Titel: Angeknackste Helden - DER SPIEGEL
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Titel Angeknackste Helden

Pädagogen sorgen sich um die Männer von morgen: Immer mehr Jungen verlassen die Schule mit miserablen Noten. Sie sind tief verunsichert, männliche Vorbilder fehlen. Forscher rufen bereits die "Jungenkatastrophe" aus, die Leistungen der Mädchen werden unterdessen immer besser.
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August Ferdinand Möbius, Mathematikerund Astronom zu Leipzig, nahm den Mund ganz schön voll."Das Mathematische ist der Gegensatz des Weiblichen",verkündete der Elite-Wissenschaftler, gerade mal zweiMenschenleben ist es her. "Möchte dieses in grenzenlosenGefühlen verschwimmen, so gipfelt männliche Klarheit in derExaktheit." Eine Frau, talentiert für Algebra oderGeometrie und auch sonst nicht blöd? "Wider die Natur" wie"eine mit Bart".Das Schicksal ersparte dem Gelehrten Einsicht. Als dieersten Schülerinnen 1896 in Berlin das Abitur bestanden,lag Möbius bereits unter den Toten.So befremdlich die Töne des Spitzenforschers heute klingenmögen - Großprotz Möbius verhielt sich seinem Geschlechtgemäß. Den Trägern des Y-Chromosoms sei eines gemein, fasstDoris Bischof-Köhler zahlreiche Verhaltensstudien zusammen:"Das Selbst wird meistens überschätzt."Schon im Kindesalter, so führt die MünchnerEntwicklungspsychologin aus, zeigen sich Jungen eherunbeirrt von Schlappen und Gemäkel. Konsequent zieht sichder Befund durch Leistungstests in Kindergarten, Schule undBeruf: "Ist die Versetzung gefährdet oder die Karriereungewiss: Männliche Selbstwahrnehmung ist auch inaussichtsloser Lage meist rosarot."Die Schönfärberei wird langsam riskant. Obwohl Männereinparken können, obwohl sie rund 30 Prozent mehr verdienenals Kolleginnen in gleicher Position und noch immer diemächtigsten Ämter besetzen: Der Nachwuchs schwächelt.Ernsthaft.Ärzte attestieren Jungen dreimal so oft dasZappelphilipp-Syndrom ADHS wie Mädchen; wenn Lehrer sichzur Disziplinarkonferenz versammeln, dann geht es in denmeisten Fällen um einen männlichen Delinquenten; auch unterden Legasthenikern stellen Jungen die große Mehrheit. Ja,mehr noch: "In Klassen für Verhaltensauffällige überwiegensie zu 90, unter Schülern mit Lernschwierigkeiten zu 75Prozent", berichtet die Oldenburger PädagogikprofessorinAstrid Kaiser.Unterdessen steigen die Frauen von morgen auf. Seit 1992schaffen mehr Mädchen als Jungen das Abitur - mit durchwegbesseren Noten. Seit zwei Jahren überwiegen sie auch an denHochschulen. 55 Prozent aller Gymnasiasten und 60 Prozentaller vorzeitig Eingeschulten sind weiblich.

Die Jungen hingegen dominieren unter den Sitzenbleibern;150 000, rund ein Drittel mehr als bei den Mädchen, warenes im vergangenen Jahr (siehe Grafik Seite 84). Jeanspruchsvoller der Schultyp, desto stärker sind Mädchenvertreten, so lautet die eine Wahrheit. Die andere: Wernicht einmal die Hauptschule zu Ende bringt, ist meistmännlichen Geschlechts.Fast durchweg erreichten Schülerinnen bei internationalenSchulleistungsstudien wie Iglu (Lesekompetenz in derGrundschule), Tims (Mathematik, Naturwissenschaften) undPisa (Textverständnis, Lesen, Mathematik,Naturwissenschaften) die höheren Werte: Vor allem beimLesen und beim Textverständnis liegen sie weit vorn. Geradeerst bestätigten britische Wissenschaftler diese Tendenz.Unter zehntausend Kindern fanden sie doppelt so vieleJungen wie Mädchen mit starken Leseschwächen.In ihrem Problemfach Mathe hinken die Mädchen zwarhinterher - doch weitaus weniger als die Jungen ihrenMitschülerinnen in den sprachlichen Fächern. Auch in Chemieholen sie auf, in Biologie sind sie längst überlegen.Allein in Physik schneiden die Jungen noch deutlich besserab."Lange beschäftigte uns allenfalls die mangelndeSozialkompetenz von Jungen", sagt Barbara Koch-Priewe,Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Dortmund."Nun bekommt die Debatte eine neue Brisanz. Die Pisa-Studiehat den Blick auf die Leistungsdefizite gelenkt."Die Kerle, so sorgen sich Eltern, Lehrer und Forscher,manövrieren sich ins Abseits. "Viele riskieren ihreZukunft", meint Uli Boldt, Buchautor und Lehrer an derMartin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld*."Es bahnt sich eine Jungenkatastrophe an", sagt auchHenning Scheich, Direktor und Lernforscher amLeibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. "Daentwickelt sich eine handfeste Versagerquote." Die Aktiven des Vereins MANNdat forderten vor drei Wochenin einer Petition an den Bundestag bereits Jungenrechteein; der Elternverein des schülerreichsten BundeslandesNordrhein-Westfalen mahnt aufgeschreckt, die Zahlmännlicher Schulabgänger ohne Abschluss sei Besorgnis erre-gend: "Hier braut sich persönliches Unglück, aber auch ein gefährliches gesellschaftlichesProblem zusammen."Denn die Versager von heute werden kaum zu denenheranreifen, die eine Gesellschaft so dringend nötig hat -Steuerzahler mit hohem Einkommen und beziehungsfeste Väterwohlgeratener Kinder. Wer von der Schulbank zum Sozialamtschlittert, verdient meist lebenslang wenig und sieht auchauf dem Heiratsmarkt schlecht aus. Die wenigsten Abbrechergründen eine Familie.Ist es also so weit? Kommen nach Jahren derMädchenförderung, nach "Girls-Days" in Schulen und"Mädchen-AGs" in Kindergärten, nach "Mädchenfreiräumen" aufstädtischen Spielplätzen und"Mädchen-Ermutigungs-Nachmittagen" in Jugendzentren, nundie Jungen zu kurz?Wer diese Frage stelle, der rüttle an einer"gesellschaftlichen Vereinbarung", erklärt die LeipzigerSoziologin Heike Diefenbach. Als politisch korrekt gelte esnun einmal, die Mädchen im Nachteil zu sehen. Detaillierthat die Wissenschaftlerin aktuelle Bildungsstatistikenausgewertet - und folgert aus den Daten unverblümt undgegen alle Konvention: "In deutschenSchulen haben Jungen deutliche Nachteile gegenüberMädchen."Häufig bekommen sie es frühzeitig zu spüren. "Viele meldensich bei uns an, weil sie sich in der gemischtenGrundschule übervorteilt gefühlt haben", erzählt BarbaraGauger, Lehrerin an einer der letzten JungenschulenDeutschlands. Selbst Pädagogen wie Johannes Glötzner, diesich dem Wohl der künftigen Männer verschrieben haben,ertappen sich dabei, Schülerinnen zu bevorzugen. "Wirmachen es Mädchen leichter, weil sie es uns leichtermachen", sagt der Jungenbeauftragte für die städtischenSchulen in München. "Sie rüpeln weniger, plustern sichnicht so auf, haben oft lesbarere Handschriften undorganisieren verlässlich das Drumherum vom Tafelputzen biszum Klassenfest." Kurzum und im Pädagogendeutsch: Mädchenzeigen "schulangepasstes Verhalten".Zwar bereiten auch sie Sorgen - vor allem in der Pubertät.Doch die Probleme mit Körper und Selbstwert, im schlimmstenFall Magersucht und Depression, spiegeln sich selten in denZeugnissen wider.Im Gegenteil, womöglich trägt eine typisch weibliche Unartdazu bei, dass Mädchen häufig die aufmerksameren Schülersind. Nahezu einhellig belegen psychologische Studien, dasssie sich trotz der besseren Noten durchweg schlechtereinschätzen als Jungen.Der Zweifel treibe zu gründlichem Lernen, und die"Schulangepassten" machten es sich auch selbst leichter, sodie Forscher. "Eine ruhige Schülerin bekommt nun mal mehrmit als ein Kerl, der seinen Kumpel ständig mit dem Zirkelin den Rücken piken will", sagt Lehrer Boldt. "Es ist dasVerhalten, das die Leistungen von Jungen und Mädchenauseinander treibt. Das eine Geschlecht ist ja nichtgrundsätzlich intelligenter als das andere."Oder vielleicht doch? Und falls die Jungen wirklich nichtdümmer sind, warum kriegen sie die schlechteren Noten?Warum verhalten sie sich so viel unangepasster undrebellischer? Und wie lässt sich ihnen helfen?Die Frage nach den Unterschieden rührt an einengrundlegenden Forscherstreit. Stattet die Natur einenMenschen mit seinen Begabungen aus? Oder entfalten erstErziehung, Umwelt und Gesellschaft seine Talente?Die Erklärungen wechselten wie Ebbe und Flut. Lange galtdas Weib als Mangelwesen der Natur, das mit geringerenGeistesgaben gesegnet sei. Erst im Verlauf des 20.Jahrhunderts erkämpften sich die Frauen allgemeinen Zugangzu Gymnasien und Universitäten; dabei betonten Psychologenund Soziologen den Einfluss von Umwelt und Erziehung."Doing Gender" lautete das Schlagwort der überwiegendweiblichen Forscher in den sechziger, siebziger undachtziger Jahren: Geschlechterrollen und das mit ihnenverbundene Verhalten würden erst durch die ständigegesellschaftliche Bestätigung zementiert.In den neunziger Jahren dann wurden mit der neuenBegeisterung für Bio- und Gentechnik, für dasgeheimnisvolle Wirken von Hormonen und Neuronen, auchbiologische Argumente wieder mehrheitsfähig. Inzwischenverstehen die meisten Wissenschaftler menschlicheEntwicklung als ein Zusammenspiel von "nature and nurture",von Natur und Erziehung. Die Beleglage jedoch bleibt verworren: Dass nicht nurdeutsche, sondern auch finnische, japanische, ungarischeoder neuseeländische Mädchen beim Pisa-Test besserabschnitten, in einigen Ländern gar in Mathematik, sprichtbeinahe für eine naturgegebene Überlegenheit des weiblichenGeschlechts. Dass der Leistungsvorsprung der Mädchen in denletzten Jahren stetig zugenommen hat, lässt eher vermuten,dass ihnen gesellschaftliche Einflüsse zugute kommen.Zunächst einmal, und das erschwert die Suche nachAntworten, findet sich unter den Verhaltensweisen derGeschlechter überwiegend Gemeinsames: Alle Jörgs und Annasdieser Welt weinen, lieben und wüten. Beide können eine Leidenschaft für Schokoladenkekse oderBadewannen entwickeln - auch wenn die Bevorzugung derDusche einst als ausgesprochen männlich galt. Undselbstverständlich kämpfen auch Mädchen mitRechtschreibregeln, so wie Jungen in Mathe-Klausurenaufgeben - ganz gegen die Statistik."Alle Angaben zum typischen Verhalten sind ebenMittelwerte", erklärt die Münchner PsychologinBischof-Köhler. "Und mitunter sind Unterschiede innerhalbeiner Jungen- oder Mädchengruppe sogar größer als zwischenden Geschlechtern."Die Spurensuche im internationalen KindergartenHamburg-Blankenese offenbart trotz aller Gemeinsamkeitenaugenfällige Unterschiede. Zur Pause stolpern die künftigenMänner und Frauen aus 40 Nationen auf den Hof - und 40Sekunden später steht die Formation: an den Sandkisten inGrüppchen die Mädchen, auf dem Fußballplatz tobend dieJungs. Die einen stecken die Köpfe zusammen und reichensich ernsthaft ihre Schäufelchen, die andern kloppen sichbereits in den ersten zwei Minuten."Eh, this is fun", ist bloß Spaß, wehrt Jacob eine Lehrerinab - der Vierjährige liegt platt auf dem Boden, weil seinFreund ihm gerade ein Bein gestellt hat.Hunderte solcher Szenen hat Direktor Nick Ronai in seinemBerufsleben beobachtet. "Mädchen spielen stundenlang vorsich hin", berichtet er, "während Jungen bis zum siebtenLebensjahr am liebsten im Pulk ihre Körperkraft messen."Und das gelte für Kinder aller Nationen. "Ein Südafrikanerund ein norwegischer Blondschopf mimen mit der gleichenBegeisterung irgendeinen Kampf", sagt er. "Da müssen siedurch." Schon ein Neugeborenes benimmt sich, als wüsste es um sein Geschlecht. Offenbar reagieren weibliche Babys früher auf Stimmen und suchen eher Blickkontakt. Ronais Erfahrung deckt sich mit den Ergebnissen derWissenschaft. 20 Jahre lang forschte die amerikanischeEntwicklungspsychologin Eleanor Maccoby von der StanfordUniversity in Kinderzimmern, Krippen, Schulen undExperimentierlabors, mit versteckter Kamera und Hundertenvon Beobachtungsbögen. Eigentlich hatte sie belegen wollen,wie ähnlich sich die Geschlechter sind. Stattdessen stellteMaccoby fest: Mädchen und Jungen folgen unterschiedlichenProgrammen - Mädchen einem Kooperations-, Jungen einemDominanzprogramm.


* Uli Boldt: "Ich bin froh, dass ich ein Junge bin". Schneider Verlag, Hohengehren; 203 Seiten; 16 Euro.

Schon ein Neugeborenes benimmt sich, als wüsste es um seinGeschlecht. Offenbar reagieren weibliche Babys früher aufStimmen und suchen eher Blickkontakt. Männliche Säuglingedagegen reißen, sobald sie greifen können, anderen aus denFingern, was sie nur irgend zu fassen bekommen. Mit 14Monaten dann starren Jungen bereits länger auf Lastwagenund Gewehre, Mädchen auf Puppen und Stofftiere."Wir müssen das wohl akzeptieren", meint Anne Campbell,Psychologin an der University of Durham. "Es gibtirgendetwas, das schon in diesem Alter ein Objektattraktiver macht für Jungen oder für Mädchen." IhreHeidelberger Kollegin Sabine Pauen hat derart verschiedeneInteressen schon bei elf Monate alten Kindern beobachtet -"obwohl die nun wirklich nicht wissen können, welcheSpielzeuge eher als männlich oder weiblich gelten".Bei den Rollenspielen der Zwei- und Dreijährigen entdeckenselbst kinderlose Laien Unterschiede, so sehr passen dieVorlieben ins Klischee: Mädchen variieren soziale Themenwie "Einkaufen" oder "Familie" immer wieder neu, währendJungen sich in Indianer, Löwen oder Ritter verwandeln. Stundenlang experimentieren sie mit Rivalität undHierarchie.Anders als Mädchen, die miteinander viel und eherfreundlich sprechen, führen die Kerle gern das derbe Wortim Mund - und beherrschen schon im Kindergartenaltergemischte Gruppen mit ihren ruppigen Sprüchen."Bitter ist ja, dass all das so platt klingt", meint JacobsMutter, die ihren Erstgeborenen Benjamin, heute zehn Jahrealt, als Kleinkind auch für Puppen zu begeistern suchte -mit mäßigem Erfolg. Nun verblüfft die Ökonomin immerwieder, wie anders alles bei ihrer kleinen Tochter ist."Klar", meint sie, "auch Emma kommt mal mit der Pistole undsagt ,Hände hoch'." Doch fehle der Zweijährigen jede Lustam Streit.Den beiden Söhnen geht das anders. Kopfschüttelnd erzähltdie Mutter vom Topfschlagen beim Kindergeburtstag. "DieJungs stellten ihren Kumpeln, die mit verbundenen Augenherumkrochen, immerzu Stühle in den Weg und fanden eswahnsinnig komisch, wenn sie ordentlich aneckten."Woher stammen solche Muster? Verhaltensforscher wie MelissaHines von der britischen City University of London undGerianne Alexander von der amerikanischen Texas A&M University greifen zur Erklärung weit zurück ins Tierreich.Sie boten einer Gruppe Meerkatzen verschiedenes Spielzeugan und beobachteten, wie sich die Affen-Männchen auf Autosund Bälle stürzten, die Weibchen aber zu Puppen undKochtöpfen griffen. Das typische Spielverhalten vonKindern, so schließen die Wissenschaftlerinnen, seifolglich entwicklungsgeschichtlich verankert.Dafür scheint auch eine gerade in derWissenschaftszeitschrift "Nature" veröffentlichte Studie zusprechen, die auf weibliche Überlegenheit beim Lernenhindeutet. In einer Schimpansenkolonie im tansanischenGombe-Nationalpark kapierten die Menschenaffen-Mädchendurchschnittlich 27 Monate früher als ihre Brüder, wie sichTermiten mit einem Stock angeln lassen. Eifrig übten sie,die nahrhaften Insekten zu fangen, während die Männchenherumtollten.Der neue Befund stützt die Thesen der PsychologinBischof-Köhler, die lange im Institut desVerhaltensforschers Konrad Lorenz gearbeitet hat. Weibcheninvestierten weitaus mehr in den Nachwuchs, argumentiertsie in ihrem Buch über die Psychologie derGeschlechtsunterschiede*. Sie trügen die Jungtiere nichtnur aus, sie steckten auch mehr Mühe in deren Aufzucht undPflege. Im Versuch mit Meerkatzen stürzten sich die Affen-Männchen auf Autos und Bälle, die Weibchen griffen zu Puppen und Kochtöpfen.

"Evolutionär gesehen haben sich bei den Weibchen deshalbFürsorglichkeit und Umsicht als günstige Voraussetzung fürdie Verbreitung des Erbguts herausgestellt", sagt sie. "DieMännchen hat eher der Wettbewerb nach vorn gebracht."Schließlich müssten sie um das beste aller Weibchenunternehmenslustig streiten - bevorzugt in ritualisiertenKämpfen mit Imponiergehabe, nach dem Motto: "Drohen, bisder andere den Schwanz einzieht." Schon ein Dreijähriger,gleich welcher Nationalität und Kultur, gebärde sich daherals Meister der Rangelei und Selbstdarstellung. "Er erprobtspielerisch den kämpferischen Ernstfall."Für den amerikanischen Psychotherapeuten undGeschlechterspezialisten Mi-chael Gurian steht außer Frage,dass sich aus solchen vorzeitlichen Rollenmustern diekognitiven Talente von heute erklären lassen. Der jagendeMann musste zielen, sich im Gestrüpp zurecht- und nachHause zurückfinden; die Frauen saßen am Lager und kümmertensich sprachlich-sensibel um die Sippe. Wen wundere es da,schlussfolgert Gurian, dass Jungen beiräumlichmathematischen Aufgaben besser abschneiden, Mädchenaber beim Aufsatz?Doch die Welt hat sich gewandelt: Einsatzfreude, Ausdauerund Beweglichkeit mögen Männern menschheitsgeschichtlichgenützt haben. Heute aber ist im Leben kleiner Jungen nurnoch wenig Platz für die seit Jahrtausenden erprobtenMuster. Viele wachsen als Stubenhocker auf, Meister werdensie allenfalls im Videoboxkampf. Seit Sturm und Drang nichtmehr im Freien, sondern am Bildschirm ausgetobt werden,verlagern die Heranwachsenden Kampf und Fehde offenbar inden Unterricht - so ließen sich die Schulproblemeevolutionsbiologisch deuten.Zunehmend mischen sich auch Hirn- und Hormonforscher in dieDebatte darüber ein, warum Jungen so häufig in der Schulestraucheln. Besonders das Testosteron steht unter Verdacht.Bereits im Mutterleib stelle das Sexualhormon, das ab demdritten Schwangerschaftsmonat in den Hoden männlicher Fötengebildet wird, die Weichen; geradezu schicksalhaft komme amEnde wildes und wortkarges Verhalten heraus - so jedenfallslautet die These.Tatsächlich lässt ein Experiment mit trächtigenRhesusäffinnen vermuten, dass Testosteron und Rangeleietwas miteinander zu tun haben. Forscher spritzten den Tieren hohe Hormondosen - und ihre Affentöchter führtensich schon als Babys wilder und kämpferischer auf alsdiejenigen der unbehandelten Weibchen.Am Menschen sind solche Experimente undenkbar. Trotzdemgibt es einzelne Mädchen, deren Wesen für die Beweiskraftdes Tierversuchs spricht. Wegen einer Störung derNebennieren sind sie bereits in der Gebärmutter übermäßigvielen männlichen Hormonen ausgesetzt; zur Welt kommen siedeshalb mit einem Penis. Selbst nach einerGeschlechtsoperation verhalten sich die meisten von ihneneher wie typische Jungen. Sie sind ungestümer als andereMädchen, interessieren sich kaum für Puppen oder Stofftiereund bevorzugen Jungen als Freunde."Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dassgeschlechtsspezifische Prägung durch Hormone schon vor derGeburt stattfindet", erklärt Simon Baron-Cohen, Psychologeam Trinity College im britischen Cambridge. Sie bestimmenohnehin zeitlebens das Verhalten eines Menschen.Mehr noch, Forscher am Institut für KognitiveNeurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum glauben sogarbeobachtet zu haben, wie Testosteron das Denkenvermännlicht. Sie untersuchten Frauen an verschiedenenTagen ihres Zyklus und stellten fest: Mitten in derPeriode, wenn der Testosteronspiegel relativ hoch liegt,konnten die Probandinnen das besonders gut, was sonstMännersache ist - räumlich-mathematische Aufgaben lösen.Längst bedienen sich Geschäftstüchtige bei derWissenschaft, um ehrgeizige und verzweifelte Eltern zuködern. An der University of Colorado etwa betreibt derPsychotherapeut Gurian ein pädagogisches Zentrum fürgeschlechtsoptimale Gehirnschulung. "Jungen und Mädchenlernen unterschiedlich", lautet seine Botschaft. In Büchernund Filmen, das Doppelvideo für beide Geschlechter zu 698Dollar, verortet er nicht nur vermeintlich unterschiedlicheLeistungszonen im Gehirn, er erteilt auch pädagogischeRatschläge: "Machen Sie aus normal männlicherHuckleberry-Finn-Energie schulische Leistung und einenguten Charakter." Ist mein Junge normal? Wie wird er besser in Mathe? Und welches Neuronennetz könnte ihn zum Schusswaffengebrauch verleiten?

Nach sechs Monaten schon, so Gurians Versprechen, ließendie Disziplin-Probleme nach. Seine Seminare sindproppenvoll. Hunderte von Eltern sitzen in "Raising SonCentern" (Zentren für die Aufzucht des Sohnes) und quälensich mit Fragen: Ist mein Junge normal? Wie wird er besserin Mathe? Und welches Neuronennetz könnte ihn zumSchusswaffengebrauch verleiten?Das lukrative Geschäft macht sich auch in Europa breit. Dieberedte Lebenstrainerin Vera Birkenbihl zum Beispiel bieteteinen Junitag lang "ein Live-Seminar Brain Management" an -inklusive "bahnbrechender" Pädagogikkonzepte für Jungen-und Mädchengehirne.Neurowissenschaftler Scheich hält so etwas für fatal. "DieForschung verfügt über keine Ergebnisse, die solcheKonzepte nahe legen", kritisiert er. "Uns fehlensystematische Großstudien." Alle Daten zu Männer- undFrauengehirnen seien bislang nichts als Abfallprodukteanderer Fragestellungen - etwa, wie der Mensch lerne.Auch Scheich leugnet nicht, dass Jungen und Mädchenmöglicherweise unterschiedliche Lernstrategien verfolgen:"Es scheint so zu sein, dass Männer zunächst eher Details,Frauen aber Gesamteindrücke wahrnehmen. Und es sieht soaus, als ob bei Männern eine Hirnhälfte stärker aktiv ist,wenn sie Aufgaben lösen, bei Frauen aber beide." AlsGrundlage für sinnvolle Ratschläge jedoch, warnt Scheich,reichten solche Erkenntnisse längst nicht aus.


* Doris Bischof-Köhler: "Von Natur aus anders - DiePsychologie der Geschlechtsunterschiede". VerlagKohlhammer, Stuttgart; 430 Seiten; 27 Euro. Trotzdem scheut er sich nicht, auf der Grundlage seinerjüngsten Untersuchungen über die Vorgänge in den Köpfen vonSchülerinnen und Schülern zu spekulieren. "Wenn bei Mädchentatsächlich beide Hirnhälften stärker miteinanderkommunizieren, könnte es sein, dass Schülerinnen eher mitAbwägen und Verbinden von Information beschäftigt sind",meint Scheich. Schließlich leiste die rechte Hirnhälfteetwas, das die linke nicht könne: "Sie interpretiert, wieein Satz gemeint ist oder wie der Sprecher zu Inhalt undGesprächspartner steht. Die linke analysiert derweilSachinformationen."Dabei sei keine der beiden Denkstrategien an sich dieüberlegene. "Womöglich dringt das Mädchen, bei dem dauernd rechte und linkeHemisphäre bei der Bewertung von Informationengegeneinander antreten, gar nicht bis zu dem Punkt vor, wosich ein Junge auf ein einziges Problem konzentriert unddieses dann auch löst." Diese Fähigkeit mache Jungeneventuell zu besseren Spezialisten, mutmaßt Scheich. "Abernicht immer bringt den Menschen Zuspitzung ans Ziel."Zudem gilt ganz generell, dass erst die Gesamtvernetzungder Nervenzellen die Leistungsfähigkeit eines Gehirnsbestimmt - und die ist abhängig von den individuellenErfahrungen. Mutter, Vater, Babysitter, Erzieherinnen: Siealle beeinflussen das Verhalten mindestens so sehr wieTestosteron. Lange galten vor allem die Eltern als "wichtigste Akteureim Sozialisationsdrama", wie es die Stanforder PsychologinMaccoby formuliert. Eine Reihe von Untersuchungen etwaweist Vätern nach, dass sie Aggressivität bei Söhnen eherdulden - damit der Nachwuchs bloß nicht weibisch werde.Doch Papa und Mama allein können aus Töchtern keineangepassten Wesen voller Selbstzweifel und aus Söhnen keineprügelnden Schulabbrecher machen. Zuständig ist ein Mix ausGenen, Eltern und Umgebung - und ausweichen kann ihmkeiner."Vom ersten Lebenstag an fangen die Zuschreibungen an",erklärt die Dortmunder ErziehungswissenschaftlerinKoch-Priewe. In psychologischen Tests lässt sichbeobachten, dass Erwachsene mit Babys vorsichtiger undzärtlicher umgehen, wenn sie glauben, sie hielten einMädchen im Arm. Und auch das Kind passt sich an, sobald esweiß, welches Verhalten als angemessen gilt."Selbstsozialisierung" nennt Maccoby es, wenn etwa eineVierjährige im Spielversuch den Kipplaster verweigert unddann erklärt: "Meine Mami wäre froh, wenn ich damit spiele.Aber ich will nicht."Vielleicht stehe dahinter das Bedürfnis nachKategorisierung, meint die Entwicklungspsychologin. JederMensch wolle sich einer Gruppe zuordnen; am naheliegendsten sei da, mit nur zwei Alternativen, nun einmaldas Geschlecht.Die Folgen können den Alltag eines Lehrers zurHöllenprüfung machen. In der BielefelderMartin-Niemöller-Gesamtschule finden sich alle notwendigenZutaten. Mit 1700 Schülern ist sie fast unübersichtlichgroß, ein Betonbau mit langen Gängen und unverputztenMauern. Rund ein Viertel der Kinder stammt ausMigrantenfamilien."Ihre erste Sprache ist die der Gewalt und Lautstärke",sagt Bernhard Ferié über seine Schüler in der fünftenKlasse. "Sie müssen mühsam lernen, dass Menschen sich auchmit Worten auseinander setzen können." Vor allem vieleJungen, ergänzt Kollege Boldt, kennen nur eine Erfahrung:"Sie überleben, wenn sie anderen einen drübergeben."Der 52-jährige Mathematik- und Wirtschaftslehrer istangetreten, die "verqueren Männlichkeitsvorstellungen"seiner Zöglinge zu durchkreuzen. Ein Haushaltspass soll denlässig auftretenden Kerlen das Macho-Gehabe abgewöhnen;Noten für Kloputzen, Bügeln und Kartoffelschälen. "So weitder Praxisschock. Genauso wichtig aber ist es, überVerhalten zu reden."Seit zehn Jahren leitet Boldt "Jungen- undMädchenkonferenzen", Schulstunden, in denen die Kinder nachGeschlecht getrennt "ein paar Dinge klären". In den fünftenKlassen gehören sie zum Stundenplan, in den höheren bietetBoldt sie nach Bedarf an - und der steigt mit der Pubertät. "Jungenförderung ist kein Rückschlag. Schließlich müssen die Mädchen mit ihnen leben." "Die Kerle versuchen dann noch mehr, sich in denVordergrund zu spielen", erzählt er. "Furzen, rülpsen,kloppen - alles ist ihnen recht, wenn sie den Mädels nurzeigen können: Ich bin der Größte."In der ersten Jungenkonferenz blickt Boldt in skeptischeGesichter: Was will der Typ? Und überhaupt, nur mit Jungen?Ist der schwul? "Hilflosigkeit", kommentiert der Lehrer,"sie sind es nicht gewohnt, über sich zu reden." Johlendbilden die Fünftklässler einen Stuhlkreis, zum Auftakterklärt Boldt das Spiel "Böse Hand". Nach bestimmten Regelnmüssen Waldemar, Mirko, Kevin, Lukas und die anderen zwölfjeweils ihre linke Hand auf das Bein des Nachbarn legen.Wer patzt, scheidet aus - Körperkontakt als Wettkampfgetarnt."Viele haben weder ein Gefühl für den eigenen Körper nochfür diejenigen der anderen", meint Boldt, der in den Ferienmit dem Rad die Alpen überquert und selbst in Jeans undT-Shirt so wirkt, wie seine Jungen mit ihren rosigenGesichtern gern wären: cool.Die Mädchen unterdes sind weiter. Sie reden mit derKlassenlehrerin darüber, was beim Verliebtsein im Bauchalles kribbelt. "Wir besprechen das hier ganz cool",erzählt Sevar. Elf Jahre ist sie alt, ihre Strickjackebaumelt lässig um die Hüften geknotet. Kreolenohrringe,zwei Halsketten, rot lackierte Fingernägel. "Die Jungenkapieren es ja voll nicht, wenn wir verknallt sind." Sagtsie und löst den Pferdeschwanz."Wie fandet ihr das Spiel", fragt Boldt im Nachbarraum, undplötzlich fließen Tränen. Waldemar, der den Kugelschreibersalopp hinterm Ohr trägt, schluchzt. "Ivan hat michgeschlagen." Der sitzt da, die Arme vor der Brustverschränkt: "Der Typ hat mir nicht dazwischenzuquatschen",sagt er und gibt damit Mirko und Kevin den Auftakt."Waldemar, das Weichei, Weichei, Weichei", hänseln diebeiden in schöner Zweistimmigkeit."Wer jetzt nicht die Klappe hält, verlässt sofort denRaum." Boldts Bass klingt drohend - spätestens jetzt istklar, dass diese Unterrichtsstunde ebenso strengen Regelnunterliegt wie Mathe oder Englisch. "Was könnten Ivan undWaldemar tun?" Pause, schließlich meldet sich Christoph,ein properer Pausbäckiger. Die letzte Stunde hat er dazugenutzt, einen Dolch nebst Yin-und-Yang-Zeichen auf seineUnterarme zu malen. "Sich vertragen", schlägt er vor."Ivan, fühlst du dich dazu in der Lage?", fragt Boldtnüchtern. Nach kurzem Zögern streckt der die Hand aus. DenRest der Stunde wird er wieder mit verschränkten Armendasitzen."Immerhin ein Erfolg", findet Boldt, "je älter sie werden,desto schwerer fallen ihnen soziale Rituale." Boldt istseit 1974 Lehrer. "Jungen haben ein schwächeres Ich alsfrüher", sagt er. "Vielleicht verbeißen sie sich deshalb soin ihre Rabaukenrolle. Da suchen sie Bestätigung. Vielesind völlig verunsichert."Gründe dafür kennen Soziologen und Psychologen genug -Mädchen zum Beispiel. Bereits in der Pubertät entwickelnsie klare Zukunftsbilder, in denen Frau und Mann sichgleichberechtigt um Haushalt, Familie und Beruf kümmernsollen. Ihre Mitschüler dagegen lavieren, wie das "New York Timesmagazine" schreibt, hin und her "zwischen den oft nochtraditionell maskulinen Werten des Vaters und einermodernen Frauensicht, die Sensibilität und Offenheitfeiert".Gleichzeitig breitet sich auf dem Arbeitsmarkt eine Kriseder Männlichkeit aus. Jobs, in denen ein starker Körperunbedingter Konkurrenzvorteil ist, werden immer knapper.Vom Callcenter bis zur Deutschen Bahn verlangen ArbeitgeberKommunikationsfähigkeit und Dienstleistungsbereitschaft -traditionell eher Sache der Frauen. Die machen dann auchviele dieser Jobs und bestehen mittlerweile ebenso alsPolizistin, Tischlerin oder Busfahrerin.Denn anders als Socken strickende Jungs werden schon kleineMädchen von Erwachsenen ermuntert, wenn sie Fußballspielen, Helikopter basteln oder Computer programmieren -das Kind soll sich ja mal durchsetzen in der Männerwelt.Mit 300 Lokführerinnen, die schon als Mädchen "von demBeruf geträumt haben", wirbt derzeit die Deutsche Bahn.Eine Anzeige für 300 Kindergärtner? Kaum vorstellbar."All das bekommen Schüler mit", meint Boldt. "Und so coolsie auch tun: Sie wissen, dass arbeitslosen Männern schnelldie Alternativen ausgehen." Eine Ehefrau ohne Job kann nochimmer ins Hausfrauendasein flüchten. Ein arbeitsloserHausmann dagegen gilt als lächerlicher Pimpelhans - schongar in bildungsfernen Elternhäusern, in denen ehertraditionelle Männlichkeitsbilder herrschen."Und gerade dort sammelt sich die Mehrheit derproblematischen Jungen", sagt Waltraud Cornelißen vomDeutschen Jugendinstitut in München. Ein Teufelskreis,erklärt sie: Weil es zu traditioneller Männlichkeit gehört,weibliche Autorität in Frage zu stellen, beginnen dieProbleme spätestens mit der Schulpflicht. Denn Männerfehlen im Erziehungsprozess.Manch ein Schüler hat bis zum zehnten Lebensjahr keineneinzigen erlebt. In einigen Klassen wächst jeder Dritteallein bei der Mutter auf, lernt im Kindergartenausschließlich Erzieherinnen, in der Grundschule nurLehrerinnen kennen. Auf die Lebensperspektiven der Jungenwirkt sich der Männermangel negativ aus, das zeigen dieStudien der Leipziger Soziologin Diefenbach. "Je geringerder Anteil männlicher Grundschullehrer in denBundesländern, desto schlechter schneiden Jungen bei denspäteren Schulabschlüssen in Hauptschule, Realschule undGymnasium ab."Doch als Annette Schavan, Kultusministerin inBaden-Württemberg, und ihr niedersächsischer Kollege BerndBusemann im vergangenen Herbst nach mehr Männern riefen,entrüsteten sich Scharen von Lehrern. Düpiert fühlten sichvor allem jene Pädagoginnen, die seit Jahren Prittstift,Bastelmappen und Goldfolie für kreativen Unterricht auseigener Tasche zahlen."Verständlich, doch Jungen brauchen Leitbilder, um eineIdee von Männlichkeit zu entwickeln", sagt Boldt. SeinKollege Peter Billig, Rektor einer Bonner Jungenschule mitüberwiegend Männerpersonal, berichtet: "Viele Jungenreagieren geradezu aufatmend auf die ersten Lehrer ihrerSchulkarriere."Wie immer, wenn Schule mehr leisten soll, als sie kann,fordern Politiker, Pädagogen und Eltern auch in dieserFrage eine Aufwertung des Lehrerberufs. Dann, so hoffensie, ließen sich schon mehr Männer in die Grundschulenlocken. Die Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Kaiserlächelt skeptisch. "Jetzt mal ehrlich", sagt sie. "Diewerden kaum Schlange stehen, solange die Gehälter nichtsteigen."Bis dahin will Kaiser "echte Männer mit echten Berufen" zurProjektarbeit in die Klassen holen. "Wenn ein Landwirt dieWärmelampe zeigt und von der Ferkelaufzucht erzählt, könnenkrawallige Jungs viel lernen", meint sie. "Sie erleben, wiebehutsam ein derart kräftiger Mensch mit einem winzigenLebewesen umgehen muss."Überall auf der Welt, so schreibt der amerikanischeAnthropologe David Gilmore, gelte es als nahezu mystischerAkt, "ein richtiger Mann" zu werden. Und fast überall müssen Jungenihn unter Mühe und Schmerz symbolisch vollziehen: Siewerden in eisiges Wasser getaucht, tagelang zur Jagdgeschickt oder wandern - wie früher die Gesellen - einLehrjahr lang über Land. Heute bieten in Deutschland allenfalls Überbleibsel wiePfadfinder-Organisationen noch identitätsstiftendeMänner-Rituale. Die meisten Jungen, erzählt Lehrer Boldt,basteln sich stattdessen aus Filmen, Computerspielen undFernseh-Action zusammen, was sie für männlich halten. "Diewissen eigentlich nur, dass sie anders sind als Frauen, unddass in ihren Filmen Männlichkeit höher bewertet wird." DieAbgrenzung gegen alles Weibliche, garniert mit ein paarFernseheindrücken, müsse deshalb häufig reichen. "Herauskommt ein ominöses Gemisch", eine gehörige PortionGewaltbereitschaft meist inklusive.In Klasse acht der Bielefelder Gesamtschule breitet siesich seit ein paar Wochen aus wie ein grippaler Infekt: derKlassencomputer - auseinander genommen; der Klassenschrank- demoliert.Chaos herrscht in dem Raum. Die Tische stehen in alleRichtungen verschoben, nun holt sich jeder einen Stuhl, undjede Bewegung gerät zur Show. Der eine klopft sich auf dieMuskeln, der Nächste greift dem Kumpel in den Schritt, einanderer springt gegen die Zimmerwand."Mann ey, wir sind voll hyperaktiv", grölt der beleibteSven und versenkt ein Feuerzeug in den Taschen seinerHängejeans. "Leute, eure erste Aufgabe." Lehrer Boldtscheucht die letzten Gelangweilten auf. Nacheinander sollensie auftreten wie auf einer Bühne und in zwei Sätzenbegründen, welche Eigenschaften ein bester Freund habensollte. Peinlich ist das. Verlegen stoßen Luca, Isi,Süleyman, Sven, Jonas, Ahmet und Hai ein paar Wörterhervor: "bisschen verrückt, aber cool"; "freundlich undhilfsbereit."Zweite Runde, Boldt teilt mit Adjektiven beschrifteteKarteikarten aus. Welche Eigenschaften sollte der Freundauf keinen Fall haben? "Sensibel", beginnt Luca, "weil, äh,Weichei, der heult ja gleich." Die anderen Favoriten derNegativ-Liste: nachdenklich, "weil der macht ja dann nichtslos"; zärtlich, "weil kann ich ja gleich schwul sein";kritisch, "weil so verhält sich kein Freund"; einsam, "waswill man mit so einem anfangen?"; schwach, "weilunbrauchbar" und sozial, "weiß jetzt auch nicht, warum, dasklingt irgendwie doof".Boldt hört zu und sagt erst mal nichts. "Bei denen braucheich wohl länger als die üblichen fünf Wochen", erkärt erspäter.Der Magdeburger Neurowissenschaftler Scheich hat eineVermutung. "Womöglich hängt es mit dem irrwitzigen Konsumvon interaktiven Spielen und Action-Filmen zusammen, dassJungen Begriffe weniger mit Inhalt zu füllen wissen alsfrüher", sagt er. Laut Shell-Jugendstudie sehen Jungenweitaus mehr Fernsehen und verbringen viermal so viel Zeitmit Computerspielen wie Mädchen; außerdem surfen siedoppelt so oft im Internet. "Dabei nehmen sie eine enormeFlut von visuellen Informationen auf", erklärt Scheich,"doch viele sind inhaltsarm oder bedeuten immer nurdasselbe: Action." In der Evolution sei dem Menschen Vergleichbares nichtbegegnet, meint der Neurowissenschaftler. "Das Gehirn läuftauf Hochtouren, es verarbeitet eine Masse aufwendigdargebotener Information, es versucht Schlüsse daraus zuziehen - und kommt doch nicht weiter." Eigentlich sei esgewohnt, Eindrücke auf das Wesentliche zu reduzieren und inSprache zu gießen. "Doch da ist trotz Datenflut wenig, wassich in Sprache packen ließe. Es könnte sein", befürchtetScheich, "dass dieser Wahnsinnskonsum die Jungengehirnelahm legt." Und Jungenkonferenzen sollen die grauen Zellen der Kerlewieder in fruchtbarere Bahnen lenken? Lehrer Boldt zucktdie Achseln. "Viele trainieren hier erst ein Verhalten, dasVoraussetzung für regulären Unterricht ist." TatsächlichenErfolg zu messen sei schwierig. Er sieht ermunterndeAnzeichen. "Mehr Abschlüsse, weniger Verweigerer, bessereKonfliktlösung."Ähnlich positiv bewertet Erziehungswissenschaftlerin Kaiserihren Modellversuch an vier niedersächsischen Grundschulen. Vier Jahrelang sollten Lehrersoziales Verhalten bei Jungen undnaturwissenschaftliches Interesse bei Mädchen fördern. Esgelang so gut, dass die Grundschule Friedrichsfehn an derIdee festhält: Im Computer-Unterricht sitzt die ersteKlasse nach Geschlechtern getrennt; die Viertklässlerhaben, so weit das Stundendeputat es erlaubt, ähnlicheJungen- und Mädchenkonferenzen wie die Schüler inBielefeld."Welchen Weg gibt es sonst?", fragt der MünchnerJungenbeauftragte Glötzner. Seit vier Jahren suchen Lehrervon Realschulen und Gymnasien bei ihm Rat, wenn es Problememit Jungencliquen oder Schulverweigerern gibt. "Die Zahlder Anfragen steigt", sagt er. "Ich könnte jeden Tag ineine andere Schule gehen."Glötzner sieht aus, wie sich Friesen einen Urbayernvorstellen. Im wettergegerbten Gesicht wächst weißdurchwirkt ein Rauschebart, darüber funkeln blaue Augen. Erspricht Sätze, die von Vokabeln wie "latschert" und"deppert" nur so wimmeln. "Die Buben sind hilflos", sagt erund zählt die typischen Probleme auf. "Sexualität, Frauen,Berufswahl."Der kernige Lehrer redet mit ihnen und nimmt sie in diePflicht. Sie improvisieren Szenen, in denen die Mutterarbeiten will, weil der Vater seinen Job verloren hat."Dann muss der Bub die Frau spielen und zwangsläufig überPartnerschaft nachdenken." Eine feste Gruppe namens "Bubenspielen Theater" tritt regelmäßig auf. "Applaus ist schön",so beschreibt Schüler Max schüchtern, was ihn bei denProben hält, "weil man weiß, man ist gemeint."Die Jungenhilfe läuft kaum an, da fürchten die erstenAufgeschreckten bereits um die Mädchen. Schließlichdominieren Männer noch immer die Chefbüros und überwiegenweiterhin in Fächern wie Elektrotechnik, Maschinenbau oderPhysik - unter anderem, weil sie sich im Gegensatz zuFrauen auch mit miesen Noten für einnaturwissenschaftliches Studium entscheiden."Lehrer erleichtern es Mädchen nicht gerade, Vertrauen indie eigene Leistung zu entwickeln", kritisiert dieHamburger Pädagogikprofessorin Hannelore Faulstich-Wielandund beschreibt eine beispielhafte Informatikstunde. "AmEnde galt ein großspuriger Junge als kompetent, der seinenRechner nicht richtig einstellen konnte." Das tat dann eineSchülerin - die dem Lehrer nicht weiter auffiel."Natürlich müssen wir darauf achten, das Selbstvertrauenvon Mädchen zu stärken", sagt ErziehungswissenschaftlerinKoch-Priewe. Zudem empfiehlt sie Gelassenheit."Jungenförderung ist kein Rückschlag. Schließlich müssendie Mädchen mit ihnen leben."Doch ob das demnächst einfacher wird, ob Jungenstunden,Haushaltspass und Theaterspiel den künftigen Männernwirklich durch Schule und Leben helfen können, lässt sichkaum sagen. Längsschnittstudien existieren nicht undinteressierten lange auch niemanden. In der Wissenschafthabe bislang eher das Prinzip "von Frauen für Frauen überFrauen" geherrscht, stichelt Anthropologe Gilmore.Vorzugsweise widmeten sich die Forscher den Mädchen.Dutzende von Studien er mittelten, wie ihre Gegenwart das Unterrichtsklimaverbessere; Dutzende andere beschäftigten sich mit demweiblichen Interesse für Mathe, Physik und Chemie, belegtenakribisch Wortmeldungen in Unter-, Mittel- und Oberstufeoder listeten auf, wie häufig Frauen in Schulbüchernerwähnt werden."Wir haben ein Manko in der Jungenforschung, und das liegteindeutig an der feministischen Tradition derGeschlechterwissenschaft", sagt Ursula Kessels,pädagogische Psychologin an der Freien Universität Berlin. Auch sie selbst hat, gemeinsam mit der Psychologin BettinaHannover, Mädchen beforscht. An fünf Berliner Gesamtschulenuntersuchten die beiden Wissenschaftlerinnen, obSchülerinnen mehr Lust an Physik entwickeln, wenn sie dabeiunter sich bleiben.Dabei bestätigten sich Erfahrungen, die Lehrer an Schulenfür Höhere Töchter früher regelmäßig machten. DieSchülerinnen in den Mädchengruppen beteiligten sichstärker, erklärten, Spaß an Physik zu haben, und wähltendas Fach in der neunten Klasse häufiger als ihreMitschülerinnen aus den gemischten Gruppen."Gerade in der Pubertät neigen Jugendliche dazu, sichstereotyp zu verhalten", sagt Kessels. "Sie erproben sichan dem, was als typisch weiblich oder typisch männlichgilt." In Physik zu glänzen sei für viele Mädchen daherproblematisch. "Es gefährdet ihre wackelige Identität alsFrau." Sind sie aber unter sich, sei ihnen das wenigerbewusst. "Sie vergessen ihre Geschlechtsidentität undfühlen sich dann einfach nur als Schüler."Und was bringt getrennter Unterricht den Jungen? In ihrenProblemfächern Deutsch und Fremdsprachen wären sievermutlich ähnlich erfolgreich wie Mädchen in Physik,schätzt Kessels. Trifft ihre These zu, müssten Jungenromantische Literatur im gemischtgeschlechtlichenUnterricht allein schon deshalb ablehnen, weil sie damit ihre ohnehin angeknackste Identität als Mann gefährden.Schlichter, aber ebenfalls denkbar ist, dass Jungen mehrLust aufs Lesen bekommen, wenn die Texte sie interessieren.Dafür sprechen die Beobachtungen des FriedrichsfehnerGrundschuldirektors Hartwig Fortkamp. Er kennt Jungen, diefreiwillig seitenlange Aufsätze über Dinosaurier verfasstenoder plötzlich begeistert mit dem Lesen begannen - in einemStandardwerk über Angelhaken.Eine Rechtschreibe-Untersuchung des HamburgerLandesinstitutes für Lehrerbildung scheint FortkampsErfahrungen zu bestätigen. Jungen werden zu Meistern derOrthografie, wenn die Wörter ihren Interessen entsprechen:"Schiedsrichter" etwa oder "Computer" beeindruckten in derStudie Zweitklässler so nachhaltig, dass sie "null Fehler"im Diktat erzielten.Weil sich bisher kein Wissenschaftler damit befasst hat,wie sich reine Jungenerziehung auf männliche Lust anSprache und Literatur auswirkt, bleibt nichts als einAusflug ins wahre Leben: zum Collegium Josephinum nachBonn, an eine der letzten Jungenschulen Deutschlands."Da gab es einen König, der hieß Minos. Das Problem war,dass auf Kreta auch ein fürchterliches Monster lebte,Minotaurus." Deutschunterricht, sechste Klasse. Simonerzählt die Geschichte des griechischen Helden Theseus."Hervorragend zusammengefasst", lobt Klassenlehrer MartinKönig. Er lobt oft, und am Ende einer Stunde ruft er seinenJungs "Danke für die Mitarbeit" zu.Nomen für Nomen, Adjektiv für Adjektiv nehmen die Elf- undZwölfjährigen den Text auseinander; über ihnen an der Deckehängen große Stofflöwen - die Wahrzeichen der Klasse. Aufder Fensterbank treiben dicht gedrängt Grünpflanzen aus, ineinem Glaskasten wohnen Wüstenrennmäuse mit ihren Jungen."Was kann man mit einem Verb machen?", fragt König."Steigern", ruft einer, angetan wie fast alle im Raum mitCargohose und Kapuzenpulli. "Das schmerzt", sagt König,"was hilft dagegen?" Die Schüler feixen. "Üben", erhält erzur Antwort. "Na eben, Jungs. Was denkt ihr, wie oft dieSpieler vom 1. FC Tore schießen üben und trotzdem danebentreffen." Er grinst. "Also, was lässt sich ein Verb? Danke,Daniel, ja, genau: Kon-ju-gie-ren."1300 Schüler lernen in der staatlich anerkanntenkatholischen Lehrstätte; 90 Plätze hat Peter Billig, derSchulleiter des altsprachlichen Gymnasiums, jedes Jahr zuvergeben. Rund 200 Auswahlgespräche führt er dafür. Auchbei Pater Peter Niesemann, dem Direktor der Realschule, istdie Warteliste lang. Nicht allein das christliche Weltbildnimmt Eltern im katholischen Rheinland für die Schule ein.Viele schätzen den Sprachen-Schwerpunkt - und damit dieVertiefung ebenjener Fächer, in denen sich Jungen gemeinhinso schwer tun."Ich liebe das hier", sagt Susanne Bölting,Englischlehrerin der achten Klasse im Gymnasium. "Es ist soanders." Ihr Referendariat hat sie in einer Schule fürMädchen und Jungen gemacht. "Da hatten Achtklässlereigentlich vor allem ein Bedürfnis: sich ständig vor denMädchen zu profilieren." Hier verhalten sie sich bei der Textarbeit so ruhig, dassdie berühmte Stecknadel tönen könnte. "Klar haben dieSchüler auch Freundinnen", erzählt Bölting. "Doch imUnterricht blenden sie das aus."Der Gong ertönt, Mathe in Klasse zehn - eine Stunde, soanstrengend wie sie in jeder anderen Schule sein könnte.Nach einer Minute rülpst der Erste, der Nächste muss aufsKlo, ein Dritter grölt. Alle Unbefangenheit vonUnterstüflern ist verflogen. An den Bänken, die sie seitder fünften Klasse begleiten, lümmeln die nun 16-Jährigen;inzwischen einen halben Meter größer, leicht glänzt derFettfilm auf Haar und Haut, die Stimmen sind brüchig unddröhnen dennoch. Kaum einer weiß, wohin mit seiner Kraft,bis leichte Panik ausbricht: die Klassenarbeit, schon inder nächsten Stunde? "Eh, voll Panne." Ruhe kehrt ein. 28Köpfe beugen sich über die Cosinus-Kurve."Unser Vorteil ist, dass sich die Pubertätsprobleme auf einoder zwei Schuljahre konzentrieren", sagt BeratungslehrerHinnerk Dreyer. "In gemischten Klassen ziehen die sich vonder sechsten bis zur zehnten Klasse hin." Der 15-jährigeBjörn empfindet das Collegium daher trotz täglichenMorgengebets als "riesigen Freiraum". Bis zum siebtenSchuljahr noch lernte er in einem Gymnasium mit Mädchen."Wir können hier konzentrierter arbeiten, weil wir unsnicht ständig vor denen beweisen müssen", sagt er.Stattdessen übernehmen die Jungen den klassischenMädchenpart gleich mit: Kochen auf Kursfahrten,Fest-Organisation, Klassenraum aufräumen. Das jüngsteProjekt der Schule nennt sich "Compassion", eine ArtSozial-Praktikum in Altenheimen, Kindergärten und Häusernfür Behinderte.Erst in der Oberstufe finden sich auch junge Frauen in demnüchternen Betonbau ein. Zusammen mit einer benachbarten Mädchenschule bietet das Collegium dann in den Hauptfächerngemeinsamen Unterricht und ein breites Fächerspektrum an."Es kann sich schon auch lohnen, die Ansichten einesMädchens zu erfahren", erklärt der 18-jährige SchulsprecherNathanael Liminski und grinst. "Vor allem auf Literaturhaben die einen anderen Blick. Wir gucken eher: Was machtder Held da? Die fragen: warum?""Schulen wie das Collegium werden natürlich die Ausnahmebleiben", sagt Co-Rektor Ulrich Lipperheide, während erdurch den Treppenflur zur nächsten Stunde hastet. "Niemanddenkt ernsthaft darüber nach, künftig flächendeckend nachGeschlechtern zu trennen." Trotz möglicher Leistungssteigerung hielte das auch Boldtfür einen Rückschritt. "Beide Geschlechter müssen nun malvoneinander lernen, und damit beginnen sie am bestenfrühzeitig." Koch-Priewe kritisiert vor allem denkünstlichen Schutzraum in reinen Jungen- oderMädchenschulen. "Mädchen sollen in der Konkurrenz mitJungen ihren Weg finden und umgekehrt."Zumindest für zeitweilig getrennten Unterricht - nicht nurin Jungen- und Mädchenkonferenzen, sondern auch in denFachstunden - plädieren inzwischen viele. Zwar mahneneinige Geschlechterforscherinnen noch, getrennt zuunterrichten bedeute, Unterschiede zu betonieren; und auchdie Mehrheit der Deutschen scheint mit dem Konzept weniganfangen zu können. Doch die Riegepragmatischer Experten wächst."Es wirkt, und es ist sinnvoll", urteilt Kessels von derFreien Universität Berlin. In Deutsch, Physik, Informatik,Mathe, Chemie und Fremdsprachen sollten Schulen ruhig malgetrennten Unterricht ausprobieren, meint auch Koch-Priewe."Nicht unbedingt immer auf Jahre, aber vielleicht ein paarMonate lang, wenn die Fächer neu einführt werden. Damit dieeine Gruppe nicht schon von vornherein benachteiligt ist."Die Schulgesetze mehrerer Bundesländer wie zum BeispielHessen, Schleswig- Holstein oder Sachsen-Anhalt erlaubenstundenweise getrennten Fachunterricht. Doch in der Praxisbleiben Forschungsprojekte wie das der Berlinerin Kesselsdie Ausnahme. Auch Jungen- und Mädchenkonferenzen stehen innur wenigen Schulen auf den Stundenplänen - obwohl Boldtbei Fortbildungen oft begeisterte Kommentare hört. "Häufig können Schulen solchen Unterricht gar nichtanbieten", kritisiert der Lehrer. "Sie haben kaum noch einKontingent für Stunden, die nicht benotet werden müssen."Viele Kollegen kapitulierten schon vor dem reguläremUnterricht und vor der Masse an Inhalt, die sie vermittelnsollten. "Oder aber sie wollen sich selbst nicht mit ihrerRolle als Mann oder Frau auseinander setzen."Das aber sei unverzichtbare Voraussetzung, sagt derMünchner Bubenbeauftragte Glötzner. Sorgfältig streicht erdurch den langen Bart. "Man weiß es ja selbst manchmalnicht besser und verhält sich nach depperten bizarrenMännermustern."Bizarr und deppert - aber erfolgreich. Denn eine Fragebleibt offen: Warum machen die durchweg wenigererfolgreichen Jungen dann im Beruf so oft steilereKarrieren als die Mädchen?Zumindest die Evolutionspsychologen kennen eine Antwort:"Im Job ist es wie mit dem Erbgut", sagt dieVerhaltensforscherin Bischof-Köhler. "Man muss es haltunverdrossen immer wieder probieren. Und da haben Männereinfach die höhere Misserfolgstoleranz." KATJATHIMM
* Bundesweiter Berufsorientierungstag für Mädchen zwischen10 und 15 Jahren am 22. April.