Schulkleidung: Textil fürs Wir-Gefühl - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schulkleidung Textil fürs Wir-Gefühl

An einer bayerischen Realschule hatten es die Schülerinnen satt, dass einige Mädchen hochgestylt zum Unterricht erschienen. Sie verlangten Schuluniformen und boten sich freiwillig als Testpersonen an. Nun wurde die Einheitskleidung verbindlich eingeführt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Vorschlag von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), einheitliche Schulkleidung einzuführen, hat in Bayern wie in fast allen Bundesländern gemischte Reaktionen hervorgerufen. Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hält Schuluniformen für eine "gute Idee", lehnt aber wie das bayerische Kultusministerium eine gesetzliche Vorschrift ab. "Das sollten die Schulen vor Ort gemeinsam mit Eltern und Schülern entscheiden", sagt der Ministeriumssprecher Ludwig Unger.

Während in der Politik noch diskutiert wird, ist für die Schüler an zwei bayerischen Schulen die einheitliche Kleidung bereits Alltag. In der Columba-Neef-Realschule, einer Mädchen-Schule im niederbayerischen Ortenburg, testen die Schülerinnen einer achten Klasse den Schuldress bis Ende des Schuljahres. Ziel der einheitlichen Kleidung sei es, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, sagt Konrektorin Beatrix Kröninger. "Als Klosterschule sind wir aber selbstverständlich auch darauf bedacht, dass die Schülerinnen nicht bauchfrei zum Unterricht erscheinen", fügt Kröninger hinzu. Das sei jetzt ein "positiver Nebeneffekt".

Auch Taschen und Käppis geplant

Die Schulleitung habe den "jungen, selbstbewussten Frauen" aber keine "Schlabber-T-Shirts" oder konservative Kleidung aufzwingen wollen. "Deshalb sind die Oberteile chic und körperbetont", sagte Kröninger. Die Kollektion beschränke sich auf T-Shirts, Sweatshirts und Kapuzenjacken in fünf verschiedenen Farben, die mit dem Schullogo versehen sind.

Während die einen noch testen, wurde die einheitliche Schulkleidung in der Realschule Haag im Kreis Mühldorf in Oberbayern seit diesem Schuljahr für die fünfte Jahrgangsstufe verbindlich eingeführt. "Die Kleidung beschränkt sich auf Oberteile, in der Zwischenzeit lassen wir aber auch Taschen, Schlüsselbänder und Käppis herstellen", sagt Schulleiter Dieter Landthaler.

Schüler und Eltern hätten keine Vorbehalte gegen die Kleidung geäußert, die "qualitativ gut, aber billig" sei, so Landthaler weiter. Um den Geldbeutel der Eltern zu schonen, sei in der Schule ein "Second-Hand-Shop" eingerichtet worden, in dem gebrauchte Schulkleidung günstiger erworben werden könne.

Auch an der Realschule Haag soll die Schulkleidung zur Teamfähigkeit und einem größeren Gemeinschaftsgefühl beitragen, sagte Landthaler. "Die Schule soll für Kinder und Jugendliche eine Heimat und ein Arbeitsplatz sein." Und: Die Schüler konzentrierten sich jetzt mehr auf das Lernen, da die Schülerinnen "dezent gekleidet" zum Unterricht erschienen, fügt der Schulleiter hinzu.

Die Idee, Schulkleidung einzuführen, wurde den Schülern allerdings nicht aufgezwungen. In der Columba-Neef-Realschule wurde das Konzept dafür von den Schülerinnen erstellt. Die jungen Frauen der Test-Klasse haben sich Kröninger zufolge "freiwillig" als Versuchspersonen gemeldet. Von der Uni Passau werde die Schule in ihrem Modellversuch wissenschaftlich betreut. In der Realschule Haag waren es Schülerinnen, die es "satt hatten, dass andere Schülerinnen hochgestylt in die Schule kamen" und deshalb den Schuldress verlangten.

Kröninger hofft, dass das Projekt ein voller Erfolg wird und im kommenden Schuljahr die Kleidung in ihrer Schule eingeführt wird. "Das Kultusministerium hat schon mal keine Bedenken geäußert", ist Kröninger zufrieden.

Von Monica Pucci, ddp

Verwandte Artikel