Titel: Weinkrämpfe bei "Wünsch Dir was" - DER SPIEGEL
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Titel Weinkrämpfe bei "Wünsch Dir was"

Immer mehr ausgebrannte Lehrer lassen sich in Spezialkliniken therapieren. Dort bekommen sie Ablenkung vom Berufsalltag ­ und nicht selten eine Empfehlung für die Frühpensionierung.
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Ein bärtiger Mann mit einem Teddybär inder Hand tritt in die Mitte des Saals. Er wünsche sich"körperliche Nähe", sagt er. Von den Matratzen an denWänden erheben sich zwölf barfüßige Menschen. Sie hievenden 1,85-Meter-Mann in die Höhe, wiegen ihn wie ein Kindund summen leise.Dann fordert eine Frau mit blondem Wuschelkopf alle Männerzum Fangenspiel auf, sie bittet um "jungenhaftes Benehmen".Die Herren rennen los, schlagen Haken, brüllen "Buh" und"Bäh" und kichern. Die anderen applaudieren.Was anmutet wie eine absurde Mischung ausWaldorf-Kindergarten und "Wünsch Dir was", sei in Wahrheitrichtig harte Arbeit, sagt Erwin Schmitt, Chefarzt derParkklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen. Gemeinsam mit 15Therapeutenkollegen beobachtet er das Treiben im sogenannten Patienten-Forum.Dort sollen die rund 60 psychisch oder psychosomatischErkrankten lernen, "vor einer Gruppe über ihre Gefühle zusprechen und sich Unterstützung zu holen", sagt PsychiaterSchmitt. Für die meisten von ihnen gehört freilich derAuftritt vor Publikum zum Alltag - sie sind Lehrer.Sie fühlten sich erschöpft, gestresst, depressiv, sagen sieund suchen professionelle Hilfe. Nur neun Prozent allerLehrer in Deutschland halten bis 65 durch, jeder dritte, soeine Studie der Universität Potsdam, leidet unter Burnout.Immer mehr Kollegen gönnen sich deshalb ein paar Wochen inFachkliniken, die auf Lehrer zugeschnittene Programmeanbieten. "Seine besten Kunden" seien Pädagogen, sagtJoachim Galuska, Ärztlicher Direktor der ParkklinikHeiligenfeld, "ein Zukunftsmarkt mit enormemWachstumspotenzial".Im Zentrum der Behandlung in dem ehemaligenVier-Sterne-Hotel mit Einzelzimmern, Landhausmöbeln undhandgemalten Zimmernummern stehen Gruppentherapien mitRollenspielen. Fachkräfte geben Tipps zum Umgang mit Elternund Schülern. Eine Sozialpädagogin informiert, wie man ambesten in Teilzeit wechselt. So viel Zuwendung hat ihrenPreis: 308 Euro kostet ein Tag. Die Kasse zahlt ohne Murren- Pädagogen sind in der Regel Privatpatienten.Die Lehrerinnen - denn meist handelt es sich um Frauen -seien zu einem Drittel "resignative Typen", sagt ChefarztSchmitt: depressive Menschen, die an der Schule nur nochdas Nötigste erledigten. Zwei Drittel jedoch hält derMediziner für überengagierte Lehrer, die einfach nur völligausgelaugt seien.Rita-Jay Sührig zum Beispiel, Grundschullehrerin beiOsterode im Harz, hat noch im Jahr 2000 mit einem selbstgeschriebenen Singspiel einen Preis für innovativenUnterricht gewonnen. Die blondierte Frau mit dem herzlichenLachen hat sich stets mehr engagiert, als es die Lehrplänevorsehen: Jeden Mittwochnachmittag übte sie mit demSchulkinderchor bei sich zu Hause; als Expertin für frühesFremdsprachenlernen beriet sie 27 Grundschulen. Weilständig Eltern anriefen, klebte sie auf ihr Telefon zurSelbstermahnung ein großes "Nein" - doch Nein sagen konntesie nie gut.Im Februar streikte ihr Körper: höllische Rückenschmerzen,Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen. In Heiligenfeldwill die Lehrerin nun "endlich mal Atem holen, sonst kippeich bald ganz um". Als sie im Saal ein Lied vorsingt, vonder Kraft "weiterzumachen, bis die Reise zu Ende ist",bricht eine braun gelockte Frau in einen Weinkrampf aus.

In der Klinik wünscht sich beinahe jeder Lehrer mittlerenAlters diese Kraft, die letzten Jahre bis zur Pensionierungdurchzustehen. Da ist die blasse Gymnasiallehrerin ausBerlin, 52 Jahre alt, depressiv, die die Tageszeitungabbestellt hat, weil sie Heulkrämpfe bekommt, wenn sieSchlechtes über Lehrer liest. Da ist die Grundschullehrerinaus Süddeutschland, gestresst von "gebildeten Eltern, dieüber jede Drei diskutieren". Und da ist dieHauptschullehrerin aus dem Allgäu, die bei der Begrüßungfür Neuankömmlinge über Ängste und "dunkle Löcher" klagt -und schluchzend sagt: "Ich wäre gerne ein starker Baum."Andreas, 41, Realschullehrer aus der Pfalz, von Tinnitusgeplagt, tritt mit einem Teddy ("Das bin ich im Alter vonfünf Jahren, mit dem Kleinen habe ich meine Bedürfnisseentdeckt.") in die Saalmitte. Er verkündet, dass er seinenPerfektionismus überwinden wolle.Dieser Drang hatte ihm den Beruf zur Hölle gemacht. Als ervöllig am Ende war, zerschlug der hagere Mann mit dem feingeschnittenen Gesicht seine Computertastatur und knallteseinen Kopf unentwegt gegen die Wand - ihm waren bei denUnterrichtsvorbereitungen keine genialen Ideen gekommen.Nun, nach mehr als zwei Monaten in der Klinik, möchte erbald zurück an seine Schule.Und dafür trainiert er, seine Ansprüche an sichherunterzuschrauben. Andreas packt eine schwarze Gitarreaus und spielt ein "Stück, das ich nicht gut kann". Erstein wenig zittrig, dann immer sicherer. "BeimGitarrespielen schaffe ich es schon, nicht perfekt zusein", sagt er, "in der Schule muss ich noch üben."Manch anderer freilich ist nur auf eines aus: der Schule zuentfliehen - auf Dauer. Rund 15 Prozent der Patienten, sagtChefarzt Schmitt, kämen mit dem Vorsatz, dieFrühpensionierung durchzusetzen; etwa 5 Prozent bliebendabei.Helmut, 51, zum Beispiel wurde vor vier Jahren in denvorzeitigen Ruhestand versetzt - "weil ich es wollte", wieder ehemalige Sonderschullehrer betont. Der braun gebrannteMann, passionierter Jogger und Klavierspieler, fühlt sich"voll im Saft", er ist ein Therapieprofi.Beim Abendspaziergang im Park lobt Helmut sein luxuriösesDomizil: "Super Service, super Zimmer, immer genugHandtücher." Es sei nicht schwer gewesen, sich wegenDepressionen erneut einen Klinikaufenthalt zu verschaffen.Sechs Wochen will er in Heiligenfeld logieren, um seine"neuen beruflichen Visionen zu erden" - er spielt mit demGedanken, selbst als Therapeut zu arbeiten. ANDREABRANDT