm in dieser Zeit als Zuhause und Schule dient. 30 Schüler, vier Lehrer, sechs Matrosen, ein Kapitän und ein Bordarzt das ist die Mannschaft der "Thor Heyerdahl" für das Projekt "High Seas High School", ein Austausch-Jahr auf hoher See.
Auf ihrem Törn werden die 15- bis 17-jährigen Schüler unter anderem in Costa Rica, Belize, Kuba und den Azoren festmachen und mehr als 13.000 Seemeilen zurücklegen. Auch Aufenthalte bei Gastfamilien und Ausflüge in den Dschungel sind geplant. In der Zwischenzeit geben vier Lehrer Unterricht an Bord, der etwas anders ausfällt als gewohnt: "In Biologie sezieren wir frische Fische, in Physik berechnen wir die Wasserverdrängung, in Erdkunde und Deutsch werden Referate über die Länder gehalten, die wir bereisen", erklärt Projektleiter Florian Schleswiger.
Die Zeit auf See bedeutet auch Verzicht. Bei der Überquerung des Atlantiks muss die Crew Süßwasser sparen dann darf nur jeden dritten Tag geduscht werden. Außerdem gelten strenge Regeln: Kopfhörer und Handys etwa sind auf Deck verboten, Laptops dürfen nur nach Genehmigung angeschaltet werden. Nachts schlafen die Schüler zu sechst in Kammern von sieben Quadratmetern in Doppelstockbetten und müssen sich absprechen, in welcher Reihenfolge sie aufstehen und sich anziehen wollen. Und sollte die 77 Jahre alte Thor Heyerdahl in ein Unwetter geraten, können sich die Schüler nicht in die Kajüten zurückziehen sondern müssen als Seemänner auf Deck.
Rudergehen und Reinschiff machen
Für die Crew und die Schüler begann das Schuljahr auf See schon eine Woche vor dem Auslaufen: Sieben Tage verbrachte die Besatzung probeweise auf dem Schiff im Kieler Hafen. Allein 400 Eier und 14 Tonnen Wasser lud die Crew an Bord und verstaute kistenweise Proviant in dem vier Quadratmeter großen begehbaren Gefrierschrank. Während die Schüler dem Schiff einen neuen Anstrich von außen verpassten, wurde noch eine Kammer zur Bibliothek umgebaut, wo Bücher aufbewahrt, gelernt und an Computern gearbeitet werden kann. Dort sollen auch Tagebucheinträge entstehen, die von nun an in regelmäßigen Abständen im SchulSPIEGEL zu lesen sein werden.
Nachwuchs-Matrose Nick Deimel besucht eigentlich das Elite-Internat Schloss Salem am Bodensee und wurde durch die Thor-Heyerdahl-Crew des letzten Jahres auf das Projekt aufmerksam. "Sie haben mir in den höchsten Tönen von der Thor vorgeschwärmt", sagt der gebürtige Düsseldorfer. "Schon als ich die ersten Fotos sah, wurde mir klar: Das ist das Abenteuer, wonach du gesucht hast." Und um den Lernaspekt zu betonen, fügt er auf Latein hinzu: "Navigare necesse est" Seefahrt tut not.
Der 16-jährige Heiner Eilers aus dem ostfriesischen Aurich ist dabei, weil er einen Tagebuchbericht von einem Mann las, der mit 18 Jahren allein um die Welt segelte. "Genau das habe ich auch vor", meint Heiner und will sich durch den Highschool-Törn auf den Alleingang vorbereiten. Esther Kohnen, 17, arbeitet oft im Schulplanetarium mit und hofft, auf der Fahrt über den Atlantik viel vom Sternenhimmel zu sichten. "Ich bin aber auch gespannt, wie es ist, drei Wochen nichts außer Wasser zu sehen", findet die Gymnasiastin aus Hannover.
Die erste Nacht auf See verbrachten die Schüler im geschützten Eingang des Nord-Ostsee-Kanals, passierten in den folgenden Tagen die Nordsee und durchqueren nun den Englischen Kanal und nehmen Kurs auf die Kanarischen Inseln. Am 1. November laufen sie im ersten Zielhafen ein: in Santa Cruz auf Teneriffa. Bis dahin werden sie auch die ersten Seemans-Kniffe erlernt haben: Wie man die Seekrankheit übersteht und sich in die Bordroutine einfindet, wie sie Segel setzen und bergen, Rudergehen und Navigieren. Spätestens dann werden sie auch gelernt haben, was die Ausdrücke "Reinschiff machen" und "Potackendrehen" auf Seemännisch beschönigen: Putzen und Kartoffeln schälen.