Sitzenbleiben: Schaufelbagger statt Rüttelsieb - DER SPIEGEL
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Sitzenbleiben Schaufelbagger statt Rüttelsieb

Deutschlands Schulen sind spezialisiert aufs frühe Sortieren. Wer den Anschluss verpasst, wird nicht intensiv gefördert, sondern bleibt sitzen. Das wird sich ändern - und eine Umkehr ist lange vor 2067 zu erwarten.
Von Jochen Bölsche
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Jahrzehntelang hat Deutschland seine schulischen Chancen im Wortsinne versiebt. In dem Irrglauben, in homogen zusammengesetzten Klassen lasse sich am besten lernen, werden Lernschwache noch immer unmittelbar nach der Grundschule, im Alter von zehn oder elf Jahren, wie mit einem Rüttelsieb heraussortiert und in die sträflich vernachlässigte Hauptschule abgeschoben, wo das Schulsystem sie vielfach verkommen lässt.

Seit Veröffentlichung der Pisa-Zahlen ist publik, wohin das führt. In Deutschland, OECD-weit die Nation mit der kürzesten Grundschulzeit, zählt fast ein Viertel der 15-Jährigen zur Risikogruppe derer, die allenfalls einfachste Texte verstehen und damit beruflich nahezu chancenlos sind.

Doch seit der Pisa-Debatte ist das deutsche Dogma vom Segen frühzeitiger Separierung ins Wanken geraten. Allmählich greift die Einsicht um sich, "dass eine frühe Trennung nicht leistungsförderlich ist" (SPD-Bildungspolitikerin Edelgard Bulmahn). Und damit wächst die Chance, dass, wie in den Pisa-Siegerländern, auch deutsche Schulen bestrebt sein werden, gleichsam wie mit einem Schaufelbagger möglichst viele Schüler möglichst weit mitzunehmen auf dem Weg nach oben.

In Frage gestellt wird zugleich eine deutsche Spezialität: das Sitzenbleiben. Nahezu ein Viertel aller Schüler hierzulande hat zumindest ein Schuljahr wiederholt. Pro Jahr bleiben 250.000 Schüler sitzen, mehr als in allen anderen Industriestaaten, eine gigantische Verschwendung von Lebenszeit und Lehrkapazität.

Die Konsequenz liegt so nahe, dass eine Umkehr lange vor 2067 zu erwarten ist: Verbesserte Grund- und mehr Ganztagsschulen, dazu mehr Lehrer und Mentoren auch aus Zuwandererfamilien sowie, wenn nötig, Förderkurse in den Ferien und an den Wochenenden – dies alles böte hinreichend Zeit und Gelegenheit, um auf schwache Leistungen generell mit individueller Hilfe statt mit Nichtversetzung oder Abschiebung ins schulische Abseits zu reagieren.


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