Schulkrankheit Mobbing: "Es fehlt Vertrauen" - DER SPIEGEL
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Schulkrankheit Mobbing "Es fehlt Vertrauen"

In neun von zehn Klassen wird gemobbt, sagt Horst Kasper. Im Gespräch mit dem Jugendmagazin "Spiesser" erklärt der frühere Schulleiter, wo Mobbing am häufigsten geschieht und wer den Opfern hilft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Foto: DPA

Frage: Ist Mobbing an den Schulen ein großes Problem?

Horst Kasper: Ja, nach meinen eigenen Untersuchungen sind 16 Prozent aller Kinder betroffen. Nur in jeder zehnten Klasse gibt es kein Mobbing.

Frage: Wie kann man dagegen vorgehen?

Kasper: Die Lehrer müssen eine klare Position beziehen und zeigen, dass sie Mobbing nicht dulden. Häufig schätzen sie die Situation falsch ein und sagen sich: Die Kinder müssen das unter sich regeln. Aber das können Mobbing-Opfer nicht. Unabhängig davon sind auch Helfergruppen in Schulen sinnvoll.

Frage: Ist Mobbing nur ein Problem der heutigen Generation, oder gab es das auch schon zu Ihrer Schulzeit?

Kasper: Die Phänomen sind alt, man hat sie zu meiner Schulzeit nur anders bezeichnet. Neu ist das Ausmaß. Klar gab es das damals auch schon, aber heute neigen mehr Leute zu Gewalt. Bei allen schlimmen Gewalttaten an Schulen gibt es im Vorhinein Mobbing. Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, war in der Schule auch mal Mobbing-Opfer. Der Kerl ist getriezt worden. Erst danach kamen die Killerspiele.

Frage: Mobben Hauptschüler mehr als Mittelschüler oder Gymnasiasten?

Kasper: Nein. Nach meinen Untersuchungen ist die Mobbing-Rate in den mittleren Klassen der Realschule am höchsten.

Frage: An wen wenden sich die Opfer in der Regel?

Kasper: Ansprechpartner sind in den häufigsten Fällen erstaunlicherweise die Eltern, danach folgen die Mitschüler, und erst an dritter Stelle stehen die Lehrer. Da ist kaum Vertrauen da, was sicherlich auch daran liegt, dass bei jedem fünften Mobbing-Fall Lehrer beteiligt sind.

Frage: Gibt es auch Mobbing unter Lehrern?

Kasper: Ja, das gibt es auch, selbst zwischen Lehrern und der Schulleitung.

Frage: Wurden Sie selbst gemobbt?

Kasper: Nein, das war nicht der Fall. Erst seitdem ich im Ruhestand bin, beschäftige ich mich mit dem Thema.

Das Interview führte Anne Hähnig