Swing-Jugendliche: "Fast so wild wie damals!" - DER SPIEGEL
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Swing-Jugendliche "Fast so wild wie damals!"

Sie tragen stilvoll-lässige Klamotten und tanzen zur Big Band durch lange Ballnächte, ihr Lebensgefühl heißt Swing. Jugendliche aus aller Welt zelebrieren diese Tanzkultur einmal jährlich in München. Star des Festivals: Jean Veloz, 83, Queen of Swing.
Von Mathias Hamann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pia Manfrin, 21, schwingt die Hüfte zum Swing, ihr rutscht die Bluse beim Boogie. Seit einem Jahr tanzt sie den Swing, also den legendären Zwanziger-Jahre-Tanz. Pia mag auch all seine Unterarten: den schnellen Balboa, den kuriosen Charleston und den extravaganten Lindy Hop.

Junge Menschen, die diese Vorlieben teilen, gibt es nicht an jeder Ecke. Charleston, Swing, Lindy Hop - das muss man erstmal lernen. Oder zumindest gehört haben. Einmal im Jahr trifft sich die Swing-Jugend aus aller Welt zum "Rock that Swing" in München, um auf vier Bällen an vier Tagen miteinander zu tanzen, sich durch die Luft zu wirbeln, übereinander zu springen, das Parkett zum Dampfen zu bringen.

1200 Tänzer aus 20 Ländern sind in München: Sie tanzen zusammen, lernen auf Workshops und nutzen die Zeit, um sich kennenzulernen. Sogar aus Neuseeland sind Swing-Freunde gekommen, aus Argentinien und Rußland.

"Zu viele Promille schaden dem Taktgefühl"

Pia steckt ihre Bluse in die weite Hose und noch eine Blüte ins Haar. "Swing ist Tanz, Musik und Mode", sagt sie, "und vor allem stilvolle Lässigkeit." Es ist acht Uhr abends, in den Münchner Clubs putzen die Tresenkräfte noch einmal die Bar oder sortieren den Schnaps für die Flatrate-Partys. Im Ballsaal des Kolping-Hauses zappeln schon die Swing-Freaks übers Parkett, der Beat der Band geht ins Blut, der Alkohol bleibt erstmal im Regal. "Zu viel Promille schaden dem Taktgefühl", sagt Pia, taucht ein ins Getümmel, lässt Arme und Beine fliegen. Jetzt spielt die Band Charleston. Das ist ihr Lieblingstanz.

Am Rande der Tanzfläche sitzt eine weißhaarige Dame mit einem entwaffnenden Lächeln. Sie heißt Jean Veloz, kommt aus Santa Maria in Kalifornien und ist 83 Jahre alt. Jeder, der es mit dem Swing ernst meint, hat ihren Namen schon einmal gehört. Sie ist die "Queen of Swing": In den vierziger Jahren infizierte Jean Veloz Hollywood mit dem "Swing Fever". Einige Posen, die auch alle jungen Tänzer kennen, tragen ihren Namen.

Jean guckt über die Tanzfläche: "Fast so wild wie damals", sagt sie. Zuerst begeisterte sie die US-Jugend aus der Mittelschicht für den Big-Band-Tanz, dann schwappte die Welle nach Europa und nach Deutschland.

Den Nazis galt der Swing als "Negermusik" und "Affentanz". Immer wieder versuchten braune Lokalfürsten den Tanz zu verbieten. So entwickelte sich die Swing-Jugend in Deutschland zu einer Zelle des Widerstands, die der nationalsozialistischen Einheitskultur trotze. Sie hörten Glenn Miller statt Marschmusik, mochten die fesche Bluse und die weite Bundfalten-Hose lieber als die miefige HJ-Uniform. Diese Geschichte erzählt auch der Film "Swing Kids", der 1993 in die Kinos kam und weltweit Charleston und Schiebermütze zurück in die Tanzclubs brachte. Überall entwickeln sich wieder Tanz-Festivals, eins davon ist "Rock that Swing" in München.

Ist das 2008 oder 1928?

Natürlich sitzt Jean nicht den ganzen Abend allein am Rand, sondern geht auch noch selbst auf die Tanzfläche. Sie wippt in den Armen ihres Tanzpartners, wischt federleicht übers Parkett und dann - huch - hebt er sie hoch, sie rafft schnell das Kleid. Ganz Dame eben.

Swing, ein Tanz mit dem man alt werden kann? "Nein," sagt Jean nach dem Tanz, "damit wird man nicht alt, damit bleibt man jung."

Am nächsten Vormittag lernen die Tänzer, wie sie die Schritte noch besser setzen können: In Workshops zeigen ihnen echte Profis wie Jean neue Tricks und und Kniffe, sie geben sich gegenseitig gute Tipps. Nebenbei lernen die Tänzer einander richtig gut kennen, denn alle drei, vier Minuten wechseln die Partner. "So lernt man besser führen und die guten von den besseren Tänzern zu unterscheiden, mit denen man dann abends mal tanzen möchte", sagt Pia Manfrin.

Aus Enköping und Stockholm in Schweden sind Fedja Denadija und Elin Wirman, beide 16, mit ein paar Freunden für "Rock that Swing" angereist. Sie haben für die Tage extra frei bekommen, weil sie an andere Schüler im Tanzen unterrichten - die Schulen belohnen das mit dieser Reise.

Nach dem Workshop machen die Tänzer erstmal eine Pause. Pia geht nach Hause, noch mal schnell ein Stündchen schlafen. Dann zieht sie sich um für den nächsten Ball, heute Abend.

Das Deutsche Theater, mitten in München: Der Raum ist dekoriert mit Lichterkette und Kunsthimmel. Alle Tänzer haben sich in Schale geworfen - Röcke, Blusen, Anzüge und Hemden. Die Band beginnt zu spielen, die Bläser setzen ein. Es könnte auch ein Samstag vor 80 Jahren sein.

45 Sekunden Zeit, um alles zu zeigen

Erst tanzen alle, dann legen die Profis eine Show aufs Parkett, später gibt es ein Turnier. Ein junger Tanzlehrer fasst sich ein Herz. Er geht zu Jean Veloz und fordert sie auf. Sie willigt ein. Warum auch nicht, wenn man so nett gefragt wird? Alle sind begeistert: Was der sich traut!

Der erste Ton der Band zittert schon durchs Theater, da springen Elin und Fedja aus Schweden aufs Parkett - sie wollen auch noch mitmachen beim Turnier. Jedes Paar hat jetzt ungefähr 45 Sekunden Zeit, seine Figuren zu zeigen. Die Österreicher Stephanie, 21 und Patrick, 17, lassen ihre Füße zuerst beim Charleston fliegen und bringen das Publikum mit einem Bocksprung zum Jubeln. Dann die beiden Schweden: "Die sind ja noch lässiger", sagt Pia.

Elin tapst cool wie der rosarote Panther zur Musik, Fedja tut so, als würde sie beim Tanzen auf einer Schreibmaschine tippen. Jean und ihr junger Tanzlehrer legen einen schicken Lindy-Hop hin. Das nächste Pärchen zeigt Rock'n'Roll-Akrobatik. Am Ende kommen noch einmal alle auf die Tanzfläche. Jetzt muss das Publikum abstimmen: Per Applaus, Getrampel, Gekreische - wer den meisten Lärm bekommt, gewinnt.

Pia Manfrin fand die beiden Schweden am Besten. Sie macht Lärm, was das Zeug hält, und tatsächlich: Fedja und Elin gewinnen! Die beiden sind noch ganz außer Atem, aber schon kommen die Leute zu ihnen, beglückwünschen sie und wollen mit ihnen tanzen. Pia ist dabei, Jean und all die anderen.

Fedja steigt so viel Zuneigung etwas zu Kopf: "Meine Freunde sagen immer, ich bekäme die ganzen schönen Frauen". Er grinst. Und sagt: "Sie haben recht." Dann tanzt er, die ganze Nacht durch, die nächsten zwei auch noch - und 2009, na klar, kommt er auf jeden Fall wieder.