Studieren mit Spaß Werdet Uni-Partisanen!
Studentin beim Bildungsstreik (2009): Wenn sonst nichts hilft, hilft Aufbegehren
Foto: A3471 Boris Roessler/ dpaDas Studium ist die experimentelle Lebensphase der Neugier, eine kulturelle Instanz und ein großer Spaß. Das Bologna-System aber hat diese Lebensphase in vorgeschriebene Abschnitte eingeteilt. Bachelor und Master haben aus ihr einen Verwaltungsakt gemacht, mit mehr Pflichtanteilen als je zuvor: Leistung abliefern, Punkte sammeln, alles für einen möglichst schnellen Abschluss.
Jedes Semester müssen für beinahe alle Vorlesungen und Seminare Prüfungen absolviert werden. Ein völlig unnötiger Aufwand für Lehrende und Studenten! Sie werden mehr und mehr mit Wissen vollgestopft, die Qualität nimmt ab, das Studium wurde vielerorts verdorben.
Intelligente und neugierige Studenten muss so ein Studium enttäuschen. Demotivation, Desinteresse, Studienabbruch sind nur drei negative Folgen in einer langen Liste. Wie sollen sich fordernde Studenten in diesem Milieu bewegen? Wie können Sie, trotz 2,6 Millionen Kommilitonen in verschulten Studiengängen, hochwertig studieren?
Ich rate: Werden Sie Uni-Partisanen! Das heißt: Jeder macht nur noch, was er wirklich will. Das ist kein Freibrief für Beliebigkeit, sondern stellt einen selbst in die Verantwortung, nur das zu studieren, was einen erregt und tiefer nachdenken lässt. Folgende Schritte helfen dabei:
Schritt 1: Planen Sie gut!
Eine Laufbahn als Uni-Partisane will gut vorbereitet sein und beginnt damit, sich die Universität auszusuchen, an der Sie sich wohlfühlen und die Sie intellektuell fordert. Also suchen und besuchen, hinfahren, sich vor Ort informieren. Oder, billiger: Bei Facebook Studenten der Wunsch-Uni anschreiben und ausfragen, Vorlesungsverzeichnisse durchsuchen, Professoren stalken. Leute, die was drauf haben, geben in der Regel Auskunft und schreiben auch zurück.
Schritt 2: Wählen Sie Ihre Lehrer selbst!
Man muss sich im Studium die Professoren aussuchen, die interessant und anregend sind. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Notfalls wechselt man das Seminar, oder das Fach. Oder gleich die Universität. Zur Not auch zweimal. Oft merkt man erst nach Semestern, dass einen das Fach nicht bewegt. Dann wechseln! Denn nur was einen erregt, trägt dann auch fürs Leben.
Schritt 3: Bilden Sie Allianzen!
In Vorlesungen oder Seminare, die einen anöden, muss keiner gehen. Sind die Informationen, die dort lieblos abgelesen werden, klausurrelevant, dann bilden Sie Arbeitsgruppen. Einzelne Delegierte gehen in die Veranstaltungen, wirklich studiert wird dann im engeren Kreis der Partisanen-Gruppe. Quält Sie die Uni mit Anwesenheitspflicht? Besetzen Sie das Rektorat oder schlagen Sie sonstwie Lärm, bis der Unsinn abgeschafft ist - erfolgreich geschehen hier , hier und hier .
Bildungsstreik: "Wir werden leerer"
Schritt 4: Bewegen Sie sich flexibel!
Das Höchste ist: Universität studieren, und damit meine ich kein Fach. Besuchen Sie viele unterschiedliche Seminare, erweitern Sie Ihr Wissen, und konzentrieren Sie sich zwischendurch auf das Fach, in dem der Abschluss angestrebt wird. Breit studieren heißt für echte Partisanen: natürlich auch in anderen Fakultäten.
Schritt 5: Lernen Sie nicht nur auswendig!
Wer für Prüfungen lernt, nur um sich danach entlastet zurückzulehnen, wird den Stoff weder durchdringen noch über die Klausur hinaus behalten. Das ist eine Vergeudung der eigenen Fähigkeiten. Viel wissen ist nicht das einzige Ziel. Denn was Sie nicht verstanden haben, wissen Sie nicht wirklich. Sie müssen lernen, Wissen zu beurteilen und kritisch zu hinterfragen, sonst bleibt Ihr Wissen 'leer'.
Natürlich weiß man zu Anfang kaum, was man studieren soll. Das erste Kriterium ist: Was erregt die intellektuelle Neugier? Der spätere Beruf ist erst einmal zweitrangig. Wenn man sich intensiv auf das stürzt, was einen begeistert, bilden sich eine Kompetenz und ein Charakter, der später immer einen Lebensweg findet. Wer aber keine intellektuelle Tiefenbohrungen betreiben will, der sollte vielleicht an eine exzellente Fachhochschule gehen. Oder doch eine Lehre machen.
Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni
Das klingt vielleicht streng, arg optimistisch, manche werden sagen: naiv. Außerdem hört es sich an wie das "Früher war alles besser"-Gerede eines alten Herren. Natürlich waren Hochschulen auch vor Bologna schon bürokratische Monster, gegen die es sich zu wehren galt. Doch die Masse an Prüfungen, die Punkte-Stasi in manchen Prüfungsämtern sind erst mit dem Bachelor- und Master-Regime gekommen.
Um diese Hindernisse gilt es, sich herumzumogeln. Denn die Universität ist immer noch einer der wenigen Orte in der Gesellschaft, an dem tieferes Nachdenken gelingen kann. Oft das einzige Mal im Leben. Wer will das vergeuden? Und wer will Ihnen raten, das nicht zu nutzen?
Birger Priddat, 64, hat Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Arbeitspsychologie an der Uni Hamburg studiert und 1986 dort promoviert. Heute ist er Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Privat-Universität Witten-Herdecke und Gastprofessor an der privaten Zeppelin University. Ende September erschien sein Buch "Wir werden zu Tode geprüft - Wie man trotz Bachelor intelligent studiert" .
Birger Priddat:
Wir werden zu Tode geprüft
Wie man trotz Bachelor, Master & Bologna intelligent studiert
Murmann Verlag; 232 Seiten; 17,99 Euro