Tipps der Jury: Foto - DER SPIEGEL
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Tipps der Jury Foto

Tagtäglich werden Hunderte und Tausende von journalistischen Fotos veröffentlicht, sei es in den Tageszeitungen, in Illustrierten, in Nachrichten-Magazinen oder auf Websites - kurz: Kein journalistisches Print- oder Online-Medium könnte ohne Fotos am Markt bestehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Umso erstaunlicher ist es, wie wenig die Leute, die Zeitung machen, auch Schülerzeitung machen, von Fotos verstehen. Vielen Redakteuren scheint die Aufgabe des Bildes in ihrer Zeitung überhaupt nicht klar zu sein.

Bei der Durchsicht der diesjährigen Einsendungen in der Kategorie Foto habe ich mich immer wieder gefragt, was machen die Leute eigentlich im Kunst-Unterreicht? Lernen die nicht, mit Bildern umzugehen? So, wie ich Kunstunterricht erfahren habe, ging es doch fast nur um Bilder, besonders im theoretischen Teil. Dieser Unterricht wäre doch bestens geeignet, auch und gerade am Beispiel alter Meister etwas über Bilder zu lernen - Komposition, Inhalt, Stilgeschichte und auch Farbgebung. Erschreckend wenig davon scheint sich im visuellen Bewusstsein der Schülerzeitungs-Macher niedergeschlagen zu haben, bis auf wenige Ausnahmen.

Welche Aufgabe hat das Foto in einer Zeitung? Nun, die Verwendung von Bildern ist, auch in einer Schülerzeitung, vielschichtig. Man benutzt in der Regel Fotos, um ein Ereignis abzubilden, genauer gesagt: es zu dokumentieren.

Beispiel: Andy hat Abitur gemacht, er erhält sein Zeugnis vom Klassenlehrer mit Handschlag. Das Foto davon ist ein Dokument und der Beweis, dass Andy tatsächlich das Abitur geschafft hat. Dennoch ist das Bild wahrscheinlich langweilig, weil jeder weiß, wie so was aussieht. Anderes Beispiel: Andy und die anderen Abiturienten wollen ihrem Lehrer zum Abschied eine Freude machen. Es soll eine Überraschung sein. Es ist Andy gelungen, seinen Lieblingsstürmer, Lothar Matthäus, einzuladen, der hat nämlich auch mal bei Andys Lehrer Abitur gemacht. Das Foto vom Überraschungsbesuch mit "Loddar" und dem Klassenlehrer ist auch ein Dokument, ein Beweis, dass Matthäus wirklich da war. Und das Foto ist kein bisschen langweilig.

Weiterhin benutzt man Fotos, um etwas darzustellen, was man mit Worten schlecht ausdrücken kann, nämlich Emotionen: Trauer, Freude, Spaß, Ironie und Menschlichkeit. Beispiel: 36° im Schatten. Der Lehrer schreibt das Wort "Hitzefrei" an die Tafel. Das selbst gibt kein Bild, aber das Gegenüber, die laut johlende Klasse, das könnte ein sehr emotionales Foto sein.

Es gibt viele Gründe, Fotos zu machen und in der Schülerzeitung zu veröffentlichen. Leider wird nicht oft genug von der sinnlichen Kraft der Bilder Gebrauch gemacht. Stattdessen werden meistens Bilder gebracht, die mehr oder weniger wichtige Personen abbilden. Sinn und Zweck dieser Praxis ist meistens die Befriedigung von Eitelkeiten, die nicht nur bei Schülerzeitungen zu finden sind, sondern leider auch in unserer alltäglichen Presselandschaft.

Also: überlegen, welche Aufgabe das Foto in seinem spezifischen Zusammenhang erfüllen soll. Soll es dokumentieren, aufklären, illustrieren, schmücken, aufrütteln, nachdenklich machen, schmunzeln lassen oder Eitelkeiten befriedigen?

Wenn diese Fragen sich eindeutig beantworten lassen, kann mit den Fotos eigentlich nicht mehr viel schief gehen.


Christiane Gehner