Sprachen: Prag statt Portsmouth - DER SPIEGEL
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Sprachen Prag statt Portsmouth

Klassenfahrt nach England? Austausch in die USA? Ach was - in Sachsen orientiert man sich am Wirtschaftsboom der Nachbarn. Ein Gymnasium in Pirna mausert sich zur Kaderschmiede für Osteuropa-Spezialisten, weil dort ab der fünften Klasse Tschechisch gepaukt wird.
Von Kilian Kirchgeßner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tschechisch ist knifflig. Sieben Fälle gibt es und Dutzende verschiedene Endungen und Vokabeln, die für ein ungeübtes Ohr so fremd klingen wie Chinesisch. Simon kämpft gerade mit den Adverbien, Leistungskurs Tschechisch, 11. Klasse, sechste Stunde. Der 16-Jährige lernt zwar schon seit sechs Jahren Tschechisch, trotzdem baut er seine Sätze noch ganz langsam, wägt vorsichtig jedes Wort.

Tschechisch ist für deutsche Schüler in Sachsen stark im Kommen. Am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna lernen die Schüler ab der 5. Klasse die komplizierte Sprache des Nachbarlandes. Viele sehen ihre berufliche Zukunft jenseits der Grenze. Kein Wunder: Die Arbeitslosigkeit in der Sächsischen Schweiz kratzt an der 20-Prozent-Marke, während in Tschechien die Wirtschaft mit fünf Prozent jährlichem Wachstum verheißungsvolle Rekorde aufstellt.

Von Tschechisch erhofft Simon sich ein entscheidendes Karriereplus erhofft. Zunächst bedeutet das Plackerei. Uèebnice ist das Lehrbuch, slovník bedeutet Wörterbuch. Solche Ausdrücke sollen Schüler in Pirna möglichst automatisch lernen, deshalb ist die ganze Schule zweisprachig beschriftet: An allen Türen hängen zwei Schilder, auf denen die Klasse zusätzlich Tøida heißt und der Schulleiter als pán øeditel ausgewiesen wird – als Herr Direktor.

Zweisprachig geht es auch im sborovna, im Lehrerzimmer, zu. 17 Studienräte kommen aus Tschechien, denn für den ungewöhnlichen Sprachunterricht gibt es in Deutschland kaum qualifizierte Pädagogen. Also werden Pauker importiert – schließlich lernen die Schüler bei Muttersprachlern besonders effizient. Die tschechischen Lehrer sind jung und kommen mit Zweijahres-Verträgen nach Deutschland. Im Schulhaus schallt stets ein Mix aus Tschechisch und Sächsisch über die Flure.

Banken werben um Abiturienten

Das zweisprachige Umfeld ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig. "Doch irgendwann merkt man nicht mehr, welche Sprache man gerade spricht", sagt Anne aus der 11. Klasse. Außerhalb der Schule fühlt sie sich mit ihrem Tschechisch im Vorteil: "Wir haben immer unsere Geheimsprache." Auch im Beruf verspricht sie sich mit ihren Sprachkenntnissen bessere Chancen. Englisch und Französisch, sagt sie, könne ja jeder.

In Pirna belächelt längst niemand mehr die Schüler, die freiwillig gegen die Tücken einer vermeintlichen Ostblock-Sprache kämpfen. Als das Projekt 1994 startete, waren Eltern zunächst skeptisch. So kurz nach der Wende richteten sie ihre Hoffnungen ganz auf den Westen, Tschechisch war nur etwas für abseitige Arbeitsgemeinschaften.

Inzwischen ist Tschechisch zum Karrieremotor für die deutschen Schüler geworden: "Jedes Jahr tauchen hier Banken und Mittelständler auf, die unseren Absolventen ganz gezielte Angebote machen", sagt die stellvertretende Schulleiterin Doris Mühle. Das motiviert die Schüler – seit Jahren schnellen die Anmeldezahlen in die Höhe schnellen. Die Tschechisch-Kurse locken bereits Schüler aus der weiteren Umgebung, die dann zwei Straßen von der Schule entfernt im angeschlossenen Internat wohnen können.

Das Beispiel aus Pirna macht Schule: Von Sachsen bis Bayern entdecken immer mehr Gymnasien entlang der tschechisch-deutschen Grenze ihre Nachbarn und bieten Exkursionen und Landeskunde an. Auch den Sprachunterricht verkaufen sie nicht mehr als rein idealistische Völkerverständigung, sondern werben gezielt mit den handfesten wirtschaftlichen Vorteilen für die Absolventen.

Austausch gerät zum Praxisschock

Der Sprachunterricht in Pirna ist jetzt so begehrt, dass nur die besten Bewerber für den tschechischen Zweig zugelassen werden: Mit einer Aufnahmeprüfung fischt die Schule in jedem Jahr die 15 fittesten Kandidaten heraus. Wer's schafft, paukt fortan sechs Stunden Tschechisch pro Woche. Alle anderen Sprachen müssen zurückstehen – Englisch gibt es zwar auch ab der fünften Klasse, aber weniger intensiv als Tschechisch.

Die erste echte Sprachprüfung steht den Schülern allerdings erst in der 7. Klasse mit dem Schüleraustausch bevor. Es ist eine Art Praxisschock nach langem Grammatik-Pauken: Dann nämlich sitzen 15 Klassenkameraden aus Tschechien in der Klasse, die über ein Stipendium ihren Abschluss in Pirna machen. Wichtige Fächer haben Tschechen und Deutsche fortan gemeinsam und können sich so sprachlich aneinander herantasten. Schüchtern probieren die Deutschen Umgangssprache aus, nicht mehr nur die Verb-Endungen.

Die 17-jährige Anne besucht mittlerweile am Wochenende oft Freunde in Tschechien. "Da kann ich gleich all das anwenden, was ich unter der Woche gelernt habe", sagt sie. Anne gehört zu einer Gruppe von Schülern, die schon jetzt auf einen Auslandsaufenthalt für ihre Karriere setzen, die Schule vermittelt ihnen Praktikumsplätze.

Annes Mitschülerin Kristin hat ihre zwei Wochen an einem kleinen Theater verbracht. "Da habe ich wirklich alles mitgekriegt: Bei einer Generalprobe war ich dabei und habe überall mit angepackt", erzählt sie. Dort hat sie endlich herausgefunden, was sie später nach der Schule machen will: Studieren – und zwar etwas Künstlerisches. "Kulturwissenschaften, Theater, Schauspielerei, irgendwas aus diesem Bereich", sagt Kristin.

So ganz will sie sich noch nicht festlegen. Hauptsache, der Studienort steht schon fest – und da macht Kristin keine Kompromisse: Prag soll es sein, unbedingt.