Wickelfront: Mein Kind ist so genial - DER SPIEGEL
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Wickelfront Mein Kind ist so genial

Nur balgen, buddeln, knuddeln - oder sollen Kleinkinder in der Kita am besten schon Physik lernen? Dieter Bednarz über den Stress überehrgeiziger Eltern und die Synapsenpflege für seine drei Töchter: Wenn Papa nur das Abi hat, sollten es die Kleinen doch mindestens bis Harvard bringen!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was ist ein Kartesianischer Taucher? Ich hatte keine Ahnung. Fanny jedoch, als sie noch keine drei Jahre alt war, wusste es: "Da, Wasser." Ihre Zwillingsschwester Lilly konnte sogar eine Erklärung liefern: "Hoch, tief." Entschlossen drückte sie auf eine Art Plastikflasche, in der ein buntes Männchen schwebte. Mit großen Augen verfolgten die Mädchen, wie die Figur auf den Boden sinkt. Ließ Lilly los, stieg der Taucher wieder auf.

Entspannte Familie: "Locker bleiben" heißt die Devise für Vater Dieter, Mutter Esther und die drei Töchter Rosa, Lilly und Fanny

Entspannte Familie: "Locker bleiben" heißt die Devise für Vater Dieter, Mutter Esther und die drei Töchter Rosa, Lilly und Fanny

Foto: Dirk Eisermann/DPA

Neben den beiden stand Erzieherin Simone und erzählte etwas von "Druck" und "Wirkung". Rosa, sie war gerade mal gut ein Jahr alt und immer im Schlepptau ihrer Schwestern, nickte eifrig, wenn sie "Auftrieb" und "Volumen" hörte.

Alle Achtung, meine Mädchen scheinen mehr von Physik zu verstehen als Albert Einstein in ihrem Alter. Sind die drei etwa hochbegabt? Wer weiß. In jedem Fall sind sie optimal gefördert.

Aktion "Versuch macht klug"

Der Kartesianische Taucher, benannt nach dem großen Philosophen und Physiker René Descartes, ist eine von 20 Experimentierstationen, mit denen mein Nachwuchs bei den "Strubbelkindern" auf die Zukunft vorbereitet wird. "Versuch macht klug" heißt die Aktion der Hamburger Kindertagesstätten, gefördert durch die Stiftung Nordmetall in Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, die "vorschulische Begegnungen mit Naturwissenschaft und Technik" ermöglichen soll. Und so lernen meine Strubbelkinder im Wortsinne spielend etwas über Fliehkraft, Licht und Schatten, aber auch über Magnetismus und Luftströmungen.

"Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies", lobte schon der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe das frühkindliche Entwicklungspotential. Da nicht nur die Erzieherinnen in unserer Kindertagesstätte glauben, möglichst viel für die Bildung tun zu müssen, gibt es für die Lerneinheiten mit Luftdruckspritzen und Gummisaughebern, Spiegeln und schiefen Ebenen eine lange Warteliste. "Gute Kitas gehen jetzt in die Bildungsoffensive", sagt Martin Peters, Referent für Kindertagesbetreuung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Hamburg.

Ein wenig Synapsenpflege kann ich nur begrüßen. Die Kita meiner Kinder muss ja nicht zu den besten deutschen Einrichtungen gehören, die mal von der Unternehmensberatung McKinsey prämiert wurden. Aber mehr als Balgen, Buddeln und Basteln erwarte ich schon. Wenn der Vater nicht mehr geschafft hat als das Abitur, sollten es die Kinder zumindest bis Harvard oder Oxford bringen. Dafür kann man mit dem Lernen nicht früh genug anfangen.

Aber Werkbänke statt Kuschelecken - will ich das wirklich für meine Töchter? Soll aus den familiär-liebevollen "Strubbelkindern" tatsächlich eines dieser "Early Excellence Center" werden, die in England die hohen Maßstäbe setzen? Droht der neue Bildungsauftrag "Lernen zu lernen" zu einer schrecklichen Verschulung der Kindheit zu entarten?

Mich zumindest erschreckt die Welle der Soll-Pädagogik und die enorme Erwartung vieler Väter und Mütter. Ich finde weniger Wissen nicht so gefährlich wie den immer auffälliger werdenden Narzissmus von Eltern, die ein scheinbar glückliches und sichtbar erfolgreiches Kind vorweisen wollen, um als patente Erzieher dazustehen. Dass diese Symbiose zwischen Eltern und Kind der Entwicklung mehr schadet als jede Hängemattenkindheit, sehen sie nicht.

Ich allerdings bin ein gebranntes Kind des Strebsamkeitsdenkens der fünfziger Jahre, sozialisiert in diesem Mehr und Weiter, Höher und Größer; seelisch verkümmert in Wachstumgsgewissheit und Karriereanspruch. Im Bewusstsein um die eigene Deformation kann mein viel zu früh auf Leistung reduziertes Ich denn auch auf dem Elternabend nur gegen Englischunterricht im Kinderladen stimmen.

Wer seine Kinder schon so früh mit Fremdworten überschütten will, weil er Genie-Verdacht hegt, der soll zu kommerziellen Einrichtungen wie "Fastrackids" gehen oder zu den Helen-Doron-Lernzentren. Die bieten schon für drei Monate alte Babys "Early English"-Kurse an. Absurd. Bei den "Strubbelkindern" ist das Thema erst einmal vertagt.

Eltern im Kampf um die Poleposition fürs Kind

Mit meinem Wunsch, den Kindern Freiraum zu bewahren, stehe ich nicht allein. Auch Erziehungswissenschaftler wie Holger Brandes, Direktor des Instituts für Frühkindliche Bildung in Dresden, halten "die zunehmende Tendenz, die Schule in den Kindergarten vorzuverlegen, für eher problematisch". Wenn Kindertagesstätten Englisch vermitteln möchten, sollten sie einen Muttersprachler als Erzieher einstellen, der mit den Kindern in seiner Sprache arbeitet. Brandes: "Bei einem angemessenen Angebot holen sich Kinder ihr Wissen selbst ab." Spielerisches Lernen heißt das Konzept.

Doch locker zu bleiben, fällt beim Thema Frühbildung selbst entspannten Eltern schwer. Auch wir waren nicht gefeit vor der Gefahr, unsere Kinder gleich nach der Geburt in den Kampf um die Poleposition zu schicken. Mit nur einer Stunde in der Woche könnten wir unseren Nachwuchs durch "Spielanregungen" in seiner "positiven Körpererfahrung" unterstützen und sein "Vertrauen in das eigene Können" stärken, versprach ein Eltern-Kind-Programm.

Wir nahmen teil - um wenig später wieder auszusteigen. Das Wiegen nackter Babys im Kreis mit freiem Pullern empfanden wir nicht wirklich als Förderung. Da Fanny und Lilly zudem nicht unter "Einzelkind-Syndromen" litten, war auch der Reiz der "kleinkindlichen Interaktion" für uns kein Bleibegrund.

Die "psychosoziale Frühentwicklung" unserer Kinder haben wir lieber durch Babyschwimmen gefördert. Sonntags um acht Uhr fuhren wir durch die halbe Stadt, um über die Wassererfahrung einen intensiveren Zugang zu unseren Kindern zu bekommen. Zwar betonte Kursleiterin Astrid immer wieder das "spaßige Moment" unseres Geplansches. Doch so oft, wie wir uns gegenseitig vorgeführt haben, wessen Baby am wenigsten Angst hat vor dem Tauchen, badeten wir Erwachsenen ganz schön im Ehrgeiz. "Wenn manche ihre Babys ins Wasser werfen, weil sie glauben, dass sie dadurch intelligenter werden", kritisiert der Hamburger Schwimmschulpionier Jürgen Fiedler, "grenzt das an Kindesmisshandlung."

Tiefe Diener bei der Kita-Bewerbung

Erschrocken ertappte auch ich mich in der zweiten Stunde bei der Frage, wann unsere beiden wohl die Seepferdchen-Prüfung machen. Vielleicht wären Fanny und Lilly heute die jüngsten Freischwimmer Hamburgs (und wir die stolzesten Eltern der Hansestadt), wenn uns nicht die näherrückende Geburt Rosas zur Aufgabe gezwungen hätte.

Als wirkliche Weichenstellung auf der Bildungsschiene aber sahen wir die richtige Wahl der Krippe - wobei Eltern selbst im vergleichsweise gut versorgten Hamburg keine große Wahl haben. Zu viele berufstätige Paare suchen Plätze für Einjährige. Da gleich zwei zu finden, ist Glückssache. Nie zuvor habe ich so tief den Diener gemacht wie bei den Bewerbungsgesprächen in mehr als einem halben Dutzend Kitas.

Dass es dann mit viel Fürsprache bei den "Strubbelkindern" geklappt hat, kam einem Lottogewinn gleich: Bei dem Kinderladen in freier Trägerschaft müssen sich die Eltern engagieren, erhalten dadurch aber auch viel Einblick in die Arbeit der Erzieher. Die beiden Gruppen, "Tiger" und "Löwen", sind altersgemischt und zählen jeweils 18 Kinder: So lernen die Großen Verantwortung zu übernehmen, und die Kleinen proben das Durchsetzen.

Bildungsarbeit zieht sich durch den ganzen Tag. Das Rechnen wird beim Frühstück geübt, wenn Brotscheiben abgezählt oder Äpfel und Birnen geteilt werden; um den Wortschatz zu erweitern und an Grammatik heranzuführen, wird mit den Kindern bewusst viel gesprochen. Und weil auf jede Gruppe drei vollausgebildete Erzieherinnen kommen, verstärkt durch einen Zivildienstleistenden, ist auch genug Zeit dazu - so lange niemand krank wird. Dass Regine Wolf und ihr Team auch das deutliche "Nein" kennen, ist für Eltern wie uns höchst beruhigend: Manchmal denke ich, dass wir es allein den Erzieherinnen zu verdanken haben, wenn unsere Kinder daheim aufs letzte Wort hören.

Flötentöne vom Diplomrhythmiker

An Extras bieten die "Strubbelkinder" unseren Mädchen durchaus genug: Die Jüngsten versuchen sich einmal die Woche in Kleingruppen an Schere, Kleber oder Pinsel; die Älteren sammeln in der Lernwerkstatt Erfahrung. Zur "Science-Lab-Fortbildung" hat Siemens eine "Forscherkiste" mit allerlei Versuchsmaterialien spendiert. So können schon Vierjährige mit Drähten und Krokoklemmen, Glühlampen und Batterien lernen, was Stromkreise sind und dass Strom Metall braucht, um zu fließen.

Auch musikalischer Genius wird gefördert, obgleich die "Strubbelkinder" mit dem Musikkindergarten in Berlin, einer Initiative des Dirigenten Daniel Barenboim, nicht mithalten können. Unser Diplomrhythmiker Matthias Klein mit seiner Klampfe bringt den Größeren mehr als Flötentöne bei - da wird gesungen, gespielt und viel getanzt.

Weil bei uns zu Hause weder Vater noch Mutter ein Ohr für Musik haben, bringen wir unsere Kinder einmal in der Woche im Anschluss an die Krippe zum frühkindlichen Musizieren. Unter Anleitung der Musikpädagogin Karin Kelka tanzen und trommeln sie da, spielen mit Triangeln und Tamborinen. Überforderung kann ich nicht erkennen, wenn ich mich hin und wieder mittwochnachmittags für zwei Stunden aus der Redaktion stehle, um ihnen zuzusehen und vor allem zuzuhören. Trotzdem singen sie schon nach einem Vierteljahr das "Sesamstraßen"-Lied, zumindest kriegen sie "Der, die, das - wer, wie, was" irgendwie hin. Rosa klatscht dazu.

Natürlich sind die Kinder auch da dem Vater wieder mal voraus. Während ich bis zu meinem jüngsten Besuch in der Musikstunde nicht wusste, was Singen nach Solmisationssilben ist, trällern Fanny und Lilly bereits do-re-mi-fa-sol-la-si.

Doch auch der Vater lernt dazu: Wann meine Mädels ihr erstes Konzert geben könnten, habe ich Karin nicht gefragt.