Tipps der Jury: Interview - DER SPIEGEL
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Tipps der Jury Interview

Die New Yorker Zeitung "Nation" urteilte am 28. Januar 1869 über eine merkwürdige, unter dem Namen "Interviewing" sich ausbreitende Mode: Es handele sich um "das vereinigte Produkt aus dem Humbug eines Politikers und dem anderen Humbug eines Zeitungsschreibers".
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"The Interview", ein Begriff aus der englischen Hofsprache für Zusammentreffen, wurde kurz darauf zu einer beliebten Darstellungsform des Journalismus. "Wie lauten für Sie die unbedingt notwendigen Voraussetzungen, damit ein SPIEGEL-Gespräch gelingt?", fragte der Leipziger Medienforscher Michael Haller den langjährigen SPIEGEL-Ressortleiter und stellvertretenden Chefredakteur Dieter Wild. Antwort: "Dass der Interviewte einigermaßen klar spricht; dass er zu den von uns erfragten Sachverhalten konzis redet oder dass er zumindest erzählerisch einiges zu bieten hat."

Der Medienwissenschaftler Walther von La Roche unterscheidet drei Interviewformen: das Interview zur Sache (mit dem Fachlehrer über Auslandsaufenhalte), das Meinungsinterview (mit dem Drogenbeauftragten über die Freigabe von Haschisch) und das Interview zur Person (mit dem Tennisspieler über seine Freizeitgestaltung). Ein gutes Interview ist wie ein Eisberg: Nur ein Teil der vorbereiteten Fragen und Antworten wird in der gedruckten Fassung sichtbar. Denn "das Interview ist nicht nur eine Darstellungsform, sondern auch eine Methode des Recherchierens", heißt es im Fischer-Lexikon "Publizistik".

Der gut vorbereitete Fragenkatalog und die Stichwortsammlung sollten jedoch nicht zum starren Korsett werden. Der Gesprächsverlauf erfordert häufig Rückfragen, Nachbohren oder Improvisation. Interviews mit dem Hamburger Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL muss niemand fürchten: Jede Zeile des zum Druck vorgesehenen Textes wird, wie bei anderen seriösen Zeitungen, dem Interviewpartner zur sogenannten Autorisierung, der Genehmigung, vorgelegt. Allerdings gilt die Regel, dass nur die eigenen Antworten verändert werden können. Häufig sind spontane Äußerungen in einer Gesprächssituation für den Leser spannender als die sorgfältig abgewogene und "entschärfte" Fassung. An dieser Stelle beginnt die Überzeugungsarbeit des Redakteurs, den Kollegen in der Pressestelle oder Managern eine lesefreundliche Fassung abzuringen. Auch in Schülerzeitungen sollte ein Interview informieren, unterhalten oder überraschen - ganz ohne Humbug.


Sebastian Knauer