Akademische Mythen Wir waren Helden
Mittendrin statt nur dabei, jaha, das war ich. Und das waren ja wilde Zeiten, Ende der Sechziger, als wir an den Universitäten revolutionierten und die tausendjährigen Talare lüfteten. Wir stürmten die Vorlesungen und hängten die Klotüren aus. Und wenn ein armdicker Joint kreiste, reichte ich ihn mit wichtigem Gesicht weiter. Das gehörte sich so.
Nur inhaliert habe ich nicht, denn das wäre ja auch leichtsinnig gewesen. Ich wusste ja nicht, was da so drin war. Dafür war ich beim berühmten Sitzstreik im Historischen Seminar dabei. Obwohl ich nicht allzu lange geblieben bin, weil ja schließlich das Seminar beim Professor Meyer um zwei Uhr begonnen hatte, und da wollte ich ja doch nicht zu spät kommen.
Warum ich dabei war? Aus Überzeugung! Und nebenbei, hehe, waren revolutionäre Kämpfer auch mächtig angesagt, beim weiblichen Geschlecht. Besonders die, die ohne Haspeln aus sozialistischen Klassikern zitieren konnten oder zumindest den hier: "Ihr begriffsloser Subjektivismus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt." Spitzensatz von Rudi Dutschke, konnte ich auswendig.
So reißt man dem System die Maske vom Gesicht
Um die Damen noch mehr zu beeindrucken, wurde ich illegal und tauchte spontan unter. Als ich nach dreißig Sekunden Luftanhalten wieder hochkam, war die hübsche Studentin, die ich beim Schwimmabend der SDS-Basisgruppe kennengelernt hatte, allerdings schon zum Beckenrand geschwommen und plauderte angeregt mit dem Bademeister. Der wählte übrigens CDU.
Als der Polizist Karl-Heinz Kurras auf Benno Ohnesorg schoss, war ich zufällig gerade in Hamburg, zwei Wochen Urlaub an der Außenalster. Ich war erschüttert, solidarisierte mich, zeigte Flagge und kaufte Karten für die Abendvorstellung im Ohnsorg-Theater, zweite Reihe, natürlich Sperrsitz links. Ein marxistisches Rührstück wurde gegeben, "Die lustige Fischerswitwe" mit Heidi Kabel. An den lustigen Stellen habe ich die Faust geballt und laut "Ho-ho-ho" gerufen. Das "Chi-Minh" habe ich weggelassen, der Sinn war ja schließlich klar. Ich will nicht prahlen, aber so reißt man dem System die Maske vom Gesicht.
Dann kamen die großen Demonstration, Vietnam, Notstandsgesetze, Preiserhöhung für die Streifenkarte der Bonner Straßenbahn. Mein Platz war immer direkt neben Rudi, meinem Freund Rudi. Untrennbar wie siamesische Zwillinge waren wir, wie Pech und Schwefel, Plisch und Plum, Pünktchen und Anton. Rudi war der Kopf, ich die Stimme der Bewegung, das wussten die politischen Weggefährten.
Rudi und ich
So standen wir dann auch beide am Fenster in Rudi Krämers Altbauwohnung am Bonner Markt und sahen hinab auf die studentischen Massen, die in sengender Hitze zur Kundgebung gen Hofgarten marschierten, Dutschke und Konsorten vorneweg. "Möchtest Du jetzt da unten sein", fragte ich Rudi Krämer. Da mussten wir beide herzlich lachen.
Doch war die Luft irgendwie raus aus der Protestbewegung. Meine Eltern fragten an, wann ich denn endlich das Studium zu beenden gedächte. Und so begann ich den langwierigen Marsch durch die Institutionen, die Revolution natürlich noch immer im Visier, quasi mittelfristig.
Ich wurde zunächst Hilfskraft, anschließend Assistent, promovierte und habilitierte schließlich über "Ludwig Erhard und seine wegweisende Schriften". Beängstigend planmäßig und zielstrebig unterhöhlte ich das korrumpierte System, das mich für meine subversive Tätigkeit auch noch bezahlte. Zwangsläufig musste ich dann zusagen, als mir 1980 eine C4-Professur angetragen wurde, andernfalls wäre ja meine ganze Tarnung aufgeflogen.
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Auch Rudi Krämer ist mittlerweile Professor, für Germanistik in Marburg, glaube ich. Wir haben uns länger nicht gesehen oder gehört, doch wir bleiben uns doch stets verbunden. Schließlich sind wir beide Achtundsechziger.