Avanti, dalli, Tempo! Nadine rennt
Subjektive Empfindungen, so verlangen es strenge Traditionalisten in den heiligen Hallen der Gelehrsamkeit, haben in der Forschung nichts zu suchen. "Betroffen macht besoffen"? Papperlapapp! Nadine Schöneck hält wenig von solchen Regeln, solange man eigene Beobachtungen sauber von statistischen Befunden trennt. "Ich lebe ein extrem zeitorientiertes Leben, und das hat sich in den letzten Jahren wesentlich beschleunigt", sagt die 27-jährige Sozialwissenschaftlerin. Genau das nahm sie zum Anlass, das Zeitgefühl und Zeitempfinden der Deutschen unter die Lupe zu nehmen.
Die Bochumer Studentin wollte herausfinden, ob ihre "eigene Zeitwahrnehmung der sozialen Norm entspricht". Sie setzte sich auf die Fährte des "beschleunigten Bürgers" und fand in ihrer Umfrage zum Beispiel heraus, dass neun von zehn Bundesbürgern eine Uhr am Arm tragen, sieben von zehn mit Terminplanern arbeiten. Und für mehr als die Hälfte gilt das Motto: Zeit ist Geld.
Nadine Schöneck wählte für Ihre Untersuchung rund 800 Haushalte als Stichprobe aus und verschickte ausführliche Fragebögen quer durch Deutschland. 162 kamen ausgefüllt zurück. "Mit der Quote von gut 20 Prozent ist meine Studie sicher nicht repräsentativ, aber ich konnte natürlich keine Adressen kaufen und hatte auch keine Weltreise zu verlosen", sagt sie. Dafür findet sie den Rücklauf "recht ordentlich". Sie weiß jedoch, dass überproportional Akademiker, Großstädter, Westdeutsche mitmachten. Besonders getriebene oder träge Menschen habe sie vermutlich nicht erreicht. Ein Rentner fragte sogar nach, ob er den Fragebögen ausfüllen müsse: "Wird sonst meine Rente gekürzt?".
Hilfe, mein Tag ist zu kurz
Nadine Schöneck konnte den Mann beruhigen. Insgesamt stellte sie fest, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten sich im Alltag getrieben fühlt, häufig sogar gehetzt. "Das beschränkt sich nicht allein auf den Job, sondern reicht weit bis ins Privatleben", sagt die Diplom-Sozialwissenschaftlerin. 40 Prozent stimmten zum Beispiel der Aussage zu, der Tag sei "zu kurz und sollte mehr als 24 Stunden haben".
Zunächst hatte Nadine Schöneck angenommen, die soziale Schichtzugehörigkeit präge das subjektive Zeitempfinden stark. Doch die Umfrage bestätigte ihre Arbeitshypothese keineswegs: Der Beamte fühlte sich ebenso beschleunigt wie der Arbeiter, die Rechtsanwältin wie die Kassiererin. Und auch die Faktoren für Zeitfrust waren weitgehend identisch: trödelnde Beamte, Warten beim Arzt, endlose Staus.
Also keine "sozialstrukturelle Distinktion im Antwortverhalten", keine "eindeutig schichtdeterminierten Muster", wie Nadine Schöneck im besten Soziologendeutsch bilanziert. Ein unerwartetes Ergebnis ist auch ein Ergebnis - und ihrer Bewerbung für den Deutschen Studienpreis hat es nicht geschadet. Den Wettbewerb zum Thema "Tempo! Die beschleunigte Welt" hatte die Hamburger Körber-Stiftung ausgeschrieben und nach Antworten gesucht, ob Geschwindigkeit mehr Lust oder Last sei.
Die 398 Teilnehmer reichten völlig unterschiedliche, teils ausgefallene Beiträge ein. Neun junge Forscher legten sich zum Beispiel in der Mensa auf die Lauer, schauten ihren Kommilitonen auf die Teller und beobachteten, wie schnell sie aßen (eines der Ergebnisse: Einzelne Männer verbringen nur halb so viel Zeit in der Mensa wie Frauengruppen). Zudem befragten die Göttinger Studenten auch Kommilitonen aus allen Kontinenten nach ihrem Zeitempfinden. Und eine Designstudentin aus Würzburg erprobte in acht Tagen acht Formen des Unterwegsseins und dokumentierte ihre Expeditionen in einer Art Reisetagebuch.
"Sturzgeburt eines Staates"
Derweil untersuchten ein ostdeutscher und ein westdeutscher Student gemeinsam das Tempo der deutschen Vereinigung - flott geht es politisch voran, aber wirtschaftlich und mental eher schleppend. Und sogleich übten die Einheitsforscher Tempokritik: Statt der "schroffen Zäsur" wäre ein "sanfteres Ineinandergleiten der Lebenswelten" gerade für die Ostdeutschen verträglicher gewesen, meinen Stefan Huck und Wilhelm Hofmann zur "Sturzgeburt eines Staates".
An insgesamt 30 Gewinner vergab die Jury der Körber-Stiftung Preise im Gesamtwert von 5000 Euro. Einen der ersten Preise räumte Nadine Schöneck ab. Längst lautet ihre Devise: "Carpe Diem!". Aber das war nicht immer so. Aufgewachsen ist Nadine in einem 700-Einwohner-Nest im Westerwald und war als Schülerin "eher verschlafen und angepasst". Spätestens bei Studienaufenthalten in Austin (Texas) und in England änderte sich das drastisch: Die Studentin wollte "alles mitnehmen, alles genießen" und wurde zugleich zur passionierten Marathonläuferin.
Einen Teil ihres Preisgelds von 5000 Euro will sie, durchaus kompatibel zum Wettbewerbsmotto, für ein gutes Rennrad anlegen. Auch mit dem Studienpreis-Beitrag, eine Art sozialwissenschaftliche Fingerübung kurz vor dem Studienende, hat sie ihre Zeit gut genutzt: Sie konnte das Thema zur Diplomarbeit ausbauen, für die sie eine glatte 1,0 erhielt. Und künftig soll es in ihrer Dissertation um "Sozialstrukturanalyse und Zeitwahrnehmung" gehen. Eine halbe Doktorandenstelle an der Fernuniversität Hagen hat sie bereits.
Aber ist Nadine nun normal, oder tickt sie anders als die anderen Deutschen? Halb ist sie beruhigt, dass sie "nicht allzu deutlich neben dem Mainstream" liegt. Zur anderen Hälfte stellt sie fest, wie schwer ihr Abschalten und Nichtstun fallen - und wie wenig souverän sie mit ihrer Zeit umgeht. Die Entdeckung der Langsamkeit ist ihr jedenfalls noch nicht gelungen, Sprüche wie "Der Weg ist das Ziel" oder "In der Ruhe liegt die Kraft" sind nicht ihre Sache. "Trotzdem bin ich wohl kein hoffnungslos pathologischer Fall", glaubt die quirlige Bochumerin.