Wir Provinzkinder Bis der Wind euch scheidet
Christian dreht am Kopf der Gitarre, er stimmt die hohe E-Seite. Lukas jongliert mit den Sticks, Tobias kratzt auf dem Bass herum, Simon trinkt Wasser. Sie müssen warten, weil Arne nicht kommt. Ohne Arne geht es nicht, Arne singt. Der ist noch beim Fußball, so ein Jugendlicher, über den man sagt, er habe einen vollen Terminplan. Christian ist nicht so, er spielt die zweite Gitarre.
Christian Voosen kommt aus Papenburg im Emsland. Er spielt in einer Rockband, die an der Musikschule probt. Heute feiert die Schule ein Fest mit Konzerten, Grillen und Apfelschorle; seine Band soll auftreten. Er ist 15 Jahre alt seit er geboren wurde, lebt er hier an der Ems.
Christian war pünktlich, na klar, hat schon vor einer Stunde seine Sachen aufgebaut im Raum 1 vorn rechts in der Musikschule. Jetzt schließt er die Gitarre an den Verstärker an, das ist ihm irgendwie peinlich: "Der ist zu klein. Ich brauche einen anderen, größeren. Den gibt es hier nicht. Dafür muss man nach Ibbenbüren. Das dauert mit dem Auto zwei Stunden. Mit den Eltern." Dann lacht er kurz, sehr kurz, und überlegt, ob das jetzt eigentlich lustig war.
"Immer mitten in die Fresse rein"
Papenburg sieht man regelmäßig in der "Tagesschau", wenn wieder ein Kreuzfahrtschiff aus der Meyer Werft die Ems hinab geschleppt wird. Im Fernsehen sieht es aus, als gebe es das Städtchen kurz vor der Grenze nach Holland nur wegen des Schiffbaus. Ganz falsch ist das nicht. Jeder neue Dampfer, der aus der Werft kommt, beruhigt die Papenburger, denn er zeigt: Hier passiert etwas, hier wird gearbeitet. Auf den Weltmeeren kreuzt so ein Schiff aus der Meyer Werft dann wie eine Tochter der Stadt.
Christian steht im Hof der Musikschule, hört der Holzblasgruppe zu und drückt die Hände in die Taschen der Jeans. Er ist etwas kleiner als die anderen, seine kurzen braunen Haare schiebt er immer mit der Hand aus der Stirn, um ein wenig zu verwuscheln, was man eine "ordentliche Frisur" nennen könnte. Arne fehlt immer noch.
Michael, der sich "Rockband-Lehrer" nennt, spendiert der Band Bratwürste. Was das ist, "Rockband-Lehrer"? "Ich höre den Jungs die Akkorde aus den Liedern. Nirvana, Ärzte und so. Ist schon besser, wenn man als junge Rockband einen Lehrer hat", sagt Michael.
Sänger Arne hat beim Fußball heute drei Tore geschossen, oder waren es zwei, das erzählt er gleich, als er hereinstürmt, ein paar Schritte vor seinem Papa, der fährt ja. Arne trägt einen geringelten Markenpulli, hat eine Frisur wie Nirvana-Sänger Kurt Cobain, nur gelockt und weniger strähnig.
Zwo, drei: "Immer mitten in die Fresse rein", brüllt Arne, der Schulrektor steht im Türrahmen und runzelt die Stirn. "Rape me!" heißt der nächste Song. Arne geht in die Neunte, wie die anderen außer Christian, der geht in die Achte.
"Den Unterschied merkt man", sagt Christians Mutter Regine und schaut rüber. Gerade spielt er ein Solo auf der frisch gestimmten E-Seite. Es quietscht ein wenig, aber das ist in Ordnung, das hier ist Rockmusik, keine Symphonie.
Fünf, sechs Songs können sie. Es ist schwierig, Christian zu hören - das Schlagzeug übertönt alles, die Gitarre von Simon röhrt zu laut, der hat einen größeren Verstärker. Nach dem letzten Ton sagt Lehrer Michael: "Gute Jungs. Laute Jungs."
Gewalt, Drogen, Mobbing? "Bei uns nicht. Vielleicht in der Großstadt."
Christian tritt in die Pedale. Er schießt mit dem Rad am Hauptkanal entlang, die mitten durch Papenburg fließen. Als er aus dem Sattel geht, verheddert sich sein schwarzes T-Shirt. Christian stoppt und zupft es zurecht.
"SCHULE ROCKT NICHT", steht drauf. Es ist ihm zu groß, Christian ist recht schmal, aber schwarze T-Shirts mit Aufdruck müssen zu groß sein, wenn man 15 ist. Man träumt und fühlt in der Größe "XL", aber der Oberkörper kann nur "S" oder "M" ausfüllen.
Und was soll der Spruch? Kein Bock auf Penne? Christian arbeitet fleißig mit am Gymnasium, hat gute Noten. Schule besteht für ihn aus Lernen, Freunde treffen, zum Jahresabschluss gibt es eine Projektwoche. Thema: "Wir malen die Götter Cupido und Hades."
Gewalt, Drogen, Mobbing? "Ich sehe es immer mal wieder in den Nachrichten oder lese es in der Zeitung", sagt er. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es an einer Schule tatsächlich so zugeht. Bei uns jedenfalls nicht. Vielleicht in der Großstadt."
Gar keine Konflikte? Alles eitel Kleinstadtschulen-Sonnenschein? "Na ja, es gibt da schon einige Leute", sagt er und denkt kurz nach. Zu ihm sage öfter einer, nennen wir ihn Konrad: "Du sieht aus, als ob du in die Vierte gehst. Dann sag ich zu ihm: Du siehst aus wie zwei aus der Vierten." Konrad sei nämlich ein bisschen dick.
Dann lacht Christian wieder so, seine Zahnspange glänzt kurz in der Sonne, seine runden braunen Augen freuen sich mit. Er lacht fast hastig, als müsse er sich beeilen mit dem Etwas-lustig-finden.
Papenburg will die heile Welt sein. Natürlich gibt es auch hier Jugendliche, die raus wollen, die ihre Kräfte und Wünsche, ihre Sehnsüchte spüren, sie ausleben wollen, mit Party, Alkohol, Rauchen, Scheiße bauen - " aber das ist nicht Christians Welt", sagt seine Mutter nachmittags am Esszimmertisch. "Noch nicht." Ihr Mann hat ein Ingenieur-Büro für Stahlwasserbau, sie hilft ihm, bei den Rechnungen, der Buchhaltung und so.
Ein rotes Klinkerhaus, noch eins, noch eins
Familie Voosen wohnt in einem roten Klinkerstein-Häuschen, mit weißen Fensterrahmen, drum herum ein Garten mit Bäumen, Sträuchern und saftigem Rasen, in der Garage zwei Autos. Christian sitzt in seinem Zimmer im ersten Stock am Computer und erklärt einem Kumpel am Telefon, wie er Musikvideos aus dem Internet lädt. Er kann das im Schlaf. Die ersten Akkorde von "Wie es geht" der Ärzte kommen aus den Lautsprechern. Auf dem Monitor räkelt sich ein Model auf einer Motoryacht.
Sieht man aus dem Fenster, steht da noch so ein Haus aus rotem Klinkerstein, mit Garten, dazwischen Bäume. Und noch eins. Die Straßen heißen "Meyers Tannen", "Waldluststraße", oder "Am Heidekamp". Sie sehen aus, als würden sie jeden Tag gewienert.
Nebenan wohnt ein Freund, sagt Christian, andere um die Ecke und zwei Straßen weiter. Morgens gehen sie zusammen in die Schule, nachmittags zur Band, ins Freibad, Kegeln oder zum Segeln.
Hauke zieht den Motor rüber, das Boot fährt eine Kurve. Die Montagehalle der Meyer Werft rauscht vorbei. Hier im Hafenbecken trainieren die Segler mit ihren Booten. Hauke ist der Lehrer, weil er der Älteste ist und am besten segeln kann. Er kurvt hinter Christian her, gibt Anweisungen.
Christian hält das Ruder, sein Kumpel Fokko macht den Vorschoter, krabbelt unter dem Segel hin und her. Es ist bedeckt, es nieselt, es geht ein guter Wind. "Stärke vier", sagt Hauke. Nach einer halben Stunde steigt Christian um, ins Schlauchboot. Hauke rückt auf. Die Jungs sprechen lautstark über die Ferien, am Meer oder in den Bergen.
Papenburg ist doch am besten
Hauke hat gerade den Führerschein gemacht, das geht jetzt schon mit 17. "Aber ohne Deine Mama darfst du nicht fahren, oder?" fragt Fokko. "Nee." Einen brenzligen Moment gab es gestern: Das Gaspedal löste sich nicht mehr, hatte sich in der Bodenmatte verhakt. Hauke trat schnell die Kupplung durch und bremste. Mitten auf der Ortsumgehung. Und seine Mutter war vielleicht aufgeregt.
Hauke lebt in der Welt, in die Christian langsam kommt - aber die noch nicht seine ist, wie seine Mutter sagt. Die Welt, in der die Mauern von Papenburg nicht mehr ein Schutz sind, sondern ein Gefängnis.
"30 Euro", sagt Hauke. "30 Euro musst du zahlen, wenn du in die Nachteule kotzt." Die Nachteule, das ist ein Bus, der Samstagnacht von Dorfdisko zu Dorfdisko durchs Emsland fährt. Warum weiß Hauke das mit dem Kotzen? "Weil es bisher jedes Mal passiert ist, wenn ich da drin saß. Mir natürlich noch nicht."
"Geht das gut mit dem Steuern?", fragt er Christian nach ein paar Minuten. Christian guckt überrascht hoch, lacht wieder schnell, als müsse er sich beeilen, konzentriert sich demonstrativ aufs Lenken des Schlauchboots: "Ja. Klar."
Vielleicht hat er gerade an die 100 Kilometer nach Ibbenbüren gedacht und sich gefragt, wann seine Eltern ihn endlich mal hinfahren, um den größeren Verstärker zu kaufen. So eine echte Marshall-Röhre, das wäre schon was. Oder er hat das Dock der Meyer Werft angesehen, den Luxusdampfer, den sie dort bauen, der auf die Ems gezogen wird und dann durch die ganze Welt fährt. Vielleicht macht er es ihnen eines Tages nach, den Dampfern.
Aber bis dahin ist es in Papenburg doch am besten. So sagt Christian das, wenn man ihn danach fragt.