Sitzenbleiber Weniger Ehrenrunden
Im Schuljahr 2004/2005 drehten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2,8 Prozent der insgesamt neun Millionen Schüler an allgemein bildenden Schulen eine Ehrenrunde. Das ist der niedrigste Wert seit 1997/98. Die Quote hatte 2001/02 mit 3,3 Prozent einen Höhepunkt erreicht und war seitdem kontinuierlich gesunken.
Kaum Unterschiede gab es zwischen den Schülern in West- und Ostdeutschland. Im Vergleich der einzelnen Bundesländern stellten die Statistiker jedoch aufgrund länderspezifischer Versetzungsregeln zum Teil große Differenzen fest. Die höchste Wiederholerquote wies Bayern mit 4,1 Prozent auf, die geringste Baden-Württemberg mit 1,9 Prozent.
Die meisten Sitzenbleiber gab es anteilig im Bundesdurchschnitt mit 5,1 Prozent bei den Realschulen. Derselbe Wert wurde bundesweit in der 9. Klassenstufe - offenbar eine vergleichsweise hohe Hürde für gefährdete Schüler - erreicht, wobei mehr Jungen (5,8 Prozent) als Mädchen (4,3 Prozent) dieses Schuljahr wiederholen mussten. Am Beginn der Schulzeit, im Primarbereich, wiederholen dagegen mit 1,4 Prozent noch vergleichsweise wenige Schüler die Klassenstufe.
Angeblich hohe Kosten
Die Frage, ob Sitzenbleiben sinnvoll ist oder nicht, ist schon seit Jahren ein Glaubenskrieg unter Pädagogen und Bildungspolitikern. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft trommelt beständig gegen die Ehrenrunde, einzelne Bundesländer wie Schleswig-Holstein kündigten zwischenzeitlich an, das Sitzenbleiben ganz abzuschaffen. Die Kosten für Ehrenrunden beziffern die Lehrerlobbyisten auf insgesamt 1,2 Milliarden Euro pro Jahr.
Zu den Ehrenrunden-Gegnern zählen zum Teil auch andere Lehrerorganisationen sowie der Bundeselternrat. Sie stützen sich nicht nur auf Ergebnisse der Schulforschung, sondern verweisen zudem auf die internationalen Pisa-Vergleiche: Während Deutschland beim Sitzenbleiben in der Spitzengruppe liegt, haben erfolgreichere Staaten es ganz abgeschafft. In Ländern wie Finnland rückt sogleich eine Art Schlechte-Schüler-Feuerwehr aus und leistet erste Hilfe.
Eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung streute dagegen Zweifel an der gängigen Lehrmeinung der Ehrenrunden-Gegner:
Sitzenbleiber bringen es weiter als Klassenkameraden, die immer versetzt wurden, so das verblüffende Ergebnis der Untersuchung. Im Durchschnitt schaffen die Wiederholungstäter etwas bessere Abschlüsse und beenden die Schule seltener mit einem niedrigen Abschluss.
Und im innerdeutschen Vergleich der Bundesländer ragt das Abschneiden Bayerns heraus: Die Blau-Weißen sind Pisa-Primus - und besonders fleißig im Drehen von Ehrenrunden.
jaf/ap/ddp