Auslandsstudium: Raus aus dem Erasmus-Rudel! - DER SPIEGEL
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Auslandsstudium Raus aus dem Erasmus-Rudel!

Erasmus-Wohnheim, Erasmus-Kurse, Erasmus-Partys - Austauschstudenten kletten in der Fremde stets zusammen. Nur wer wirklich will, findet auch Freunde unter Eingeborenen. Studentin Sonja Leister hat beim Auslandssemester in Schweden sechs Tipps getestet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

1. Integratives Wohnen

Das Wohnheim ist das Basislager für Integrationswillige. Also unbedingt eine geeignete Unterkunft wählen: Kategorie "landestypisch". Je mehr Einheimische, desto besser. Dann steigt die Chance, dass man einen echten Aborigine aus Spanien/ Schottland/Schweden trifft, der noch nicht die Nase voll hat von lärmenden Erasmus-Horden.

Die Nachbarn haben meist eine natürliche Skepsis gegenüber Austauschstudenten. Davon nicht abschrecken lassen! Man braucht nur gute Vorwände, um ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel an der Waschmaschine. Los geht's mit: Wie verstelle ich die Drehzahl (wenn man das richtige Wort für Drehzahl schon kennt)? Und ganz schnell ist man bei: Willst du nicht mal auf einen Kaffee rüberkommen?

Die Kunst besteht darin, einen fließenden Übergang zu finden. Auch ganz wichtig: nicht dabei erwischen lassen, wie man bei einer Erasmus-Party im Treppenhaus die Wände bemalt oder den Feuerlöscher abreißt. So verscherzt man es sich schnell wieder mit der Nachbarschaft.

Sprach-Tandem - geschmeidig radeln

Die Sprache des Gastlandes zu beherrschen, ist das beste Schmieröl, um die Integration geschmeidiger zu gestalten. Da ist ein Sprachtandem gleich doppelt hilfreich. Man lernt Vokabeln und Grammatik und trifft einen zumindest ortskundigen und hoffentlich kontaktfreudigen Menschen.

Bei Espresso oder Bier unterhält man sich über alles Mögliche - abwechselnd auf Deutsch und in der Fremdsprache. So verbessern beide ihre Sprachkenntnisse. Man selbst kann zudem praktische Alltagstipps abgreifen: Wie kommt man an einen Bibliotheksausweis, wo ist der billigste Frisör? Und wie verdammt nochmal funktioniert Flirten in diesem Land?

Um einen Tandem-Partner zu finden, sollte man einfach einen Zettel ans Schwarze Brett in der Uni hängen. Oder direkt bei Germanistik-Fakultät nachfragen. Dort findet man bestimmt jemanden, der sein Deutsch verbessern möchte.

Ausgehen - ein Gin Tonic und ein Tänzchen

Club oder Kneipe - im Vergnügungsviertel der neuen Heimat kennt man zunächst keinen. Was wie ein Nachteil scheint, ist eigentlich die beste Startrampe in die soziale Inklusion. Denn man kann ja noch alle kennenlernen! Und muss sich dabei nicht von alten Bekannten (Ex-Freunde, Ex-Referatspartner) beäugen lassen, die an der Theke wachen und auf Verhaltensauffälligkeiten lauern.

Unbeobachtet und vorurteilsfrei stürzt man sich in die Menschenmenge und hat gute Chancen inländische Freunde zu finden: zumindest für einen Gin Tonic und ein Tänzchen. Besonders kontaktförderlich ist es, den Dresscode des Gastlandes einzuhalten. Das bringt auf den ersten Blick Pluspunkte.

Ganz Risikofreudige versuchen durch modische Kontrapunkte aufzufallen und zu locken. Dabei aufpassen, dass man nicht als schlecht gekleideter Deutscher missachtet wird.

Clübchen-Bildung - irgendein Verein muss es sein

Wer gern Fußball oder Volleyball spielt oder Briefmarken archiviert, sollte schleunigst im Ausland in einen Verein eintreten. Auch wenn man zu Hause nicht auf solche Clübchen steht. Im Verein sind lauter Leute, die im besten Fall noch nie etwas von Erasmus gehört haben. Durch festgelegte Trainingszeiten muss man sich nicht jede Verabredung mühsam erkämpfen.

Nebenbei erfährt man viel über die Volksseele der Inländer, denn zwischen Umkleidekabine und Vereinsheim verhalten sich die Einheimischen ganz unverkrampft und ungeschönt. Du pflegst gar kein vereinstaugliches Hobby? Alternativen gibt es an fast jeder Uni. In Schweden zum Beispiel werden sogenannte Freundschaftsgruppen ("Kamratgrupper") für einsame Studenten organisiert.

Kontaktnetze - einen kennen, der einen kennt

Von wegen, man kennt kein Schwein in der neuen Stadt. Angeblich ist doch jeder von uns über sechs Ecken mit der gesamten Erdbevölkerung verbandelt. Da lässt sich bestimmt auch eine Verbindung in die Teilzeit-Heimat herstellen. Wer bei seinen Bekannten nachforscht, hat im Gastland schwupps ein Date mit dem Patensohn der besten Freundin der Chefin. Besonders günstig ist es natürlich, wenn dieser Patensohn ein Einheimischer ist, sonst muss man wiederum auf seine guten Kontakte hoffen.

Ganz Ausgebuffte suchen sich schon in Deutschland die richtigen Freunde: Sie betreuen als Erasmus-Helfer Austauschstudenten von der entsprechenden Partneruni. Die Gaststudenten werden dankbar sein für jeglichen Zuspruch und im Gegenzug ihren selbstlosen, deutschen Freund in der eigenen Heimat umsorgen.

Chaostage - ach ja, die Uni

In die Uni muss man. Und wenn man schon 30 Credit points einsammelt, dann auch in der richtigen Gesellschaft. Kurse, in denen nur Erasmus-Studenten sitzen, direkt vom Stundenplan streichen! Die Leute dort kennt man ohnehin längst aus dem Wohnheim oder von einem Welcome-Meeting. Lieber gemischte Kurse besuchen, oder noch effektiver: inmitten von Inländern studieren.

Dafür muss man in der Regel die Sprache des Gastlandes beherrschen. Wer einigermaßen damit klarkommt, sollte es wagen und sich durchmogeln. Bei Gruppenarbeiten am besten den Chaoten anschließen. Die haben Verständnis, wenn man die Abgabefrist für das gemeinsame Paper zwei Tage nach hinten interpretiert. Außerdem feiern sie gern bei einem Bier alle Teilerfolge auf dem langen Weg zur 20-seitigen Hausarbeit.