60 Jahre FU Berlin Student Nummer eins
Stolz erfüllt den 82-jährigen Mann, Stolz auf ein schlichtes Formular mit sieben Fragen.
Stanislaw Karol Kubicki hat Karriere gemacht als Arzt und Wissenschaftler; er hat es zum Professor gebracht, eine Abteilung für Neurophysiologie geleitet, er hat die Geheimnisse des Schlafs erforscht und das Gehirn erkundet. Aber über kaum etwas spricht er so leidenschaftlich wie über jenes Stück Papier, das nun ziemlich genau 60 Jahre alt ist.
Es ist der Anmeldebogen der Freien Universität Berlin. Kubicki hat ihn mit entworfen; seine Geschichte ist eng mit der Hochschule verknüpft. Es ist eine Geschichte, in der das US-Militär vorkommt, Berlins Bürgermeister Ernst Reuter und Walter Ulbricht, der spätere DDR-Staatsratsvorsitzende.
Die FU feiert diese Geschichte jetzt mit viel Pomp und Pathos. Zu ihrem 60. Geburtstag hat sie sogar einen Werbefilm produzieren lassen, der einen Bogen spannt von der Gründung 1948 bis zur Exzellenzinitiative 2007 - da bekam die FU das Elite-Siegel. Alles wirkt sehr geradlinig, zielstrebig, erfolgsorientiert. Tenor: Eigentlich waren wir immer schon spitze.
Im Film läuft Kubicki über den Campus, graues Sakko, weiße Haare. Erhabene Musik begleitet ihn, unterbrochen von Szenen in Schwarz-Weiß. Eine unsichtbare Hand klappt ein Buch auf, schwenkt über eine Liste mit Namen. Ganz oben steht "Kubicki", davor die Ziffer 1. "Ich habe mich als erster Student der Freien Universität für das Studienfach Medizin einschreiben lassen", sagt er - die 1 ist seine Immatrikulationsnummer.
Studieren unter Kontrolle der SED
Man muss ganz an den Anfang zurückgehen, um zu verstehen, warum Kubicki, Professor im Ruhestand, in freudige Erregung gerät, wenn es um den nüchternen Verwaltungsakt der Immatrikulation geht; warum er dabei von "wertvollster Mitgift" spricht - und warum ihn die Universität bei Empfängen und Konferenzen, in Filmen und Broschüren prominent plaziert.
Im Jahr 1948 studiert Kubicki, damals 22, Medizin im Ostsektor von Berlin, an der späteren Humboldt-Uni. Die Mauer ist noch lange nicht gebaut, viele Berliner pendeln zwischen Ost und West. Kubicki verpasst keine Vorlesung, besteht problemlos Vorphysikum und Physikum: "Vier Wochen vor einem Examen zog ich mich immer zurück und ging den ganzen Stoff noch einmal durch."
Als er nach einer Lernphase im Frühjahr 1948 wieder an die Uni kommt, sind drei Mitstudenten exmatrikuliert worden - aus politischen Gründen. In einer Studentenzeitschrift hatten sie gegen "die Unbelehrbarkeit der Herren von der Zentralverwaltung für Volksbildung" protestiert und gegen den Einfluss von Walter Ulbrichts SED, die selbst in den Naturwissenschaften Marx, Lenin und Stalin pauken lässt. "Da war die Hölle los", sagt Kubicki.
Studenten wurden verhaftet und verschleppt
Jede Form von Ideologie widert ihn an. Seinen Vater hatte die Gestapo erschossen; seine Mutter wandte sich enttäuscht vom Kommunismus ab, als Stalin mit Hitler paktierte. Kubicki selbst will einfach nur studieren, jenes Fach, das ihn seit seinem 15. Lebensjahr begeistert. Damals hatte ihn sein Schwager in Heidelberg mit in eine Medizinvorlesung genommen.
Jetzt, nach dem Uni-Rauswurf seiner Freunde, schreibt Kubicki an einem "gepfefferten Sonderheft" der Studentenzeitschrift mit und erwartet, ebenfalls exmatrikuliert zu werden - mindestens. "Unliebsame Studenten verschwanden spurlos", erzählt er. Manche seien verhaftet worden.
Studenten wie Kubicki, die sich nicht anfreunden wollen mit den politischen Eingriffen, entwerfen einen kühnen Plan: im West-Sektor der Stadt eine eigene Uni zu gründen, beschützt von den Amerikanern. Sie schreiben Konzepte und demonstrieren. 2000 Studenten ziehen zum Hotel "Esplanade" und fordern eine freie Universität. Ein Berater des US-Befehlshabers Lucius D. Clay erinnert sich später: "Sie traten mit großer Begeisterung für ihre Idee ein."
Luftbrücke: Berlin hat andere Probleme als die Gründung einer Uni
Foto: DPAEigentlich hat West-Berlin 1948 andere Probleme als die Nöte einiger Studenten. Die Sowjets drehen der Stadt den Strom ab, Amerikaner und Briten versorgen die Eingeschlossenen per Flugzeug - Berlin-Blockade und Luftbrücke. Aber die Studenten geben nicht auf. "Wir waren nicht die einzigen, die für eine freie Universität gekämpft haben", sagt Kubicki, "aber wir waren wahrscheinlich die wichtigste Pressure-Group."
Der Berliner Bürgermeister Reuter stimmt zu. Aber es kann erst losgehen, nachdem auch die Amerikaner das Signal geben: Okay, macht es!
Die Amerikaner loben Effizienz und Korrektheit
Aus Kubickis Studentenzeitschrift rekrutiert sich der erste Asta der FU. Kubicki soll sich um das Zulassungsverfahren kümmern. Er ist angewidert von den Fragebögen in der Sowjetzone, die die politische Gesinnung eines Bewerbers ausforschen, und auch genervt vom 131-Fragen-Katalog der Amerikaner.
Also entwirft Kubicki das Formular, auf das er noch 60 Jahre später stolz sein wird: sieben Fragen zu Name, Abitur, akademischer Vorbildung - und zu früheren Mitgliedschaften in NS-Organisationen. Darauf bestanden die Amerikaner.
Kubicki sagt, den Bewerbern solle gezeigt werden: "Hier geht es nicht um Ideologie, sondern in erster Linie um Leistung." Die Amerikaner sind beeindruckt. "Korrekt und effizient", notiert ein Offizier.
Kubicki möchte sich als erster Student einschreiben, sein alter Freund Helmut Coper will das auch. Sie stehen vor den ersten provisorischen Uni-Gebäuden im Süden Berlins, am Gartentor hängt ein Pappschild, schon lädiert und eingerollt von der Nässe: "Freie Universität, Sekretariat".
Beide haben demonstriert für die FU, beide für die Studentenzeitschrift geschrieben. Wie also entscheiden, wer die Nummer eins sein darf?
Vorlesungen bei Kerzenschein und Kubickis heiliger Zorn auf die 68er
Sie werfen eine Münze, einen Groschen. Kubicki gewinnt.
Es ist eine Anekdote, ein Teil des Gründungsmythos, den die FU in Filmen und Festen 60 Jahre später wieder herausstellen wird: Studenten und Wissenschaftler stampfen gegen alle Widrigkeiten eine neue Hochschule aus dem Boden.
Mensa-Baracke: FU-Studenten bekommen labbrige Milchsuppe
Foto: Freie Universität BerlinDie Westberliner solidarisieren sich 1948 mit ihrer Uni, spenden Bücher und Möbel. Die Studenten um Kubicki tragen ihre Stühle von Raum zu Raum - es gibt einfach zu wenige. Während der Berlin-Blockade halten Professoren ihre Vorlesungen bei Kerzenschein.
Kubicki erinnert sich: "Bei der Dunkelheit konnten wir kaum mitschreiben." Ein Kino muss als Lehrsaal herhalten. Eine baufällige Baracke dient als Mensa-Ersatz. Dort schlürfen die Studenten Milchsuppe von immer gleicher Labbrigkeit.
Die Heinzelmännchen werden geboren
Wer kein Geld hat, klopft Teppiche auf Berliner Hinterhöfen, verlädt Zement, schleppt Möbel, verpackt Pakete, verkauft Zeitungen - alles für eine Mark pro Stunde. Es ist die Geburtstunde der "Heinzelmännchen", der studentischen Arbeitsvermittlung.
Argwöhnisch blicken westdeutsche Rektoren nach Berlin: eine Uni, die von Studenten mitgegründet wurde? An der Studenten mitentscheiden, wer lehren darf? An der schlagende Verbindungen verboten sind? Suspekt. Zur feierlichen Eröffnung am 4. Dezember 1948 im Titania-Palast kommt von der akademischen Prominenz demonstrativ niemand.
Neuer Glanz: Zu ihrem 60. Jahrestag putzt sich die FU heraus
Foto: DDPAber auch die FU schraubt das Mitspracherecht der Studenten schnell zurück. Bei der Eröffnungsfeier erstreiten sich Kubicki und Kommilitonen noch das Recht, neben den Professoren auf der Bühne zu sitzen - als Sinnbild für die "Gemeinschaft aus Lehrenden und Lernenden", sagt er. Wenige Jahre später, als die Gründergeneration fertig ist mit dem Studium, werden zwar mehr und mehr Fakultäten und Gremien aufgebaut, aber die Studenten haben nur noch wenig zu melden. Der Politologe Kurt Sontheimer lehrt damals an der FU und schreibt: "Am Ende hatte der eine Studentenvertreter kaum mehr als eine Symbolfunktion."
Ideologische Schlachten flammen auf
Die Uni wächst und wächst. In den fünfziger Jahren sitzen 1200 Studenten in manchen Vorlesungen, 400 drängen in ein Germanistik-Seminar. Viele junge Männer kommen zum Studieren nach West-Berlin, weil sie hier keinen Wehrdienst leisten müssen.
Was folgt, darüber schimpft Kubicki auch später noch. Nun geben die 68er den Ton an. Rudi Dutschke studiert Soziologie an der FU und wird gefeiert für seine feurigen Reden. Es ist der Anfang der Studentenbewegung.
Kubicki ist mittlerweile Professor für Medizin. Mit der linken Rhetorik und den Forderungen kann er nichts anfangen. "Der Unterschied zwischen uns 48ern und den 68ern" sei folgender: "Wir hatten Visionen, die sich verwirklichen ließen."
Er hatte die Uni doch mit aufgebaut, als Signal gegen den Kommunismus. Und jetzt tobt sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund an der FU aus? Kubicki will das nicht akzeptieren.
40 Jahre in vier Sekunden
Zusammen mit anderen Profs gründet er die "Notgemeinschaft für eine freie Universität", eine ziemlich konservative Runde. "Ihr Ziel: die Öffentlichkeit fortlaufend über die Lage der von 'Unterwanderung und Terror bedrohten Hochschule' zu informieren", schreibt der SPIEGEL.
Man führt Buch über linke Veranstaltungen und verfasst Namenslisten mit angeblichen Verfassungsfeinden. Über ihre eigenen Mitglieder schweigt die "Notgemeinschaft" sich aus - die Bedrohung durch Linke sei zu groß.
Kubickis Stimme klingt noch heute abfällig, wenn er auf die 68er angesprochen wird. Der FU-Jubiläumsfilm überspringt diese Epoche fast komplett. Wenige verschämte Sätze ringt sich ein Sprecher aus dem Off ab: "Ein zentraler Ort der Auseinandersetzungen zwischen den Generationen" sei die Uni gewesen. "Obwohl man heute auch den politischen Übereifer erkennt, gingen damals von Dahlem wichtige Impulse aus für mehr Offenheit, Gleichberechtigung und Demokratie in Deutschland."
Schnitt: Mauerfall.
Schnitt: Exzellenzinitiative und Sektgläser.
40 Jahre in vier Sekunden.
Mit 22 schrieb Kubicki sieben Fragen auf einen Zettel, mit 82 schreibt er mit an einer Buchreihe: "Die Freie Universität: Von der Gründung bis zum Exzellenzwettbewerb." Er wird weiterstricken am Image der FU, an ihrem Mythos, an ihrem Ruf, im Guten wie im Schlechten.
Es ist seine Geschichte.