Zivi-Log: Markiert hier etwa einer? - DER SPIEGEL
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Zivi-Log Markiert hier etwa einer?

Nach der Ausbildung zum Rettungshelfer darf der Hamburger Zivi Kai Wichmann, 20, seine Kenntnisse gleich bei Einsätzen mit dem Krankenwagen testen - am lebenden Objekt. Und stellt verblüfft fest: Echtes Blut sieht aus wie im Fernsehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Wachalarm ertönt - ein tiefer und ein hoher Ton. Die Tonfolge zeigt an, dass der Rettungswagen Anton alarmiert wird. Da ich heute als dritter Mann zur Besatzung gehöre, laufe ich schnell ins Telegraphenzimmer und hole den Zettel mit den Einsatzdaten aus dem Drucker. Der Notruf kommt von einem kleinen Restaurant in Hamburgs Hafencity.

Dort erwartet uns ein junger, leicht verstört wirkender Mann, der uns wild gestikulierend von der Tür des Lokals weglotst: "Ich will hier nicht geschäftsschädigend wirken", erklärt er und fordert dann: "Sagen Sie nichts!"

"Wir haben doch noch gar nichts gesagt", entgegnet Bernd, unser Einsatzleiter. "Und was ist überhaupt Ihr Problem?" "Ich hab' kein Problem", erwidert der Mann. Super, denke ich. Mein erster Patient ist auf den ersten Blick weder ernsthaft krank noch verletzt.

Am Rettungswagen und in sicherer Entfernung vom Restaurant stellt sich der Mann vor: "Ich bin Marko. Ich bin 26 Jahre alt. Mein Vater ist tot. Ich will leben." Deswegen, erklärt er weiter, müsse er sofort in die Psychiatrie eingewiesen werden. Danach macht er auch gleich einige Vorschläge, welche Krankenhäuser für ihn in Frage kämen.

Natürlich weiß ich, dass der Mann unsere Hilfe braucht. Trotzdem fällt es mir schwer, die Fassung zu wahren. Hinter vorgehaltener Hand formt sich ein breites Grinsen. "Cool bleiben", sage ich mir.

"12 Anton bitte kommen!"

Auf dem Weg zum Krankenhaus, das auch psychiatrische Notfälle aufnimmt, erzählt mir Marko seine Lebensgeschichte – in epischer Breite. Er beschreibt seine Kindheit und flucht über seinen Vater, der ihm immer im Weg stand. Zwischendurch sagt er immer wieder: "Ich bin Marko. Ich bin 26 Jahre alt. Mein Vater ist tot. Ich will leben." Und fragt mich hinterher, "ob das nicht legitim ist". Immer wieder versichere ich ihm, dass sein Wunsch zu leben durchaus gerechtfertigt ist und er damit gewiss nicht allein steht.

Unsere Spazierfahrt endet im Universitätsklinikum Eppendorf. Marko bedankt sich für die Fahrt und spaziert ganz locker zum Eingang. Auf dem Rückweg zur Wache meldet sich die Einsatzzentrale: "12 Anton bitte kommen!" Ich springe von meinem Sitz im hinteren Teil des Rettungswagens und versuche das Gespräch mitzubekommen.

Bernd: "12 Anton hört!"

Einsatzzentrale: "Wie stehen Sie zur Blücherstraße?"

B: "Ja, übernehmen wir"

EZ: "Wir hätten da eine Kopfplatzwunde nach Sturz für Sie!"

B: "Ok!"

EZ: "Ihre Auszeit ist 14.28 Uhr"

B: "Verstanden!"

EZ: "Ende Florian Hamburg"

Es sind keine fünf Minuten vergangen, und ich sehe mir die Platzwunde aus nächster Nähe an, am Kopf einer jungen Frau. Sie ist beim Skateboarden gestürzt. Mein erster Gedanke: Die Frau markiert. Denn das Blut sieht so unecht aus. Genau so habe ich es schon tausendmal gesehen, im Fernsehen, Kino und in Computerspielen. Die Szene, wie ich mich über die Wunde beuge, kommt mir wie ein Klischee vor.

Bernd reißt mich aus meinen Gedanken. "Hol mal bitte den Kopfverband aus dem Rucksack", bittet er mich. Nach kurzem Wühlen finde ich das Teil und helfe beim Anlegen. Es ist schon fast nicht mehr nötig, denke ich, denn das Blut ist bereits angetrocknet, die Blutung gestillt. Aber es gibt der Patientin ein sicheres Gefühl.

Wir bringen sie ins Krankenhaus und machen uns wieder auf den Weg. Vielleicht schaffen wir es ja diesmal bis zur Wache, denke ich hoffnungsvoll. Doch da ertönt schon wieder das Funkgerät: "12 Anton, wo stehen sie?"

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