Südafrika Irgendwo im Nirgendwo
Von Daniel Korioth und Tim Kammann
Als die zweimotorige Propellermaschine zur Landung ansetzt und sich die dichten weißen Nebelschwaden langsam lichten, erstreckt sich unter uns der Blick auf eine kleine Seenlandschaft. In der Ferne sehen wir grün-braune Hügel, kleine Hütten zieren wie zufällig gesetzte Farbtupfen die Landschaft und feine Wassertropfen bahnen sich über die bulligen Flugzeugfenster ihren Weg.
Südafrika: Welcome to Mthatha
Die Landung ist hart, die Gesichter der rund dreißig Passagiere an Bord verraten die Erleichterung. Als die Stewardess die dreistufige "Gangway" des Jetstreams der SouthAfricanAirlink von Hand ausklappt, setzten wir unsere Füße auf die Asphaltpiste des Airports Mthatha, der sich nicht gerade durch regen Flugverkehr auszeichnet. Zwei Starts und zwei Landungen der Flüge nach bzw. von Johannesburg - das ist alles. Irgendwo im Nirgendwo - mitten in Südafrika.
Mthatha liegt in der Eastern Cape Province im südöstlichen Teil Südafrikas. Die Stadt ist nördlich der Provinzhauptstadt Bisho gelegen und die größte Stadt der Region. Rohstoffe gibt es hier keine - und so zählt sie zu den ärmsten des Landes. Acht von zehn Menschen in Mthatha können von Wohlstand nur träumen - selbst wer eine Arbeit gefunden hat, muss sich oftmals mit weniger als 500 Rand (etwa 65 Euro) im Monat durchs Leben schlagen. Ob man dabei auf der örtlichen Uni war oder nicht - die Unterschiede sind gering, die Chancen auf bessere Jobs noch vielmehr.
Für die Welt hat Mthatha von weit weg betrachtet nur wenig zu bieten, das überregionale Strahlkraft besitzt: Eines der wenigen Pfunde mit der die Region rund um die Stadt wuchern kann, sind ihre prominenten Köpfe: Der Freiheitskämpfer und Menschenrechtler Nelson Mandela und der amtierende Präsident Südafrikas, Thabo Mbeki, haben ihre Wurzeln nur unweit der 350.000-Einwohner-Stadt.
"Er ist ein guter Präsident", sagt Zama, ein Jugendbetreuer im SOS-Kinderdorf, und fügt hinzu: "Weil er die nötigen Reformen anpackt, auch wenn nicht alle damit einverstanden sind. Manchmal muss man einfach machen und nicht immer alles ausdiskutieren." Von seiner Gesundheitsministerin ist er da weniger überzeugt: Im Kampf gegen HIV hatte diese ernsthaft den Genuss der südafrikanischen Kartoffel, Knoblauch und Olivenöl empfohlen. Wir fühlen uns an Deutschlands Reformdiskussionen erinnert und verwerfen diese Gedanken gleich wieder nach einem Blick aus dem Fenster.
In einem weißen Jeep sind wir auf dem Weg zum SOS-Kinderdorf Mthatha. Zama, Mitte 20, hat eine Baseballmütze auf und lacht fröhlich vom Beifahrersitz zu den beiden von der Reise wohl etwas mitgenommen aussehenden Europäern herüber. Zama ist "Youth Scout" im SOS- Kinderdorf Mthatha und betreut eine Jungen-WG und mehrere Fußballteams im Dorf. Am Steuer sitzt Cindy, etwa 40 Jahre, und steuert nach wenigen Kilometern zielstrebiger Fahrt den Wagen einen kleinen Hang hinauf. "Mthatha Children's Village" steht in großen bunten Buchstaben neben dem Eingangstor am Straßenrand.
Ein Dorf - und hinter jeder Tür zwanzig Kinderaugen
Bereits seit Mai 1997 gibt es für einige wenige Menschen auch in Mthatha so etwas wie ein "kleines Kap der guten Hoffnung" - rund sieben Stunden Autofahrt vom echten Kap entfernt, denn in diesem Jahr wurde das sechste SOS-Kinderdorf in Südafrika gebaut. Rund drei Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, zwischen einem Wohnviertel des Mittelstandes und zweier Armensiedlungen, wurde das Dorf errichtet, dass nun etwa 150 Kindern eine neue - oder erstmals eine - Heimat bietet. Sie wurden von ihren Eltern ausgesetzt oder konnten nicht mehr versorgt werden. Wer das große Glückslos gezogen hat und einen der wenigen Plätze im SOS Kinderdorf erhalten hat, hatte oftmals kein Zuhause oder eine Familie mehr. "Die meisten haben noch nicht einmal jemanden, den sie in den Ferien besuchen können", erzählt Zama. Entsprechende Fröhlichkeit herrscht im Dorf - die eigene Chance wird von den Kindern erkannt.
Die SOS-Kinder, die im Dorf leben, sind in 15 Familienhäusern untergebracht. In jedem dieser Häuser leben bis zu zehn Kinder, die von jeweils einer SOS-Mutter umsorgt werden. Mutter im SOS-Kinderdorf zu sein, das ist eine Lebensaufgabe. Die SOS-Mütter verbringen dort ihr Leben einschließlich ihres Ruhestands. Dann nämlich können sie auf dem Dorfgelände im Haus für "Alte Mütter" ihren Lebensabend genießen und weiterhin organisatorische und beratende Aufgaben übernehmen. Auch sie profitieren vom SOS-Kinderdorf, ist doch ihre Zukunft und die ihrer eigenen Kinder so ebenfalls gesichert: Essen wird erstattet, Erziehung vorangetrieben und das Wort Sicherheit wird ebenfalls groß geschrieben.
Der Alltag im SOS-Kinderdorf spielt sich je nach Alter zu einem großen Teil im dorfeigenen Kindergarten oder der Hermann-Gmeiner-Schule, einer Grundschule auf dem Gelände, ab. An Festtagen werden kulturelle Ereignisse gefeiert und alte Bräuche am Leben erhalten. "Es ist wichtig, dass man seine Wurzeln nicht vergisst", bemerkt Zama etwas nachdenklich und verlässt uns für einen Moment, um eine Choreografie für den "Cultural Day" einzustudieren. Er selbst kommt auch aus einem Armenviertel Mthathas und teilt damit so manche Erfahrung mit den Jugendlichen, um die er sich nun im Dorf kümmert. Ein Beispiel, das SOS zum System gemacht hat, indem es vor allem auf einheimische Mitarbeiter setzt.
Auch die Kinder, die im Umfeld des Dorfes wohnen, haben die Chance, kostenlos an den Thementagen und Projekten des SOS-Kinderdorfes teilzunehmen. Die umliegende Nachbarschaft ist selbstverständlich mit eingeladen. Auch wenn ein Zaun und ein Wachmann das SOS-Kinderdorf sichern - eine abgeschottete Insel ist es nicht und will es auch nicht sein. Die schulischen Einrichtungen werden nicht nur von SOS-Kindern, sondern auch von "Auswärtigen" besucht. So bietet etwa die Hermann-Gmeiner-Schule bis zu 490 Schülern die Chance auf Bildung. Aufgrund von Schwächen im staatlichen Schulsystem sowie meist ärmlichen Familienverhältnissen ist das keine Selbstverständlichkeit.
Die SOS-Kinderdörfer haben es sich zum Ziel gesetzt, den Kindern eine sichere und unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen und ihnen die Chancen zu geben, die von Deutschen als selbstverständlich betrachtet werden. Und auch wer das SOS-Kinderdorf mit dem Erwachsenwerden verlassen muss, wird nicht fallengelassen. Bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle, einem Studienplatz und der ersten eigenen Wohnung stehen Jugendbetreuer wie Zama ihnen weiterhin mit Rat und Tat zur Seite. "Wer einmal ein SOS-Kind war, wird immer eines bleiben", ist sich Zama sicher: "Wir bemühen uns um eine lebenslange Beziehung."
Abandoned Children
Schulausbildung, eine eigene Wohnung oder der erste Job. Das sind Erfahrungen, die 90 Prozent der Kinder im "Bethany Place of Safety" niemals machen werden können. Einmal im Monat besucht Pieter Labuschagne, einer der Projekt-Koordinatoren der SOS Children's Village Association of South Africa, die Einrichtung abseits vom Stadtgebiet, in der verstoßene, verwahrloste oder allein aufgefundene Babys und Kinder zusammen leben. Diesmal nimmt er uns mit, um uns "die traurige Wirklichkeit da draußen zu zeigen". "I've cried many times in Mthatha", quetscht er leise heraus, während er die Brille auf seiner Nase zurechtrückt. Man hört den Klos in seiner Stimme. Ein Satz, der einem im Gedächtnis bleibt. Auch uns geht es nach einer ersten Runde durch die Stadt nicht anders.
In der oberen Etage des recht geräumigen, aber schlichten Backsteingebäudes kümmert sich eine schottische Krankenschwester mit ihren beiden einheimischen Kolleginnen um die Kleinstkinder, während die etwas älteren im Erdgeschoss auf einigen Bodenmatten herumkriechen. Sie haben gerade ihr Mittagessen bekommen - appetitlich riecht es ganz und gar nicht, aber essbar ist es. "Das zählt hier", flüstert Pieter.
Er nimmt eines der Kinder aus seinem Wärmebettchen, streckt seine Arme aus und lächelt die großen dunklen braunen Augen an: "Was sie hier vor allem brauchen, ist ein Stück Zuneigung." Die Kinder in Bethany sind bis etwa sechs Jahre alt. Wer das siebte Lebensjahr erreicht hat, muss das große Los erst noch ziehen: Seien es Adoptiveltern oder ein Platz im SOS-Kinderdorf - beides ist eine seltene Ausnahme. Was mit den anderen passiert, kann oder will Pieter auch nicht beantworten: "Sie müssen Bethany verlassen - irgendwie." Er schätzt, dass rund 90 Prozent der Kinder mit HIV infiziert sind. Sie vegetieren vor sich hin. Bethany kann ihnen Bezugspersonen, Essen und ein Dach über dem Kopf bieten, eine Zukunft nicht. Mit AIDS hat man keine Zukunft. Es sind die "Abandoned"-Kinder Mthathas. Pieter weiß, dass es eine harte Vorstellung ist, aber das sei die Realität. Von ihren Eltern "weggeworfen", nicht weil sie wollten, sondern weil sie nicht anders konnten.
Bevor wir wieder zum Wagen gehen, wäscht sich Pieter gründlich die Hände: "Man muss halt schon ein wenig aufpassen." Wenn Pieter Labuschagne im nächsten Monat wieder in Bethany vorbeischaut, dann wird er andere Kindergesichter sehen.
Neun Tage Wirklichkeit
Neun Tage in Südafrika. Giraffen und Elefanten haben wir nur am Flughafen auf Postkarten gesehen. Der Tafelberg, der Kruger Nationalpark, Kapstadt und andere südafrikanische Anlegestellen für das Traumschiff sind weit weg. Afrika ist keine große Safari-Landschaft, keine große Kulisse für den Fernsehfilm der Woche - jedenfalls nicht hier. Aber Südafrika ist auch nicht das Stichwort für wohldosierte Mitleidsbekundungen. Das Südafrika, das wir kennen lernen durften, ist bereits mitten in der Zivilisation angekommen, nur seine Menschen konnte es dabei bisher nicht immer mitnehmen. Menschen, die auch in eine Wellblechhütte ein Lachen zaubern können, während ihre Augen eine ungewisse Zukunft widerspiegeln.
Für uns ist Afrika weit weg - Orte wie Mthatha, eine Stadt irgendwo im Nirgendwo, sind ein kleiner Klecks auf der Landkarte, den wohl selbst Afrika-Experten erst nach längerem Stirnrunzeln auf der Landkarte finden würden. Wer einmal die Gelegenheit hatte, die Distanz zu überwinden, für den ändert sich die Perspektive und er merkt, dass wir mit unseren Problemen vielleicht doch nicht der Nabel der Welt sind. Baie dankie. Vielen Dank.