Studieren ohne Abitur Vom Metzger zum Bachelor
Maik Jantschik: "Mit 15 dachte ich: nie wieder Schule"
Foto: Maik JantschikSPIEGEL ONLINE: Herr Jantschik, Sie stehen kurz vor dem Bachelorabschluss, und das ohne Abitur. Wie kam es dazu?
Jantschik: Vor der achten Klasse hatte ich gute Noten, aber dann hatte ich keine Lust mehr, meine Noten wurden schlechter. Damals habe ich gesagt: nie wieder Schule. Ich habe dann zwei Bewerbungen für Ausbildungsplätze geschrieben, aus heutiger Sicht ist das wenig. Dass ich in zehn Jahren studieren würde, habe ich mir nicht träumen lassen.
SPIEGEL ONLINE: Wann hat Sie der Ehrgeiz gepackt?
Jantschik: Die Ausbildung hat mir Spaß gemacht. Nach dem ersten Jahr war ich Klassenbester, ich schrieb eine Eins nach der anderen. Schließlich schloss ich auch meine Ausbildung mit einer Eins ab. Dann habe ich noch berufsbegleitend meinen Meister gemacht, neben dem Job und in meinem Jahresurlaub. Doch in meiner damaligen Firma ging es nicht so richtig weiter für mich.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zu studieren?
Maik Jantschik, 26, gelernter Fleischer, studiert heute Lebensmitteltechnologie an der Hochschule Neubrandenburg und steht kurz vor seinem ersten akademischen Abschluss. Die Realschule verließ er mit mittelmäßigen Noten, als Student ohne Abitur ist er ein Exot.
Jantschik: Mein bester Freund hatte nach seiner Ausbildung ein Studium begonnen, das hat mich angespornt. Ich habe mich parallel für die Hochschule und für Jobs beworben. Dann hatte ich plötzlich zwei Zusagen: als Leiter einer kleinen Abteilung und für das Studium. Ich habe die Hochschule gewählt, ich wollte es wenigstens probieren.
SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre größte Sorge?
Jantschik: Vor den Prüfungen hatte ich Angst. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt. Und ein Studium ist natürlich ein finanzieller Abstieg. Ich hatte schon meine eigene Wohnung und habe selbständig gelebt. Ich wollte nicht wieder komplett von meinen Eltern abhängig sein, das ging dank elternunabhängigem Bafög. Seit dem dritten Semester bekomme ich außerdem ein Aufstiegsstipendium.
SPIEGEL ONLINE: Hat es sich bemerkbar gemacht, dass Sie kein Abitur hatten?
Jantschik: Im ersten Jahr musste ich ganz schön kämpfen, mit Mathematik, Physik, Technik, Chemie. Differential- und Integralrechnung haben wir in der Realschule nicht wirklich gelernt. Mir war klar, dass ich nacharbeiten muss, manchmal saß ich abends bis um Mitternacht am Schreibtisch. Aber ein Abi ist auch keine Garantie für den Studienerfolg: Ich habe Abiturienten kennenlernt, die es nicht gepackt haben.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie von Kommilitonen mit Abitur mal einen blöden Spruch gehört?
Jantschik: Nein. Ein Dozent von mir ist auch gelernter Fleischer, und die Kommilitonen hier helfen sich gegenseitig. Mein Ziel war zunächst, alle Prüfungen zu bestehen. Das habe ich geschafft. Dann bin ich immer besser geworden.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihre Familie reagiert?
Jantschik: Die haben nicht schlecht geguckt, jetzt sind sie aber stolz auf mich. Meine Eltern sind beide Polizisten, mein Vater hat selbst mit über Vierzig noch ein Studium begonnen. Meine Schwestern haben beide Abitur gemacht, eine von ihnen hat auch studiert. Ich bereue keine Sekunde, dass ich mich für das Studium entschieden habe.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr nächstes Ziel?
Jantschik: Ich möchte Produktionsleiter oder Betriebsleiter werden, also eine Führungsposition besetzen, in der Fleisch- und Wurstverarbeitungsbranche. Aber erst einmal mache ich das Praxissemester fertig und schreibe die Bachelorarbeit, und dann will ich noch den Master machen. Warum auf halbem Weg abbrechen?
Auch wer Ablehnungen kassiert, muss den Kopf nicht hängen lassen. Eine gewisse Chance besteht trotzdem noch, den Studienplatz an der Wunsch-Uni zu bekommen. Der UniSPIEGEL zeigt Schlupflöcher im Vergabechaos. mehr...