Späte Einschulung Apfel oder Münze
Im Mittelalter war das Verfahren simpel. Das Kind wurde vor die Wahl gestellt: Apfel oder Münze? Wählte das Kind die Münze, wurde das als Ausdruck der Reife gewertet - und das Kind wurde zur Ritter-Ausbildung zugelassen. So einfach ist es mit Reifeprüfung für die Schule heute nicht mehr. Die entscheidende Rolle für die Einschulung spielt das Alter - aber es gibt Ausnahmen.
Bei der Einschulung gilt in Deutschland die Stichtags-Regelung: Alle Kinder, die bis zum 30. Juni eines Jahres ihren sechsten Geburtstag gefeiert haben, können schon ihren Schulranzen packen. Dagegen werden Kinder, die zwischen dem 1. Juli und dem 1. August sechs Jahre alt werden, zurückgestellt und in der Regel erst im darauf folgenden Jahr eingeschult. Allerdings können die Eltern in diesem Fall auch die Schulreife ihres Kindes testen lassen. Es kann so zeigen, dass es stillsitzen, basteln und zuhören kann - kurzum: schulreif ist.
Ältere Schüler sind nicht besser
Doch eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen zeigt nun, dass das Einschulungsalter offenbar keinen Einfluss auf den späteren Lernerfolg hat. Kinder, die zunächst zurückgestellt und damit verspätet eingeschult wurden, erreichten keinen nachweisbar besseren Schulabschluss, erklären die Forscher. Die zurückgestellten Kinder blieben auch nicht seltener sitzen als die anderen Schüler. Ohne triftigen Grund, folgern die Essener Wissenschaftler, sollten Kinder deshalb nicht spät eingeschult werden.
Damit widerlegen die Forscher des RWI auch ein Argument, das sich seit der Pisa-Studie hartnäckig hält. Bei den kniffligen Aufgaben des internationalen Bildungstests schnitten die deutschen Schüler alles in allem enttäuschend ab, was auch auf das hohe Durchschnittsalter beim Schuleintritt zurückgeführt wurde. Die Ergebnisse des RWI legen nun nahe, dass diese Schlussfolgerung falsch ist.
Die Essener Forscher Michael Fertig und Jochen Kluve analysierten die Daten des "Jungen-Erwachsenen-Längsschnitts", der rund 2800 Menschen aus Ost- und Westdeutschland erfasst, die zwischen 1966 und 1980 eingeschult worden waren. Sie wurden zwischen 1991 und 1996 rückblickend zu ihrer Schulzeit befragt. "Natürlich können wir nicht behaupten, dass unsere Ergebnisse im gleichen Maße auch für die heutige Zeit gelten", erklärte Kluve. Doch gerade im stark meinungsgeprägten Forschungsfeld der Schulbildung könne die Studie als solide Diskussionsbasis dienen.
Deutsche sind Spätzünder
Um den Bildungserfolg der Schüler zu messen, haben die Forscher zwei Faktoren berücksichtigt: Zum einen prüften sie, ob der Schüler in seiner Schullaufbahn eine Klasse wiederholen musste. Das zweite Kriterium war der Schulabschluss. Bei der Auswertung zeigte sich, dass die späte Einschulung keine Rolle spielte.
Vielmehr kam es auf andere Bedingungen an: Für die Schulkarriere eines Kindes sei vor allem der Bildungshintergrund der Eltern entscheidend, schreiben Kluve und Fertig - je höher der Abschluss der Eltern ist, desto weiter kommen auch ihre Kinder.
"In den sechziger und siebziger Jahren gab es in Deutschland einen deutlichen Trend, die Kinder erst einmal zurückzustellen", sagte Kluve. Die Praxis passte in die Zeit: Rückstellungen waren deshalb populär, weil den Kindern Zeit zur Reifung gegeben und frühe Misserfolgserlebnisse im System Schule vermieden werden sollten. Viele Kinder kamen deshalb erst mit sieben Jahren in die Schule. Inzwischen gehen immer mehr Eltern dazu über, ihr Kind möglichst früh einzuzschulen. Im internationalen Vergleich gelten deutsche Schüler trotzdem als Spätzünder: In Frankreich oder Australien bekommen schon Fünfjährige die Schultüte in die Hand gedrückt.
Genau diesen Fall wollen die Essener Forscher nun überprüfen: Sind vielleicht die früh eingeschulten Kinder erfolgreicher? "In unserem Datensatz hatten wir nur ganz wenige Schulkinder, die mit fünf eingeschult wurden", erklärte Kluve. Bis es erste Ergebnisse gibt, kann es also dauern - mehr als fünf oder sechs Jahre.
Jens Radü