Titel: Horrortrip Schule - DER SPIEGEL
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Titel Horrortrip Schule

Resigniert, überfordert ­ oder einfach nur faul? Der Berufsstand der Lehrer steckt in der Krise. Die Ausbildung ist praxisfern, der Unterricht von vorgestern. Jetzt wollen Bildungsreformer die Schule neu organisieren: mit mehr Freiheit, aber auch mehr Kontrolle. Machen die Pädagogen mit?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal setzt ausgerechnet dasvorzeitige Ende einer Berufslaufbahn ungeahnte Kräfte frei- und eröffnet die Chance auf eine zweite Karriere. DerHamburger Studienrat Karl-Heinz Winkler kennt das Phänomen.Vor fünf Jahren ließ sich der damals 51-jährige Lehrerfrühpensionieren - die Schule hatte ihn angeblich krankgemacht. Schon bald aber ging es Winkler wieder so gut,dass er sich 2001 als Abgeordneter der Schill-Partei in dieHamburger Bürgerschaft wählen ließ. Der wohl versorgteJungpensionär fühlte sich sogar fit genug, denBau-Ausschuss zu leiten, "erstaunlich souverän", wie ihmdas "Hamburger Abendblatt" bescheinigte.Der Essener Realschullehrer Jürgen von Gillhaußen, 47,hingegen wollte in seinem erlernten Beruf etwas bewegen:Selbst samstags werkelte er mit Schülern auf dem Pausenhofund verwandelte 500 Quadratmeter Asphalt in ein Biotop. ImAlleingang organisierte er einen Schüleraustausch; als eineKollegin schwer erkrankte, übernahm Gillhaußen kurzerhandauch noch deren Klasse mit - und doch war der Mannhochgradig frustriert.Unterstützung von der Schulleitung? Die habe er kaumerfahren, klagt der Lehrer. Im Gegenteil, die Kollegenhätten ihn gebremst, wo sie nur konnten. Und er weiß auch,warum: "Ich hatte ihnen gezeigt, dass man durchaus mehrarbeiten kann." Am Ende siegte das Mobbing der Müden,Gillhaußen wechselte entnervt die Schule.Junglehrer Stefan J. ließ es von Anfang an viel ruhigerangehen. Er hatte sich an der Pädagogischen HochschuleHeidelberg eingeschrieben, weil, "ehrlich gesagt, dasStudium nicht das schwierigste ist". Statt Lernpsychologiezu büffeln, erforschte er lieber in Philosophiekursen die"Ästhetische Erfahrung der Natur" - alles erlaubt im Rahmender Studienordnung.Im Referendariat ereilte ihn dann der Realitätsschock."Hilflos und unvorbereitet" habe er vor 30 lärmendenKindern gestanden, völlig unfähig, "überhaupt wahrgenommenzu werden". Heute beschleicht den Lehrer das Gefühl, dasser in seinem alten Studentenjob wohl besser aufgehobenwäre: Da veranstaltete er Abenteuerreisen.Drei Schicksale aus den Lehrerzimmern der Republik. Siebeschreiben Gemütsverfassungen von vielen der 675 000deutschen Pädagogen. Ausgebrannt und überfordert fühlen siesich, ihrer Aufgabe nicht gewachsen, für viele wird jedeStunde Unterricht zur Qual. Manche haben nur noch ein Ziel:so schnell wie möglich dem täglichen Klassenkampf zuentfliehen. Und bis dahin gilt: Dienst nach Vorschrift."Faule Säcke" nannte einst Bundeskanzler Gerhard Schröderdie Lehrer, und der Populist durfte sich der Zustimmung desWahlvolks sicher sein. Doch ebenso sicher ist, dass etliche aus der Pädagogenzunft kräftig daranarbeiten, dieses Vorurteil weiterzuverfestigen.Es ist das Bild einer privilegierten Berufsgruppe:Arbeitnehmer, die längst zu Hause bei der Familie sind,wenn andere noch im Büro sitzen oder an der Werkbankstehen. Die mehr als doppelt so viele Ferientage genießenwie normale Angestellte. Deren Arbeitsplätze krisensichersind. Von denen aber trotzdem gerade mal neun Prozent bis65 durchhalten. Und die vor allem gern jammern.Vor einigen Monaten erst protestierten Hunderte Lehrer inHamburg gegen ein neues Arbeitszeitmodell, das sieangeblich übermäßig belastet. Sie feierten kollektiv krankund ließen den Unterricht ausfallen. Der wilde Streik bliebfolgenlos: Kein Eintrag trübt die Personalakten derBeamten. Nur in einer Kategorie liegen deutsche Schulmeisterinternational in der Spitzengruppe: beim Gehalt. 49 053Dollar verdienen Mittelstufenlehrer im Schnitt.Gleichzeitig aber gehören ihre Schüler zu denleistungsschwächsten weltweit - die Bezahlung der Lehrertop, das Wissen der Schüler ein Flop.Natürlich ist das Versagen der Schule nicht allein denLehrern anzulasten. Die vielfach beklagte Krise derErziehung im Elternhaus und der Einfluss der elektronischen Miterzieherim Kinderzimmer erschweren die Arbeit enorm. Die Lehrerhaben es heute mit Schülern zu tun, die mehr Zeit vor demFlachbildschirm verbringen als im Klassenzimmer. Was siedenken, was sie sagen, was sie fühlen - MTV und RTL prägenihr Bewusstsein und ihre Werte zuweilen stärker als Mamaund Papa.Sicher resignieren nicht alle Pädagogen vor solchenHerausforderungen. Viele mühen sich redlich, sind überausengagiert, sitzen daheim bis tief in die Nacht und bereitenden Unterricht gründlich vor. Sie besuchen die Eltern ihrerSchüler, um sich ein besseres Bild zu machen. Sie kaufenfür die Klasse Hefte und Stifte auf eigene Rechnung. Dochkeiner dankt es ihnen.Im deutschen Schulsystem werden gute Lehrer nicht belohntund schlechte nicht bestraft. Leistung lohnt sich nicht,Anreize sind unbekannt. Wer zu eifrig ist, wird von denKollegen oft sogar weggemobbt. Da schwindet jede Lust amLehren.Deutschlands Lehrer im Jahr zwei nach dem Pisa-Schock: maldemotiviert, mal überfordert - und manchmal auch einfachnur faul. Ausgerechnet jener Berufsstand steckt tief in derKrise, der Verantwortung trägt für das wichtigste Gut, dasein rohstoffarmes Gemeinwesen wie Deutschland besitzt: dieKöpfe seiner Kinder.Lahme Lehrer, dumme Schüler: Warum das so ist, darüber wirdseit Pisa heftig gestritten. Die Berufsverbände behaupten,es liege am Geld; reflexhaft fordern sie mehr Stellen undkleinere Klassen. Die Pädagogen hingegen beklagenunkonzentrierte, problembelastete Schüler ausElternhäusern, denen der Lernerfolg ihrer Kinder ziemlichegal ist. Und alle zusammen machen das Schulsystemverantwortlich.So läuft es seit Jahrzehnten: Immer wieder haben dieKultusminister am System gedreht in der vagen Erwartung,dass sich so die Schule und die Schüler verbessern ließen:Sie haben Gesamtschulen, Kurssysteme, Eingangs- undOrientierungsstufen eingeführt - und vieles davon baldwieder abgeschafft.Einer der wichtigsten Faktoren kam meist zu kurz - dieLehrer und die Qualität ihrer Arbeit. "Man streitet sichendlos um Schulform und Betreuungszeiten, aber nie um dasEntscheidende: Wie gut ist der Unterricht?", wundert sichRonald Meka von der Gummersbacher UnternehmensberatungKienbaum.Der Wirtschaftsmann hat Bildungsstätten in Deutschlanduntersucht - und ist immer wieder verblüfft über dieDefizite, die zu Tage kommen. Nirgendwo fanden sichverbindliche Vorgaben dazu, was die Kinder am Ende einesSchuljahres können müssen - ohne klar definierte Ziele aberist kaum zu überprüfen, ob ein Lehrer seine Sache gutmacht. "Das Klassenzimmer ist eine Art Black Box, in derauf wundersame Weise Unterricht geschieht", sagt Mekaspöttisch.Keine andere Berufsgruppe, mit Ausnahme derHochschullehrer, muss über das Geleistete so wenigRechenschaft ablegen - bislang jedenfalls. Erst langsamvollzieht sich ein Sinneswandel. Mittlerweile ist dieMehrheit der Kultusminister überzeugt, dass die Freiheitder Lehre nicht grenzenlos sein kann. Der Staat sollteverbindliche Bildungsstandards definieren, so die Idee, dieSchüler müssten dann regelmäßig in einheitlichen Klausurenunter Beweis stellen, ob sie das Niveau erreichen. So wäreleicht zu bestimmen, welche Fortschritte eine Klassegemacht hat - ein kleines Pisa, alle zwei Jahre.Dann könnte man, wenn es gut läuft, nicht nur Länder,Schulen und Klassen miteinander vergleichen, sondern sogardie Lehrer. Welchen Weg die einzelnen Schulen dabeieinschlagen, bleibt ihnen überlassen, entscheidend ist nur,dass das Ergebnis stimmt. Schulleiter beispielsweisebekämen freie Hand bei der Auswahl ihrer Lehrkräfte. MehrFreiheiten, aber auch mehr Ergebniskontrolle, das ist dieFormel für die neue Schulreform.Doch statt dieses Ziel nun konsequent zu verfolgen, widmensich die Bildungspolitiker der Länder erst einmal einemanderen Projekt. Unter großer Anteilnahme der Elternschaftund lautem Geschrei der Berufsverbände verhandeln sie überdie Arbeitszeiten der Lehrer - statt an der Lehrqualität zuarbeiten. Beispiel Hamburg: Dort hat Bildungssenator Rudolf Lange(FDP) zum 1. August ein neues Arbeitszeitmodell eingeführt.Erstmals will die Schulbehörde nun auch die Zeiten für Vor-und Nachbereitung von Unterrichtsstunden auf die Minutegenau erfassen. Wer weniger arbeitsintensive Fächer wieSport oder Kunst unterrichtet, muss nun zum Ausgleicheinige Stunden mehr leisten als etwa ein Englisch- oderDeutschlehrer. So soll Mehrarbeit gerechter verteilt werden.Einige Lehrer reagieren auf ihre Weise - und machen nurnoch, was fürs Zeitkonto zählt. Sie haben Klassenreisen,Projektwochen oder Sportfeste kurzerhand abgesagt.

Paul Sachse zum Beispiel, Kunstlehrer am HamburgerGymnasium Finkenwerder, muss jetzt vier Stunden pro Wochemehr unterrichten. Weil sein Einsatz nicht belohnt werde,hat er sich entschlossen, das Fach "Grafik-Design", das erbislang zusätzlich angeboten hatte, wieder aufzugeben.Weniger engagierte Kollegen würden zu "Dienst nachVorschrift verleitet".Das Urteil der Pädagogenschaft über das Konzept istgespalten. In Wahrheit sei es nur ein verkapptesSparmodell, lautet die Kritik der einen: Tatsächlich mussnun rund die Hälfte der Hamburger Lehrer mehr unterrichten.Andere allerdings verzeichnen erfreut eine Senkung ihrerDeputate.Auch in Baden-Württemberg beschäftigt sich eineArbeitsgruppe um Kultusministerin Annette Schavan (CDU) mitder Frage, ob 75 freie Tage pro Jahr für Lehrer zu vielsind. Der Vorschlag der Ministerin: Die Lehrer sollen 30Tage Urlaub haben wie jeder andere Arbeitnehmer auch, denRest der Zeit sollen sie präsent sein und das neueSchuljahr vorbereiten, sich fortbilden oderElternsprechtage abhalten. Wie genau das Modellfunktionieren soll, ist freilich noch unklar. Trotzdem hatsich Hessens Kultusministerin mit einer ähnlichenInitiative ihrer Stuttgarter Kollegin angeschlossen. In Berlin wollte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) seinenPädagogen sogar schon drei Präsenztage vor dem Ende derSommerferien verordnen. Doch nach heftigen Protesten derLehrer blieb davon nur ein Tag übrig.Der hartnäckige Widerstand in den Ländern zeigt, wie schweres fällt, gegen Lehrer und ihre Standesvertreter, dieGewerkschaften und Berufsverbände, anzukommen. Die Lobbyhat Macht und Einfluss, schließlich wurden aus Pädagogennicht selten Politiker, rund zehn Prozent der Abgeordnetenim Bundestag sind gelernte Lehrer. Das Lehrerzimmer wird zum Auffangbecken für Unentschlossene, Ängstliche und Labile. Der Ursprung der Misere liegt jedoch woanders, sie beginntbei der Berufswahl der angehenden Pädagogen: Zu oftentscheiden sich die Falschen für den Beruf. DasLehrerzimmer wird zum "Auffangbecken für Studienversager,Mittelmäßige, Unentschlossene, Ängstliche und Labile",giftet die Ex-Gymnasiallehrerin und Autorin MargaBayerwaltes, "kurz gesagt, für Doofe, Faule und Kranke".Ganz falsch liegt die Frau nicht. Viele betrachten in derTat das Lehramt nicht als Berufung, sondern schlicht alsJob, der einige Annehmlichkeiten mit sich bringt: Von den30 000 Studenten, die jedes Jahr ein Lehramtsstudiumbeginnen, sind 75 Prozent Frauen. Sie wählten besonders oftsolche Bildungsgänge, weil sie hier später Beruf undFamilie besser verbinden können, hat der UlmerPädagogikprofessor Ulrich Herrmann herausgefunden. UndMänner suchten einen sicheren Arbeitsplatz als Ernährer derFamilie: "Beides sind keine genuinen Argumente für denLehrerberuf." Vielmehr fürchteten geradeLehramtskandidaten, "den Innovationsdruck der freienWirtschaft nicht auszuhalten", vermutet Herrmann.Dass sie später einmal jeden Vormittag sechs mal 45 Minutenlang mehr als 30 lärmende Kinder unterrichten sollen,machen sich die wenigsten bewusst. "Es gibt viele, diekommen, um möglichst viel Geld mit möglichst wenig Arbeitzu verdienen", beschreibt Referendar Markus Igel, 29, ausPforzheim seine Kommilitonen. "Manche haben echte Angst,vor einer Gruppe in einem Seminar ein Referat zu halten",berichtet Gabriele Gut, 25, Studentin aus Augsburg: "Wiesollen die denn mal eine Klasse unterrichten?", fragt siesich.Was passiert, wenn solch ungeeignete Kandidaten erstmalsvor einer Klasse stehen, lässt sich im Internet-Forum "www.referendar.de" nachlesen: "Referendariat ist einHöllentrip, dem ich mich nicht gewachsen fühle", schreibtein Teilnehmer: "Ich krebse rum, wünsche mir dringend eineAuszeit, das ganze Wochenende verbringe ich schlafend."Einer anderen wird nach eigenem Bekunden schon schlecht,wenn sie nur an Schule denkt: "Immer wenn ich versuche, mirvor meinem geistigen Auge vorzustellen, wie ich wieder indas Referendariat gehe oder jahrelang als Lehrerin arbeite,bekomme ich Angstzustände." Nachwuchskraft Biggi klagt:"Vor der Tätigkeit fange ich langsam an mich zu ekeln."Kollegin Natalie hat dafür einen praktischen Tipp parat:"Lass dich krankschreiben." Schließlich tue das "fast jeder", und das sei "angesichtsder Situation in unserer ,Ausbildung' auch völlig okay".Erziehungswissenschaftler wie Dieter Lenzen, Präsident derFreien Universität Berlin, fordern bereits, "ernsthaft überEignungstests oder eine Aufnahmeprüfung vor Beginn desStudiums nachzudenken".In Finnland existiert so etwas längst. Dort ähnelt derEingangstest den aufwendigen Auswahlverfahren, wie sieinternationale Großkonzerne veranstalten. Der Lehrerberufist beliebt, auf jeden Studienplatz kommen zehn Bewerber. In Deutschland verhält es sich eher umgekehrt: Die Schulenplagt akuter Lehrermangel, vor allem in denmathematischnaturwissenschaftlichen Fächern fehlt derNachwuchs, Länder wie Nordrhein-Westfalen oderNiedersachsen behelfen sich damit, Quereinsteigeranzuheuern. Eine Not, aus der eine Tugend erwachsen könnte:Denn auf diese Weise gerät ein Typus Lehrer in denSchulbetrieb, der im Leben mehr gesehen hat als Schule, Uniund wieder Schule.In jedem Fall, so empfiehlt ErziehungswissenschaftlerHerrmann, sollte ein halbjähriges Praktikum Voraussetzungsein, um überhaupt zum Lehramtsstudium zugelassen zuwerden. Dann erkennen die Studenten nicht erst nach fünfJahren, dass sie den falschen Beruf gewählt haben.Das ist der Kölnerin Natascha Bleckmann, 33, passiert.Warum sie Lehrerin wurde? "Weil ich als Kind gern zurSchule gegangen bin", ist ihre Begründung. Da wundert esnicht, dass ihre Karriere im Schuldienst von kurzer Dauerwar: Die Frau begegnete Neuntklässlern, die im Unterrichtaus Protest kein Wort sprachen, und Schülern, die siehungrig um Äpfel und Bananen anbettelten. Erst da habe siebegriffen, sagt Bleckmann, "dass ich als Lehrerin vor allemerzieherisch tätig sein muss" - und das wollte sie nicht:Die Frau fand einen Job in einer Agentur fürBildungsmedien. Viele andere aber bleiben an den Schulenund besetzen frustriert ihre Planstellen, zum eigenenSchaden und dem ihrer Schüler.Doch auch Studenten, die im Lehrberuf durchaus gutaufgehoben sind, werden im Studium auf eine harte Probegestellt. Die Ausbildung ist praxisfern, voll gestopft mitTheorie und dauert im Schnitt knapp sieben Jahre - längerals jeder vergleichbare Bildungsgang in Europa. Der münstersche Pädagogikprofessor Ewald Terhart hat imAuftrag der Kultusministerkonferenz die Lehrerausbildunguntersucht. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Was dieStudenten in ihren Fächern, im Referendariat und imPraktikum lernten, stehe völlig "unverbundennebeneinander". Ihnen fehlten praktische Erfahrungen inDidaktik, Psychologie, Sonderpädagogik, kaum einer wissebeispielsweise, wie ein Elterngespräch geführt wird.Dafür verfügen die Studenten über profundewissenschaftliche Kenntnisse - die für den täglichenGebrauch ungeeignet sind. Der Essener RealschullehrerFriedrich Gerdes hatte im Biologiestudium alles über dieGeschwindigkeit des Neuronenwachstums bei Heuschreckengelernt, in seiner ersten Unterrichtsstunde fragten ihn dieKinder: "Können Bienen rückwärts fliegen?" Gerdes musstepassen.Die guten Lehrer, so scheint es, sind dies nicht wegen,sondern eher trotz ihrer Ausbildung. Miserabel vorbereitetstolpern sie ins Referendariat; auf einmal sollen sieunterrichten, motivieren, für Disziplin sorgen - wie das funktioniert, das haben sie nie gelernt.Plötzlich sind sie mit leibhaftigen Schülern konfrontiert,die sich "lautstark darüber unterhalten, ob ich einen Tangaoder normalen Slip trage", wie eine Referendarin hilflosbeklagt.Einige Bundesländer haben inzwischen damit begonnen, ihreLehrerausbildung zu reformieren: Sie soll verkürzt werdenund praxisnäher sein. Die Initiative kann freilich einesnicht verhindern: Die neue Pädagogengeneration wird selbstin 15 Jahren erst zwölf Prozent der Lehrer stellen, hat dieBeratungsfirma McKinsey berechnet - zu wenig, um dieSchulen wirklich zu verändern, und viel zu spät.Denn das Studium, wie es heute aufgebaut ist, wirkt sichdauerhaft negativ auf das Selbstverständnis der Lehrer aus:Weil das Fachwissen im Vordergrund steht, begreifen sichdie Jungpädagogen als Romanisten, Mathematiker oderChemiker - nicht aber als Dienstleister für Schüler. Derwissenschaftliche Anspruch kollidiert mit dem Schulalltag,Frust ist programmiert. "Die angehenden Lehrer lieben ihreFächer, nicht den Beruf", sagt der BerlinerPädagogikprofessor Lenzen. Auch so ist es zu erklären, dass deutsche Lehrer so gerndarüber klagen, wie unbegabt doch ihre Schüler seien. Undsie am liebsten auf eine andere Schulform abschiebenwürden. "Man trifft auf Schritt und Tritt Lehrer, dieKinder nicht mögen und weder gewillt noch im Stande sind,sich auf sie einzulassen", meint dazuErziehungswissenschaftler Herrmann.Entsprechend rüde ist zuweilen der Ton: "Wie doof bist dueigentlich, das kapiert doch jeder Straßenpenner", bekamder Hamburger Gesamtschüler Björn Maas, 17, von seinemMathematiklehrer zu hören, nachdem er eine Frage zu denBinomischen Formeln gestellt hatte.Die OECD befragte Schüler, wie sehr sie sich von ihrenLehrern im Unterricht unterstützt fühlen. Ergebnis: ImVergleich mit Kollegen aus 31 anderen Ländern landeten diedeutschen Pädagogen auf dem viertletzten Platz. Besondersschlecht schnitten sie in zwei Kategorien ab: Nur 41Prozent der Schüler meinten, ihre Lehrer zeigten"Interesse, dass jeder etwas lernt", und nur 34 Prozentsagten, die Lehrer würden ihnen beim Lernen helfen. BeimPisa-Gewinner Kanada waren davon 75 Prozent überzeugt.Austauschschülerin Antje Lahrz, 19, schwärmt heute noch vomkreativen Unterricht ihrer Geschichtslehrerin imkanadischen Ontario. Einmal, so erzählt sie, hatte sie denKurs bei Kerzenschein unterrichtet, verkleidet als LudwigXIV. Einen solchen Aufwand kann zwar kein Lehrer für jedeUnterrichtsstunde betreiben, gleichwohl: So etwas bleibt imGedächtnis haften.Irina Seitz aus Hannover besuchte für ein Jahr eine Schulein Mittelfinnland; sie war tief beeindruckt davon, wieSchüler und Lehrer dort miteinander umgehen: "InDeutschland hat mein Mathe-Lehrer gesagt: ,Ich hab keinenBock auf Mathe. Ihr habt keinen Bock auf Mathe. Aber wirmüssen's trotzdem machen.' Auf die Idee würde da keinerkommen."Warum also ist gerade hier zu Lande die Schule so oft einOrt, wo gelangweilte Schüler auf resignierte Lehrertreffen, um sich gemeinsam durch die Stunden zu quälen?Wieso steckt ausgerechnet die Lehranstalt Humboldts, derenLeistung und Qualität einst weltweit gerühmt und geachtetwurde, in ihrer bisher schwers-ten Krise?Mit der praxisfernen Ausbildung der Lehrer lässt sich dieMisere nur zum Teil erklären. Nicht selten werden dieJungen auch ausgebremst, weil das Kollegium sie mit ihrenneuen Ideen als Störenfriede empfindet. "In der Praxisläuft das leider häufig so ab", beschreibt einbaden-württembergischer Junglehrer: "Im Referendariaterzählen sie dir, du kannst alles vergessen, was du imStudium gelernt hast; als Berufsanfänger erzählen sie dir,du kannst alles vergessen, was du im Referendariat gelernthast. Und am Ende erinnern sich die Leute an ihre eigeneSchulzeit und machen eben das." Doch den Nachwuchslehrern fehlt nicht bloß die Förderung -sie werden auch nicht genug gefordert. Sie können sichabmühen, wie sie wollen, für ihre Karriere nützt derEinsatz nichts, bedauert Pädagoge Terhart: "eine Situation,die im Berufsleben ansonsten eher untypisch ist". Es lohntsich nicht, sich abzustrampeln - erst recht nicht im Unterricht, denn was im Klassenzimmer geleistet wird,sieht kein Kollege oder gar Vorgesetzter.Während japanische Lehrer ihren Unterricht auf Videoaufnehmen und mit den Kollegen diskutieren, während infinnischen und kanadischen Schulen die Türen zumeist offenstehen, herrscht an deutschen Schulen eine Kultur, sichnicht in die Karten schauen zu lassen. Selten, dassSchulleiter den Unterricht der Kollegen besuchen; so etwasriecht nach Einmischung und Kontrolle. Und Eltern gälten,so Pädagoge Herrmann, sogar oft als "schulfremde Personen",die nicht in die Klasse dürften - angeblich, um diePersönlichkeitsrechte der anderen Kinder zu schützen. In vielen Lehrerzimmern sitzen noch immer zahllose elektronische Analphabeten. Frische Impulse fehlen auch, weil viele Lehrer nicht denDrang verspüren, ihr Wissen immer wieder auf den neuestenStand zu bringen. Selbst junge Pädagogen verlierenschlagartig das Interesse an neuen Erkenntnissen, sobaldsie die Hochschule verlassen haben. Manche sind einfach zuträge, sich fortbilden zu lassen; andere betrachten schonden Vorschlag beinahe als Beleidigung - dann müssten sie jaihr scheinbar bewährtes Lehrkonzept in Frage stellen.So sitzen in vielen Lehrerzimmern noch immer zahlloseelektronische Analphabeten, die von Computern keine Ahnungund noch nie im Internet gesurft haben. Gerade ältereKollegen sehen keine Veranlassung, sich noch mit Maus undMonitor vertraut zu machen.Mehr als 40 Prozent der Lehrer sind schon jenseits derfünfzig, in jedem normalen Betrieb wäre der Arbeitsdirektorfür eine solch fahrlässige Personalpolitik gefeuert worden.In vielen Kollegien ist die Atmosphäre vergiftet, dieLehrkräfte flüchten ins Private. "Es ist egal, ob ich denUnterricht gut oder schlecht mache - befördert werde ichsowieso nicht", klagt Elisabeth K., Englischlehrerin aneinem Kieler Gymnasium. Sie ist frustriert, weil sie nieFeedback bekommt: "Jeder macht so sein Ding."In der Bildungsstudie 2002 befragte die OECD Schulleiterund Schüler, wie sie das Klima an ihrer Schule empfinden.Das Ergebnis: In sieben Kategorien lag Deutschland sechsmalunter dem Durchschnitt.Einer der Gründe für die miese Stimmung: Die Schule istfalsch organisiert. Der Schulleiter, der die Lehrer täglicherlebt, ist nicht ihr disziplinarischer Vorgesetzter - dersitzt fernab im Schulamt. Die Schlussfolgerung derKienbaum-Berater: "Es gibt in diesem Sinne kaumNotwendigkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung."So werden selbst manche Lehrer behäbig, ja sogar faul, diemit Elan ins Berufsleben gestartet sind. Barbara Beutner,Hamburger Ombudsfrau für Schülervertretungen, hört immerwieder von solchen Fällen. Da werden Klassenarbeiten nichtzurückgegeben, "weil sie dem Lehrer angeblich aus demKofferraum geklaut worden waren", erzählt sie.Alkoholabhängige Lehrer könnten sich nicht auf den Stoffkonzentrieren und stammelten an der Tafel zusammenhangloseSätze.Beutners Kollegin Sylvia Strubelt, Vertrauenslehrerin beider Landesschülervertretung Düsseldorf, sind ähnlichabenteuerliche Geschichten bekannt. Manche Lehrer, die nur zweiWochenstunden in einer Klasse unterrichten, vergeben fastdurchweg die Note "befriedigend" - sie können Namen undGesichter nicht zuordnen. "Das sind keine Einzelfälle",sagt Strubelt, "das ist an der Tagesordnung."An fast jeder Schule gebe es wenigstens einen Lehrer, derein stilles Übereinkommen mit den Schülern treffe, weißStrubelt: "Solange der fürs Filmegucken auf dem ZeugnisDreien gibt, machen die meisten Schüler das mit undschlafen sich in den Stunden ordentlich aus." Manche Lehrer werden mit Anfang vierzig dienstunfähig in den Ruhestand versetzt. Oft sind es genau jene Lehrer, die mit großem Idealismusins Studium gestartet waren, die nun an an ihren eigenenAnsprüchen scheitern. "Die versacken dann in einerAbwärtsspirale und entwickeln regelrechten Selbsthass",sagt Pädagoge Herrmann. Als Gegenmittel empfiehlt er, dassLehrer regelmäßig in Gesprächsgruppen ihre Erfahrungenaustauschen: "An jedem Gymnasium gibt es 15 ProzentVerhaltensneurotiker", schätzt der Professor, "die brauchenso etwas dringend."Natürlich aber gibt es auch Schulen, an denen selbst diebesten Pädagogen verzweifeln. Mit verhaltensgestörtenJungen und Mädchen aus kaputten Familien, die ohneFrühstück in die Schule kommen. Mit Kindern, die ihr Fieberauf einer Sofaecke im Klassenzimmer kurieren, weil sich zuHause niemand um sie kümmert. Mit Gebäuden und Möbeln, diekurz vor dem Zusammenbruch stehen. Und mit Schülern, die indie eigene Schule einbrechen. Hier wird Unterricht zurSchwerstarbeit. Dass sich die Lehrer an solchen Schulenüberfordert fühlen, ist nur zu verständlich.Doch nicht nur Lehrer, die mit solch widrigen Bedingungenkämpfen, macht der Schulstress kaputt. 30 Prozent derPädagogen seien Burn-out-gefährdet, lautet das Ergebniseiner Studie der Universität Potsdam, 29 Prozent zeigtenbereits die klassischen Symptome: totale Erschöpfung undResignation bei gleichzeitiger Nervosität. 20 Prozentleiden laut einer anderen Studie angeblich unterPanikattacken. Seit einiger Zeit verzeichnen Kliniken, diesich auf Lehrer spezialisiert haben, enormen Zulauf.Der hohe Krankenstand sei allerdings nicht allein auf dieschlechten Arbeitsbedingungen zurückzuführen, meintIsabella Heuser, Leiterin der Psychiatrischen Klinik der FUBerlin. Der Lehrerberuf ziehe vielmehr Menschen an, dieohnehin schon "depressiv strukturiert" seien.Allein im vorvergangenen Jahr ließen sich bundesweit mehrals 8600 Lehrer wegen angeblicher Dienstunfähigkeit in denRuhestand versetzen. Manche schon mit Anfang vierzig. Mehrals die Hälfte der ausscheidenden Pädagogen beklagtenpsychische oder psychosomatische Leiden, fand der ErlangerArbeitsmediziner Andreas Weber heraus, der 7000 Gutachtenausgewertet hat. Von den Betroffenen möchten vielekeineswegs kuriert werden: Bei der Hälfte derLehrer-Patienten von Psychiater Andreas Hillert von derMedizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck "limitiertder geäußerte Wunsch nach Frühpensionierung den Erfolg derTherapie erheblich".Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband haterrechnet, dass der vorzeitige Ruhestand allein denFreistaat jährlich rund 250 Millionen Euro kostet.Schleswig-Holstein zahlte für frühpensionierte Lehrer von1996 bis 2000 insgesamt 56 Millionen Euro.Um Drückeberger abzuschrecken, hat der Staat inzwischenHürden aufgebaut. Seit 2001 wird dienstunfähigen Beamtenfür jedes Jahr, das sie vor dem 63. Geburtstag ausscheiden,die Pension gekürzt. Maximal werden ihnen aber nicht mehrals 10,8 Prozent abgezogen. In Schleswig-Holstein könnenfrühpensionierte Lehrer auch für andere Tätigkeiteneingesetzt werden - was freilich kaum geschieht, wie der Landesrechnungshof moniert.Dass Lehrer noch immer in den meisten Bundesländernverbeamtet werden, gilt Kritikern ohnehin als eine dergrößten Fehlentwicklungen im deutschen Bildungswesen. IhreBesoldung hängt kaum davon ab, was sie leisten - was zählt,ist hauptsächlich das Dienstalter.Selbst vorhandene Spielräume nutzen die Länder nicht aus.Prämien bis zur Höhe eines Monatsgehalts sind etwa inSachsen möglich - dumm nur, dass das Land wegen leererKassen die Bonuszahlungen kurz nach der Einführung wiedergestrichen hat. Dass der Verbeamtungsirrsinn bald gestoppt wird, damit istkaum zu rechnen. Lehrer sind knapp, die Kultusministerschätzen, dass bis 2015 rund 74 000 Lehrkräfte fehlenwerden, die meisten in den Klassen fünf bis zehn. Und werim Wahlkampf versprochen hat, mehr Pädagogen einzustellen,lockt dann eben mit den Privilegien von Staatsdienern.Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) warbscharenweise Lehrer aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und denneuen Bundesländern ab. Aus Brandenburg flüchten immerwieder Lehrkräfte nach Berlin - zum Westtarif und zumArbeitsplatz auf Lebenszeit.Kleinstaaterei und Konkurrenzdenken behindern auch einProjekt, an dem die Kultusminister derzeit mit Hochdruckarbeiten: die Entwicklung bundesweit einheitlicherBildungsstandards. Sie sollen messbar machen, was wirklichbeim Unterricht an deutschen Schulen herauskommt, undkontrollieren, was jeder Lehrer leistet.Solche Normen bedeuten nichts weniger als die Abkehr voneiner Philosophie des Lehrens, die 200 Jahre lang diedeutschen Schulen geprägt hat: Nicht mehr auf den Inputsoll es künftig angekommen - auf jene Inhalte also, diebislang in Rahmenrichtlinien und Lehrplänen bis ins Detailfestgelegt sind -, sondern auf den Output - dieKompetenzen, die ein Schüler am Ende einer Jahrgangsstufeerworben hat und nutzen kann.Noch allerdings ist vieles unklar. Zum Beispiel wer dieStandards festlegen und wer ihr Erreichen kontrollierensoll: die Lehrer, die Kultusminister oder ein unabhängigesWissenschaftlergremium?In einigen anderen Staaten Europas, in Großbritannien etwaund in den Niederlanden, sind es Lehrer und Schüler schonlange gewohnt, dass eigene Behörden die Bildungsstandardsformulieren und ihre Einhaltung überprüfen. In denNiederlanden durchleuchten regelmäßig Inspektoren dieSchulen und kontrollieren die Lehrqualität. Werden dieStandards nicht erreicht, kann die Verwaltung der SchuleMittel streichen (siehe Seite 62).Schneidet in Großbritannien eine Schule gleich mehrfach beiVergleichstests miserabel ab, kann sie sogar geschlossen,Personal entlassen werden. Für einen so genannten freshstart gibt es dann mehr Geld - und eine neue Mannschaft.Die britischen Schulen, die einst ähnlich schlechteErgebnisse erzielten wie Deutschland bei Pisa, haben sich inzwischen einen Platz im oberen Drittelerarbeitet. Frontalunterricht ist so anstrengend wie ineffizient - und wird trotzdem weithin praktiziert. Immerhin gibt es auch in Deutschland Ansätze,Bildungsstandards einzuführen. In Rheinland-Pfalz schreibendemnächst erstmals alle Viertklässler Vergleichsarbeiten inMathematik; fünf weitere Bundesländer wollen sichanschließen. Die eine Hälfte der Aufgaben wird zentralausgearbeitet, die andere wählen Lehrer der einzelnenSchulen aus einer Sammlung vorgegebener Aufgaben selbstaus. Auch Hamburg setzt ab der vierten Klasse aufVergleichsarbeiten, die alle zwei Jahre geschrieben werdensollen.Doch Tests allein genügen nicht, wie die Erfahrungen ausanderen Ländern zeigen. Damit die Bildungsreform gelingt,müssen die wichtigsten Akteure, die Lehrer, stärkerunterstützt, gefördert, motiviert und von dem Vorhabenbegeistert werden. Das fällt oft schwer.Wie schwer, zeigt ein Projekt in Hamburg: Dort können sichgerade die Kollegien von 60 Schulen für eine zweijährigeGeneralüberholung . Das Ziel: weg vomFrontalunterricht, der zwar seit Jahrzehnten schon verpöntist, aber in deutschen Klassenzimmern noch weithinpraktiziert wird. Der Lehrer fragt, die Schüler antworten -die Methode ist so anstrengend wie ineffizient.Projektleiterin Kerstin Tschekan vom HamburgerLandesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung willden Lehrern beibringen, wie sie Schüler selbständig Themenerarbeiten lassen können. Mehrmals im Jahr werden die Pädagogen von ihr und ihrenKollegen trainiert, die Übungen wirken manchmal fast banal:Wie stelle ich eine Frage so, dass alle Schüler verstehen,was ich will? "Daran scheitern schon viele", berichtetTschekan.Auf welche Widerstände dieses Projekt stößt, ließ sich voreinigen Wochen in einem Musikraum des Hamburger GymnasiumsOsdorf beobachten. Die 50 Lehrer des Kollegiums, empörtüber das neue Arbeitszeitmodell, wurden per Dienstanweisungzur Veranstaltung verpflichtet.Mit skeptischen Blicken und verschränkten Armen saßeneinige Lehrer - Durchschnittsalter 52 - an Gruppentischen.Sie glucksten, sie kippelten, sie schwatzten. Eine Frau mitKurzhaarschnitt, auf einem frotteebezogenen Keilkissensitzend, blätterte demonstrativ ein Englisch-Schulbuchdurch. Der Kollege neben ihr malte eifrig mit BleistiftSchaubilder aufs Papier. Mit dem Pausengang stieg sofortder Lärmpegel.Einer der Pädagogen, ein Mathematiklehrer, begründete,warum er sich verweigert: "Die Veranstaltung hat die Stufeder Banalität nicht überschritten."Was würde denn mehr helfen?"Wir könnten effektiver arbeiten, wenn wir von der Behördenicht so gehindert würden."Was hindert ihn?"Die Bürokratie."Was genau?Der Mann überlegte lange. Na ja, die Notengebung sei sokompliziert, die Schüler könnten ja heutzutage allesanfechten.Aha.Auch ein Chemielehrer zeigte wenig Interesse am Training.Wieso?"Wir können es. Wir machen es seit 30 Jahren."Und warum sind die Schüler dann so schlecht?"Weil wir ein viergliedriges Schulsystem brauchen", meinter. Was habe der Pisa-Gewinner Finnland denn schonhervorgebracht außer Nokia, murmelte er grimmig. Undüberhaupt habe die Behörde ihm nicht zu sagen, "was ichmachen soll".Die Schulleiterin Heidrun-Angelika Susat ist dennochentschlossen, das Fortbildungsprojekt durchzuziehen: "DieRessourcen werden nicht besser, und die Kinder werden nichteinfacher", sagt sie: "Also müssen wir uns bewegen."Oft hängt es gar nicht so sehr an aufwendigen Programmen,dass eine Schule gut funktioniert. Wichtiger sei die Frage,welche Gruppe von Lehrern sich an einer Schule durchsetze,die Depressiven oder die Optimisten, meint SybilleVolkholz, früher Berliner Schulsenatorin und heuteBildungsexpertin der grünen Heinrich-Böll-Stiftung: "Eshängt alles an einem Kern von Leuten."An engagierten Kräften wie Bernadette Eberhardt, 50,Leiterin der Franz-Dinnendahl-Realschule im Norden vonEssen. Ihre Schule liegt in einem Arbeiterviertel, keinsozialer Brennpunkt, aber die üblichen Probleme: übervolleKlassen mit 32 Schülern, verhaltensauffällige Kinder, ein hässlicher, maroderWaschbetonbau mit einem Lehrerzimmer, in dem kaum Platz fürgenügend Stühle ist. Und doch ist hier vieles anders: Ander Spitze steht ein Schulleiter-Team, das die Schuleverbessern will und das sich auch nicht scheut anzuecken.Ohne großes Brimborium hat Eberhardt nach Gesprächen mitKindern und Eltern bauchfreie Hemden aus der Schuleverbannt. Sie organisiert für das gesamte KollegiumFortbildungen, vorzugsweise mit privaten Dozenten: DieAngebote des Landes seien "einfach zu schlecht", meint sie.Manchmal kommt es vor, dass sie im Lehrerzimmer ein paarEuro sammelt, um dem Kollegen, der den Computerraum inSchuss hält, ein Abendessen mit der Familie zu spendieren.Am letzten Schultag findet jeder Lehrer ein Dankeskärtchenim Fach, für eine Leistung, mit der er sich besondershervorgetan hat. Kleine Gesten nur, aber sie machen denUnterschied.So schafft sie es, das gesamte Kollegium mitzureißen,Frontalunterricht ist hier schon lange passé.Mathematiklehrer Friedrich Gerdes demonstriert, wieselbständig seine Sechstklässler arbeiten: Er setzt sichnach hinten, während Moritz, ein Blondschopf mit Brille,die Aufgaben für den Kopfrechnen-Test vorträgt: "Verwandlein einen Bruch: 0,6", liest er. Danach korrigieren dieSchüler die 14 Aufgaben gegenseitig.Kontrollbesuche im Klassenzimmer? Für Lehrer Gerdes wäredas ein Ansporn, versichert er: "Dann würde man endlichsehen, was ich tue." Künftig sollen Schulen über die Beförderung von Lehrern selbst bestimmen Auf solches Engagement setzen die Bildungsreformer, siewollen einzelnen Schulen deshalb mehr Freiraum geben, ihreIdeen umzusetzen. Sie sollen freie Hand haben, wie sieihren Unterricht gestalten. Sie dürfen sogar bestimmen,welche Lehrer sie befördern wollen. "Schulen müssen überihr Schulprogramm, ihr pädagogisches Konzept oder ihrefinanziellen Mittel selbst entscheiden können", fordertBildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD).Im Gegenzug allerdings müssen sich die Schulenkontrollieren lassen, ob das Leistungsniveau den Standardsentspricht. Mehr Freiheit einerseits, die Pflicht,Rechenschaft abzulegen, andererseits: Dies ist der Weg, dasind sich die Kultusminister weitgehend einig, um mehrQualität in die Klassenzimmer zu bringen. Das Ziel wirdvorgegeben, welchen Weg die Schule dorthin nimmt, kann sieselbst bestimmen.Fast alle Bundesländer sind bereits mit Modellversuchengestartet. Schleswig-Holstein etwa gewährt Schulen dasPrivileg, selbst Lehrer auszuwählen. Ebenso können siePsychologen oder Fachleute für Vorträge verpflichten.In Bayern sollen sämtliche Schulen von diesem Schuljahr anselbst über den Stundenplan entscheiden: Weist eine KlasseLücken im Rechnen auf, muss sie pro Woche eine Stunde Mathemehr absolvieren zu Lasten eines anderen Fachs. In 37bayerischen Schulen geht das Experimentieren noch einenSchritt weiter: Sie können den 45-Minuten-Takt aufbrechenund selbst entscheiden, ob sie ihr Geld eher in eineSchulcafeteria investieren oder in einen Physikraum.Gleichzeitig wird das Niveau der Schulen regelmäßig mitVergleichstests überprüft.Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen ganzen Katalog vonVeränderungen ausgearbeitet, die nötig wären: So sollenLehrer nicht länger als zehn Jahre an einer Schule bleiben,damit sie nicht in Routine erstarren. Es dürften nicht nurLehrer Schulleiter werden können, sondern auchFührungskräfte aus anderen Branchen. Junge Lehrer könntennur auf Probe übernommen werden und würden verpflichtet,während der ersten zwei bis drei Jahre der Berufstätigkeitan Weiterbildungen teilzunehmen. Und: "Lehrer sollenwährend der Arbeitszeit am Arbeitsplatz Schule anwesendsein", fordert die Bildungsexpertin Volkholz - also nichtnur vormittags.Das Kalkül: Wenn Lehrer auch am Nachmittag präsent wären,könnten sie besser im Kollegium zusammenarbeiten, dannhätten Schüler und Eltern jederzeit die Gelegenheit, in dieSchule zu kommen. Und die Lästerei über den Halbtagsjobwäre ein für alle Mal vom Tisch. Bremens BildungssenatorWilli Lemke (SPD) ist fest entschlossen, diesen Reformwegeinzuschlagen. Im Februar beschloss die Bürgerschaft, dassLehrer zu 35 Stunden Präsenzzeit verpflichtet werdenkönnen. Lemke will seine Pädagogen "raus aus der Isolation"holen. Der Schönheitsfehler: Der Senator kann ihnen derzeitnoch keine Arbeitsplätze für den Nachmittag bieten.In Hamburg will die Schulbehörde die Lehrer noch schärferkontrollieren: Eine Art Schul-TÜV soll in der Hansestadtdie Schulen überprüfen. Und irgendwann, so der Plan, werdendie Schüler die Leistung ihrer Lehrer beurteilen.Kein Zweifel: Die Lehrer in Deutschland müssen sich aufeiniges gefasst machen. "Der Druck zur Verbesserung wirdimmer größer", sagt Bildungsexpertin Volkholz, schließlichwürden internationale Vergleiche jedes Jahr aufs Neue dieSchwächen der deutschen Schule schonungslos offen legen.Doch sie weiß auch: Der Beharrungswille und dieReformresistenz ist in der deutschen Pädagogenzunftbesonders ausgeprägt. Ihre Prognose: "Das wird noch einheißer Kampf mit den Institutionen." PER HINRICHS, JULIA KOCH, CORDULA MEYER,BEATE PHILIPP, CAROLINE SCHMIDT