Zivi-Log Löschdienst auf der Reeperbahn
Die Feuerwehrmänner sind müde. Olli, sonst immer für ein Tor gut, schießt in der 87. Minute zum dritten Mal vorbei. Auch meine Bälle kommen an diesem Tag nicht mal in die Nähe des Kastens. Meinen Einstand bei der Hamburger Feuerwehr hatte ich mir anders vorgestellt.
Wer hätte gedacht, dass sich die Zivis hier beim Fußballspielen beweisen müssen? So oft es der Dienst zulässt, kicken die Männer in der Sporthalle neben der Wache. Feuerwehrmänner brauchen Kondition. Ich allerdings kann an diesem Tag nicht mithalten und würde am liebsten schnell und gesenkten Hauptes in die Kabine verschwinden. Hoffentlich ist mein Ballspiel am nächsten Tag besser, denke ich, als ein kurzes Zischen aus der Funkanlage das Spiel unterbricht. Neben mir höre ich ein leises Fluchen. Feuer.
Was dann kommt, ist mein erster richtiger Einsatz. Bälle einpacken und raus aus der Halle, auf dem Hof des Wirtschaftsgymnasiums St. Pauli stehen beide Löschfahrzeuge schon bereit. Fünf Mann springen in jedes Fahrzeug und rein in die Dienstklamotten: Schutzanzug und Nomex-Jacke, feuerfeste Stiefel, Flammschutzhaube mit Nackenschutz, Handschuhe.
Wir rasen mit Blaulicht durch die Stadt zu einem Wohnungsbrand in St. Pauli. Die Talstraße ist eine Seitenstraße der Reeperbahn, eine berüchtigte Partymeile mit Kneipen, Dönerläden und Sexkinos. Dort qualmt es aus einem Altbau aus einem Fenster im zweiten Stock. Auf der Straße bleiben Schaulustige stehen, kurz nach uns trifft auch ein Kamerateam von "Hamburg Eins" ein. Die "Angriffstruppe" unserer Löschgruppe stürmt in das Wohnhaus. Ich darf leider nur zusehen, Stefan hatte mir schon auf dem Weg befohlen: "Nicht blöd rumstehen und keinem auf die Füße treten!"
Mit Zigarette im Bett eingenickt
Mein erster Einsatz hätte eigentlich anders aussehen sollen. Als ich mich bei der Feuerwehr bewarb, war von Brandbekämpfung keine Rede gewesen. Ich sollte vor allem auf dem Großrettungswagen (GRTW) mitfahren und dem Sanitäter zur Hand gehen. Bei großen Bränden ruft die Feuerwehr diesen umgebauten Sanitätsbus zu Hilfe, auch bei Massenunfällen, Evakuierungen und Krankentransporten. Da es in ganz Deutschland nur zwei dieser Großrettungswagen gibt, müssen Sanitäter und Zivi schon mal bis nach Bayern damit fahren.
Um auch im alltäglichen Rettungsdienst den Feuerwehrleuten zur Seite stehen zu können, wurde ich an der Landesfeuerwehrschule zum Rettungshelfer ausgebildet. Nach zwei Wochen Training habe ich die stabile Seitenlage drauf und kann auch mit dem Beatmungsbeutel umgehen, kurz: Ich bin bereit für meinen ersten Einsatz.
Heute bekomme ich einen klassischen Hausbrand präsentiert: Ein Bett steht in Flammen, der Besitzer schläft noch, als die Feuerwehrmänner bei ihm klopfen. Er war mit Zigarette in der Hand eingenickt und die starke Rauchwolke hatte die Nachbarn alarmiert. Die Wohnung habe ziemlich ranzig ausgesehen, erzählen mir die Feuerwehrleute später, überall hätten Müll und Pornofilme herumgelegen. Mit ein paar Litern Wasser aus der Kübelspritze sei die Sache erledigt gewesen.
Das Kamerateam ist sichtlich enttäuscht. Wir verpacken die Schläuche wieder in den Fahrzeugen, nur eine kleine Pfütze vor dem Hydranten erinnert an den Einsatz der Feuerwehr. "Endlich!", stöhnt der schwitzende Heiko, als wir wieder auf dem Weg zur Wache sind. "Ich steh völlig im Saft!"
Zivi? Dann ab in den Keller
In dieser Wache werde ich meine nächsten Monate verbringen. Im großen Backsteingebäude sind neben einem kompletten Löschzug auch mehrere Rettungswagen, eine Drehleiter und ein Bus untergebracht. In mehreren großen Hallen werden die Fahrzeuge gewaschen oder desinfiziert, sogar eine Autohebebühne gibt es hier. In der großen Küche wird jeden Tag für etwa 30 Mann deftige Hausmannskost zubereitet. Unsere Bereitschaftszeit verbringen wir in den zwei Fernsehräumen, an den Fitnessgeräten der "Muckibude" oder im Internetcafé.
Wenn es in der Nacht nicht brennt, legen sich die Feuerwehrmänner nach Fahrzeugen geordnet in die Schlafräume. Für höhere Dienstgrade gibt's auch ein bisschen Luxus, die meisten Schlafräume sehen allerdings wie in der Jugendherberge aus - vier Betten und vier Stühle. Die Zivildienstleistenden, das behaupten böse Zungen, haben ihr Zimmer im Keller. Denn da steht die Waschmaschine, wo vor allem die Handtücher aus den Duschräumen gewaschen werden müssen.
Ein Spaziergang ist der Bereitschaftsdienst trotz Fernseher und Computerraum nicht. Die Feuerwehrleute melden sich schon auf dem Rückweg vom Einsatzort zur Wache per Funk wieder als dienstbereit. Schon als wir in die Einfahrt zur Wache einbiegen, kommt der nächste Ruf für die F12 Altona. Und wieder höre ich ein leises Fluchen...