Swasiland: Bitte lächeln - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Swasiland Bitte lächeln

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zeit der traurigen Kinderaugen ist vorbei. Das potenzielle Patenkind lächelt, trägt eine schwarze Nike-Mütze und ist barfuß. Die Wellblechhütte, vor der der kleine VW-Bus hält, liegt am Rande des Armenviertels der Hauptstadt von Swasiland, Mbabane. Vor der baufälligen Hütte stehen die 17-jährige Amanda und ihre Mutter. Sie lächeln den Besuchern entgegen. Insgesamt leben sie hier mit 19 Personen. Zwei Kinder sind schon an Aids gestorben. Amanda unterstützt ihre Mutter so gut sie kann. Sie kocht, macht die Hütte sauber und bringt ihre Geschwister ins Krankenhaus, wenn mal wieder jemand krank ist.

Amandas Traum

Dass jemand im Königreich Swasiland ohne Eltern aufwächst oder gesehen hat, wie seine Geschwister der Aids-Epidemie zum Opfer gefallen sind, ist nichts Besonderes. Die Frage ist, wem es im Elend am schlechtesten geht.

Zwei norwegische Vertreterinnen des Hilfsprojektes sind mit unterwegs. Sie erkundigen sich nach den Fortschritten des Projektes. Für Amanda heißt dies, den beiden netten Frauen aus Norwegen Fragen über Fragen zu beantworten und in die Spiegelreflexkamera zu lächeln. Nur wenn die beiden Frauen von den Erfolgen des "Familiy Care Programme" überzeugt sind, fließt genügend Unterstützung. Die beiden Norwegerinnen sind auch hier, um neue Geschichten über Kinderschicksale zu hören und damit im SOS-Newsletter um weitere Spenden aus Europa zu bitten.

In ihrer linken Hosentasche hat Amanda ein kleines Blatt Papier. Es ist ihr Zeugnis, dass sie bereitwillig vorzeigt. Sie hat überall hervorragende Leistungen. Dank der Hilfe von SOS und der Salvation Army kann sie zur Schule gehen. "Mein größter Traum ist es, einmal Polizistin zu werden" sagt sie unsicher.

Das leidige Geld

"Die Familien bekommen von uns kein Geld", erklärt Babe Rogers, seit fünf Jahren Leiter des Kinderdorfes in Mbabane. Zwischen Holzhütten und Müllbergen hindurch fährt er zu einer weiteren Familie. "Wir unterstützen sie mit manpower, sorgen für Medikamente und psychologische Unterstützung, Essen und Kleidung und ermöglichen den Kindern den Schulbesuch."

Rogers kennt Hunderte solcher Geschichten. Einige Tage nach dem Besuch bei Amanda sitzt er an seinem Schreibtisch. Draußen spielen Kinder. Sie tragen frisch gewaschene T-Shirts und rennen über den grünen Rasen. Nur selten sprechen sie über ihre Vergangenheit, über ihre Heimat, über ihre Familie. An den Wänden des Büros hängen die Bilder der 115 Kinder, die im SOS-Kinderdorf zu Hause sind.

Irgendwann werden Namen für Rogers zu Zahlen, und die Fotos verschwimmen vor seinen Augen zu einem Ganzen. Dann lockert er die hellblau gestreifte Krawatte, schließt die Augen und massiert sich mit Daumen und Zeigefinger die Stirn. Fast entschuldigend sagt er: "Ich weiß, wie viele Geld schon in unser SOS-Dorf geflossen ist, allein für diese 115 Kinder. Aber es ist nötig. Wenigstens diesen Kindern können wir eine Zukunft, eine Ausbildung bieten."

Längst hat er begriffen, welche Katastrophen sich außerhalb der Kinderdörfer abspielen. "Ich rede von Familien, die von der Aids-Epidemie betroffen sind, in denen die Großmutter für die Kinder sorgt, weil die Eltern tot oder die Kinder ganz auf sich alleine gestellt sind." Jedes Mal heißt es dann aufs Neue zu entscheiden, ob es den Kindern und der Familie schlecht genug geht, um ins "Family Care Programme" aufgenommen zu werden.

Wenn Rogers über seine Arbeit spricht, wird das Konzept des Hilfsprogramms deutlich: "Wir helfen beim Bau einer neuen Hütte, beim Anlegen eines kleinen Gemüsegartens, damit sich die Familie selbst versorgen kann. Ziel ist es, dass die betreuten Familien irgendwann auf eigenen Beinen stehen."

Die meisten Spenden für das "Family Care Programme" kommen aus Norwegen. "Für drei Jahre wurde dieses Projekt bezuschusst. Jetzt hoffen wir, dass die Unterstützung weitergeht", sagt Rogers. "Deshalb ist es so wichtig, dass die beiden Frauen aus Norwegen hier vorbeikommen", ergänzt auch der Direktor der SOS-Kinderdörfer in Swasiland, Richard Eyeington, den alle, Mitarbeiter und Kinder nur "Dick" nennen. Der 62-Jährige sitzt in seinem "Headoffice" und faltet die Hände über dem bunten Pullover. Wenn Dick den roten Sessel etwas verrückt und das Fenster öffnet, kann er weit über seine Kinderdörfer hinausblicken. "Die Besucher aus Europa, die hier vorbeikommen", fährt er fort, "sollen die Hütten sehen, in die es hinein regnet. Sie sind unsere Verbindung zur Ersten Welt, die begreifen muss, wie Menschen in der Dritten Welt leben."

Ab und zu halten Reisebusse vor dem großen gelben Schild an der Einfahrt des Kinderdorfes. Die gelegentlichen Besuche ausländischer Gruppen seien enorm wichtig. Dick sagt, dass diese Stippvisiten enorm wichtig sind. "Wer einmal hier war und die Kinder getroffen hat, der wird sein Leben lang nicht aufhören wollen, für sie zu spenden."

Die Tour mit dem weißen SOS-Bus durch die Townships von Mbabane ist fast beendet. Rogers und seine Gäste aus Norwegen, sind beim letzten Haus und der letzten Familie angelangt.

Die Frauen sitzen auf wackeligen Stühlen, die Kinder auf dem mit Pappe ausgelegten, Fußboden gegenüber. Die beiden Norwegerinnen wollen die Familiengeschichten der Kinder hören. Zum Abschluss wollen sie noch fotografieren. Ein kleiner, schüchterner Junge, wird hochgehoben und herumgereicht. Ein lautes Klicken des Auslösers ist zu hören. Babe Rogers steht am Eingang zu der viel zu kleinen Hütte und beobachtet die Szene. Er weiß sehr wohl, wie wichtig diese Bilder sind. "So gibt es mehr Geld!", sagt er lakonisch.

Zurück zur Übersicht


* Cristina Stefanescu von der Schülerzeitung "Krass" der Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt und Jonas Leppin vom "Umlauf", der an der Kasseler Goetheschule erscheint, zählten mehrfach zu den Preisträgern im SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel