007-Kongress James Bond, das Muttersöhnchen
Vor. Zurück. Zur Seite. Um die Ecke. Im wilden Zickzack schießt es über den Tisch, genau 37 Sekunden braucht Christian Lenz, um das Spielzeugauto ins Ziel zu lenken. Damit gehört Christian zu den schnellsten Kandidaten und hätte einen trockenen Martini verdient. Geschüttelt, nicht gerührt.
Schließlich war das nicht irgendein Auto, das der 23-jährige Student da eben per Fernsteuerung durch den selbstgebastelten Hindernis-Parcours auf einer Spanplatte gelotst hat. Sondern der Sportwagen von James Bond - zumindest eine winzige Ausgabe davon. Die Plastikflitzer-Rallye diente wie auch ein James-Bond-Quiz zum "Warming up" bei einer exotischen Anglisten-Tagung am Wochenende. Im Bochumer Kulturbahnhof Langendreer hatten die Anglistik-Fachbereiche der Unis Bochum und Dortmund zum Kongress "Warten auf Bond" eingeladen - als Einstimmung auf den Bond-Blockbuster "Casino Royale", der am 23. November in die deutschen Kinos kommt.
Der Kern des Kongresses waren Beiträge von Dozenten verschiedener Unis, die sich ganz unterschiedlich dem globalen Phänomen James Bond näherten. Klassisch-wissenschaftlich zum Beispiel der Dortmunder Professor Metin Tolan: Er untersuchte, ob die Tricksereien in den Bond-Filmen mit den Gesetzen der Physik vereinbar sind, zum Beispiel spektakuläre Flugzeug-Stunts oder auch die magnetische Uhr, mit der Bond die Reißverschlüsse an den Kleidern schöner Frauen öffnet. Die "Ästhetik der Männlichkeit" und die "Männeridentität" in diesem Filmklassiker " bildeten einen weiteren Tagungsschwerpunkt.
"Hypermaskuline Szenen"
Indes: Der berühmte Geheimagent schien für die Wissenschaftler so schwer zu durchschauen wie für die Bond-Girls auf der Leinwand.
Da wurden Szenen aus "Goldfinger" (1964) oder "Diamonds Are Forever" (1971) aneinandergereiht, wie im Vortrag von Stefan Brandt, 42. Der Amerikanist von der Freien Universität Berlin dokumentierte die "Ästhetik der Männlichkeit in den frühen James-Bond-Filmen" zwar anschaulich, hinterfragte die Szenen aber kaum - wenn etwa der kraftstrotzende asiatische Diener Goldfingers in einer "hypermaskulinen Geste" einen Golfball mit der bloßen Hand zerquetscht. Oder wenn Frauen Bond bedrohen, wie in "Diamonds Are Forever", als er von den Amazonen Bambi und Klopfer in die Zange genommen wird.
Viele neue Erkenntnisse über das typische Bond-Schema gab es nicht. James Bond ist der ewige Macho, bleibt am Ende immer der Gewinner, Frauenleichen pflastern seinen Weg. Aber wird es mit Daniel Craig so bleiben? Das fragten die Anglisten bei der Tagung bang. Dass sich durch den neuen blonden, eher nachdenklich als markant erscheinenden Hauptdarsteller in "Casino Royale" etwas ändern könnte am Macho-Mythos, ist die große Sorge aller Bond-Fans.
Peter Osterried, 29, vom Dortmunder Institut für Anglistik und Amerikanistik erklärte die Befürchtungen so: Die Bondfangemeinde verhalte sich so abwehrend, weil Daniel Craig ein Hauptdarsteller sei, der im Vergleich zu seinen Vorgängern "aus der Reihe schert" - wissen wir schon. Osterried hält Craig für "alles andere als einen Softie" und möglicherweise "nicht zu weich für James Bond, sondern zu komplex für ihn".
Psychoanalytischer Worst Case
In gewagter Freud-Manier interpretierte der Dortmunder Anglist Jürgen Kramer den überzeichneten Bond-Schneid. "Wenn jemand sagt, ich will nicht so sein wie Bond, betrügt er sich selbst", so lautet für den Professor das Geheimnis der Bond-Manie und zerpflückt die Psyche des Film-Helden. "Das zentrale Trauma jedes Mannes ist die Trennung von der Mutter", sagt Kramer. Fehlschläge bei diesem Abnabelungsprozess machten Männer bindungsscheu - so wie Bond. Kramer sieht im Geheimagenten eine psychoanalytischen 'Worst Case', dem jedoch genügend Schlupflöcher angeboten würden, um sich trotzdem unbekümmert durchs Leben zu schlängeln. Denn "kein Bond-Girl ist je zweimal aufgetaucht, und das Frauenbild ist von geringer Komplexität im Film - der Agent muss sich also mit keinerlei Gefühlen auseinandersetzen".
Weil James Bond alle Abenteuer und Herausforderungen stets als starker Beschützer mit einem Mix aus Ironie und Lässigkeit meistere, sei auch das weibliche Publikum fasziniert. Damit biete Bond "allen Beteiligten die Möglichkeit, mit dem Trauma der Männlichkeit erfolgreich zu leben", sagt Kramer. Zumindest für zwei Kinostunden.
Trotzdem habe ein Typ wie Bond ein echtes Problem, sagt Anglistikstudent Sebastian, 26, in einer Pause: "Was macht so einer, wenn er mal in Rente geht? Dann lebt er nur von Erinnerungen - also, für mich wäre James Bond im realen Leben ein Selbstmordkandidat."
007-Quiz: Wie viel Bond steckt in Ihnen?