USA: Virales Mobbing-Video - was steckt dahinter? - DER SPIEGEL
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Virales Mobbing-Video Was steckt hinter der Story von Keaton Jones?

Keaton Jones ist weltberühmt - weil er gemobbt wurde und seine Mutter seine Tränen im Internet zeigte. Nun gibt es Zweifel: War alles nur inszeniert?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erst wurde er gefeiert, jetzt steht er samt seiner Familie in der Kritik: Keaton Jones, 11, wurde von Mitschülern gemobbt. Seine Mutter machte ein Video, in dem er unter Tränen fragt, warum er das erdulden muss. Der Film wurde zigtausendfach geteilt, Prominente wie Justin Bieber oder Katy Perry solidarisierten sich, aller Welt tat Keaton leid. Und nun, wenige Tage später, ist die Stimmung gekippt.

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Wie so häufig bei Social-Media-Events spielen dabei Spekulationen eine wichtige Rolle, bereits aus kleinen Signalen werden weitreichende Schlussfolgerungen gezogen - mit oft krassen Konsequenzen für die Betroffenen. Keaton wird vorgeworfen, selbst Mitschüler gemobbt zu haben, die eine dunkle Hautfarbe haben. Seiner Mutter, Kimberly Jones, wird Rassismus unterstellt. Außerdem, dass das Video lediglich ein PR-Stunt aus Geldgier gewesen sei.

Aber was wissen wir wirklich über diese Vorwürfe? Die wichtigsten Fragen im Check.

  • Hat Keaton selbst gemobbt, womöglich in rassistischem Ton?

Die Anschuldigungen: Auf Twitter behaupten einige Nutzer, Keaton hätte schwarze Mitschüler "Nigger" genannt. Was er Mobbing nennt, sei demnach lediglich eine Reaktion darauf. Parallel dazu taucht ein Foto von ihm auf, auf dem eines der anderen vier gezeigten Kinder die Konföderierten-Flagge hält, er selbst hält die US-Flagge. Außerdem ist seine Schwester darauf zu sehen, wie sie mit einer Pistole posiert.

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Was davon gesichert ist: Nichts. Für Keatons angebliche Beschimpfungen gibt es keine Bestätigung von unabhängiger Seite. US-Medien haben mit dem Schuldirektor Greg Clay gesprochen , der sich dazu aber nicht konkret äußert. Er sagt lediglich, dass er die Vorkommnisse, über die Keaton im ursprünglichen Video spricht, längst als erledigt angesehen hatte. Er bestätigt damit, dass der Junge tatsächlich gemobbt wurde. Allerdings sei das nicht ganz so dramatisch gewesen wie in dem Video beschrieben, außerdem hätte es Konsequenzen für die betreffenden Schüler gegeben. Schuldzuweisungen macht Clay keine.

Von dem Kinderfoto sind weder die Quelle noch der Kontext bekannt. So kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob es sich um eine Montage handelt. Wenn das Foto echt ist, fehlt jegliche Einordnung: Zwar wird die Konföderierten-Flagge oft als Symbol von rechten US-Amerikanern aller Schattierungen verwendet. Vielen gilt sie als Symbol des Hasses gegen Schwarze, weil sie für die US-Staaten steht, die im Bürgerkrieg an der Sklaverei festhalten wollten. Allerdings ist sie im Staat Tennessee, wo Keaton lebt, allgegenwärtig.

  • Kommt er aus einer rechtsradikalen Familie?

Die Anschuldigungen: Keatons Mutter selbst soll rechtsradikal sein. So gebe es in ihrem Facebook-Account mindestens zwei Fotos, auf denen sie mit der Konföderierten-Flagge posiert. Auch habe sie sich auf ihrem Profil mehrfach rassistisch geäußert. Und Keatons Vater Shawn White, von dem die Familie getrennt lebt, erscheint bereits in den wenigen öffentlichen Posts seines Facebook-Profils als Neonazi: Mal zeigt er sich mit SS-Runen-Shirt, mal bekundet er seine Zustimmung mit White Supremacists, also mit Rassisten, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe für besser halten.

Was davon gesichert ist: Das Facebook-Profil von Kimberly Jones ist bereits seit einigen Tagen nicht mehr öffentlich zugänglich. Die Fotos mit der Konföderierten-Flagge gibt es aber, das hat sie selbst bestätigt. Allerdings sagt sie, der Kontext sei ironisch gewesen, die Fotos seien nicht ernst gemeint, eine häufige Ausrede für rassistische Äußerungen. Prüfen lässt sich der Wortlaut und Zusammenhang ihrer Statements nun nicht mehr.

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Die Facebook-Seite von Shawn White  läuft tatsächlich über mit Nazi-Sprüchen und rechter Symbolik. Aber andererseits lebt der Vater von der Familie getrennt. Keatons Schwester soll auf ihrem Twitteraccount erklärt haben, dass ihre Familie keinen Kontakt mehr zu White habe, weil er so weit rechts stehe: "We have no contact with our dads. BECAUSE of their Actions." Allerdings ist auch ihr Twitteraccount nach dem ganzen Trubel nicht mehr öffentlich zugänglich.

Sollte Keaton tatsächlich seine Mitschüler rassistisch beschimpft haben, dann könnten diese Anschuldigungen das vielleicht untermauern. Andererseits ist es nicht fair, ein Kind für mögliche Verfehlungen seiner Eltern verantwortlich zu machen.

  • Macht die Familie das aus Geldgier?

Die Anschuldigungen: Die Familie versuche, Kapital aus der Geschichte zu schlagen. Kurz nachdem der Überraschungserfolg des Videos einsetzte, wurde eine Crowdfunding-Seite bei GoFundMe eingerichtet. Dort gingen knapp 60.000 Dollar Spenden für Keaton ein. Allerdings wurde die Kampagne auf Eis gelegt, als erste Rassismusvorwürfe laut wurden. Der bekannte Kickboxer Joe Schilling veröffentlichte einen Messenger-Dialog mit Kimberly Jones, der nahelegt, dass es ihr nur ums Geld gehe. Er wollte Keaton zu einem Kampf einladen, aber sie habe nur auf die Crowdfunding-Seite verwiesen - und nebenbei rassistische Bemerkungen gemacht.

Was davon gesichert ist: Viele sehen Schillings Dialog mit Keatons Mutter als Beweis dafür, dass die ganze Videoaktion eine Lüge ist. Allerdings kann Schilling selbst nicht mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass er mit der echten Kimberly Jones Kontakt hatte. Zwar ist er selbst davon überzeugt, aber es gab zeitweilig wohl mehr als ein Dutzend Fake-Profile auf ihren Namen beim Dienst Instagram.

Der Initiator der Crowdfunding-Seite, Joseph Lam, behauptet von sich selbst, niemanden aus der Familie Jones zu kennen, das Crowdfunding habe er aus spontanem Mitgefühl eingerichtet. Er prüfe nun, schreibt er auf GoFundMe , wie er das gesammelte Geld besser einsetzen kann. Offenbar denkt er daran, einen Fonds für die späteren Collegegebühren Keatons einzurichten, sodass nur der Junge davon profitiert, nicht seine Mutter.

Außerdem erwägt Lam, auch die Familien anderer Mobbingopfer zu unterstützen: In der gleichen Woche wurde über zwei Mädchen berichtet, die als Folge von Mobbingattacken Suizid begangen haben sollen, die 13-jährige Rosalie Avila aus Kalifornien und die zehnjährige Ashawnty David aus Colorado.

Alles in allem

Viele Verdächtigungen, viel Tratsch - das Mobbing setzt sich im Internet fort. Allerdings schwenken derzeit viele auf die Linie ein, wonach die Mutter als verantwortungslos gesehen wird: Sie hätte das Video, für das es zunächst so viel Zustimmung gab, nicht posten sollen. Das hatte Nina Pirk vom Sorgentelefon "Nummer gegen Kummer" schon am Montag gegenüber dem SPIEGEL gesagt. Besser sei es meist, sich an eine dritte, neutrale Person zu wenden, die vermitteln kann - etwa an entsprechend geschulte Fachkräfte an Schulen oder eine Beratungsstelle.

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