"Aaltra" Männer auf Rädern
Das Wasser steht ihnen bis zum Hals - und steigt weiter. Die beiden Männer sind mitten auf dem Strand eingeschlafen, nachdem sie einer Weinflasche auf den Grund gegangen waren, und werden nun von der Flut überrascht. Das Ufer ist nur wenige Meter entfernt, doch da beide im Rollstuhl sitzen, können sie sich nicht von der Stelle rühren. Als ihnen das Wasser bis zur Oberkante Unterlippe steht, erreicht die Tide ihren Höchststand. Jetzt dauert es nur noch ein paar Stunden, dann sind die beiden Männer wieder trocken - innen wie außen.
Die Komödie "Aaltra" bricht eines der letzten Kinotabus: Sie macht laufend, Pardon, rollend Witze auf Kosten Behinderter. Das mag man für geschmacklos halten oder gar für moralisch bedenklich, doch die belgischen Komiker Benoît Delépine und Gustave Kervern - bei "Aaltra" Autoren, Regisseure und Hauptdarsteller - sind fest davon überzeugt, dass man Menschen erst dann richtig ernst nimmt, wenn man sich über sie lustig macht. Dies ist ein Film wider jene subtile Diskriminierung, die sich unter Samthandschuhen verbirgt.
In Cinemascope und Schwarz-Weiß erzählen Delépine und Kervern von einem Angestellten und einem Landarbeiter, die bei einem erbitterten Streit beinahe von der Ladefläche einer Landmaschine zerquetscht werden. Im Krankenhaus kommen sie, beide querschnittsgelähmt, wieder zu sich. Sie stellen ihren Hass aufeinander einstweilen zurück und nehmen sich vor, von der Herstellerfirma der Maschine Schadensersatz einzutreiben. Die jedoch hat in Finnland ihren Sitz, und so machen sich die beiden auf eine abenteuerliche Interroll-Reise durch Europa.
Meter für Meter wächst beim Zuschauer der Respekt vor diesen beiden wortkargen, recht unsympathischen Rollstuhl-Rowdys, die sich unnachgiebig ihren Weg durch die Welt der Gesunden bahnen. Wer ab der Hüfte gelähmt ist, einen Rollstuhl ohne Motor und dazu Ebbe im Portemonnaie hat, der muss manchmal skrupellos sein, um ans Ziel zu kommen. Da wird einem hilfsbereiten Passanten, der einem über die Straße hilft, auch schon mal in die Tasche gelangt.
Ganz nebenbei erlebt der Zuschauer die Härte des Behindertenlebens. Scherz und Schmerz sind da oft kaum zu trennen. Bei der Fußpflege verfehlt einer der beiden Männer den Nagel und trifft mitten ins Fleisch; da er gerade in eine andere Richtung schaut, schneidet er noch tiefer hinein. Da leidet der Zuschauer stellvertretend für die Figur, die den Schmerz nicht spüren kann. Genau diese und nur diese Art von Mitgefühl will der Film wecken: die nötig ist, wenn es wirklich drauf ankommt.