Bahn-Bomber Im Warteraum Studienkolleg
Heikendorfer Weg 93c in Kiel, "Studienkolleg Schleswig-Holstein für ausländische Fachhochschulbewerber, Technik und Wirtschaft": Hier lernen Ausländer, die zu Hause schon studieren können, hierzulande aber noch nicht dürfen. Nicht jedes fremdländische Abitur wird in Deutschland anerkannt, zum Beispiel nicht das libanesische. Die meisten Studienkollegiaten brauchen ein volles Jahr, um die Hochschulreife nach deutschen Maßstäben zu erlangen.
Also nochmals Mathe- und Fachunterricht, um Wissenslücken zu füllen, Zittern bis zur abschließenden "Feststellungsprüfung". Dazu noch die Vorbereitung auf die "Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang". Youssef Mohamad E. H. benötigte für die ganze Prozedur anderthalb Jahre. Im ersten Semester musste er eine Ehrenrunde drehen, sein erstes Frusterlebnis vor verschlossenen Hochschultüren.
Studienkollegs, ein deutsches Spezialangebot, sind umstritten - nicht erst seit dem Fall Youssef Mohamad E. H. Denn die noch nicht studienfähigen Ausländer ahnen zunächst kaum, wie schwierig und teuer für sie der Weg an eine deutsche Hochschule wird.
Angelockt werden sie von Werbetrommlern, etwa von GATE Germany, der amtlichen Marketing-Agentur für den Hochschulstandort Deutschland. Zwar betont der zuständige Deutschen Akademische Austauschdienst (DAAD), man konzentriere sich mit den "Werbeaktionen auf Postgraduates, Masterstudenten und Doktoranden". Doch viele Studienwillige, die wirklich ins Land kommen, sind junge Erstsemester und Studienkollegiaten.
Einreise leicht gemacht
Fürs Studentenvisum genügt schon der fest bekundete Wille, im Lande Humboldts gut Deutsch lernen und dann möglichst studieren zu wollen. Eine Studienplatz-Zusage ist nicht zwingend notwendig, höchstens das Bewerbungsschreiben um einen Kollegiatenplatz bei der zuständigen Behörde, erklärt Harald Klingel, Vorsitzender und Sprecher der Direktoren von bundesweit 47 amtlichen Studienkollegs.
Der spätere Kollegiat Youssef Mohamad E. H. reiste schon Ende 2004 nach Deutschland ein und bewarb sich erst hier, von Mülheim an der Ruhr aus, nach Kiel, mit Erfolg für das Sommersemester 2005. Am Studienkolleg von Schleswig-Holstein in Kiel bestand er nach Angaben des Bildungsministeriums am 7. Juli seine Feststellungsprüfung. Zum kommenden Wintersemester, nach zwei Jahren Deutschlanderfahrung, hätte er sich einen Studienplatz an einer Fachhochschule suchen können.
Dass die Familienangehörigen des jungen Kollegiaten Verbindungen in radikal-islamische Kreise haben und deshalb Telefonate des Kieler Studienanwärters von einem libanesischen Geheimdienst abgehört wurden, erfuhren die deutschen Behörden offenbar erst dieser Tage.
Deutscher Sonderweg
Die deutschen Hochschulvermarkter verzeichnen seit Monaten starken Zulauf - wohl auch deshalb, weil Deutschland mit seinen laxen Bestimmungen international einen Sonderweg geht. In den USA hingegen wurden die Einreisebestimmungen für ausländische Studenten seit dem 11. September 2001 erheblich verschärft. Laut dem "Open Doors"-Report des "Institute of International Education" sank die Gesamtzahl der Gaststudenten in den USA im vergangenen Jahr um 1,3 Prozent, in den Jahren zuvor war der Rückgang noch deutlicher ausgefallen.
Dennoch sind US-Hochschulen nach wie vor die stärksten Magneten für Gaststudenten und zwar ohne irgendein zusätzliches Serviceangebot bei mangelnder Studierfähigkeit. Wer sich um einen Studienplatz in Harvard oder Stanford oder auch an einem Provinz-College bewerben will, legt seine Zeugnisse vor. Die Uni lässt die Papiere dann beispielsweise von den World Education Services (WES) in New York, der größten US-Agentur zur individuellen Einstufung von Nachweisen aus aller Welt, durchleuchten und klassifizieren. Darauf gibt es eine Absage oder Zusage, aber keine dritte Alternative wie das deutsche Studienkolleg.
Der deutsche Sonderweg der Kollegiaten-Hilfsschule lässt sich nur historisch erklären. In den vergangenen fünf Jahrzehnten ging es dabei in erster Linie um die Aufnahme von Flüchtlingen, von Ungarn bis Afghanistan, sowie um Entwicklungshilfe für die Dritte Welt und deren Führungsnachwuchs.
Inzwischen aber bieten praktisch alle diese Länder ihren Talenten eine Hochschulausbildung mindestens bis zum Bachelor. Vor diesem Hintergrund plädierten die Auslandsamtsleiter der deutschen Hochschulen schon vor fünf Jahren: "Ausländer, bei denen sicher ist, dass diese Kenntnisdefizite haben, die durch ein Studienkolleg erst noch überwunden werden müssen, sollten nicht mehr zugelassen werden."
"Kollegs schließen!"
Vor einem Jahr sprach sich auch der amtliche Landesrechnungshof von Nordrhein-Westfalen, dem Land mit den größten Studienkollegs bundesweit, für deren Schließung aus. Mit einem schlichten Argument: Geldverschwendung. Der Kölner Kollegleiter Klingel nennt ein Musterbeispiel: "Wer bei uns die Prüfung mit 4,0 besteht, aber doch Medizin studieren will, findet an Rhein und Ruhr bestimmt keinen Studienplatz, wahrscheinlich auch sonst nirgendwo." Am Ende des hoffnungsfrohen Weges in das vermeintliche Bildungsparadies stehen häufig Enttäuschung und die innere Abwendung vom Gastland.
Dennoch stehen in Deutschland gegenwärtig rund 5000 Kollegiatenplätze zur Verfügung. Und weitere Kollegs seien für die weit höhere Zahl von Bewerbern im Aufbau, betont Klingel. Die Kollegs sollen zunehmend Gebühren nehmen und Geld mit der Zuwanderung der potenziellen Akademiker machen. Lasset sie zu uns kommen, lautet die Geschäftsphilosophie, wir nehmen jeden gern, der zahlt.
"Was aber fehlt", gibt Klingel zu bedenken, "ist eine ausreichende Betreuungskultur in der Fläche, trotz einzelner Fördervorhaben des DAAD." Das Hauptmanko: "Wir pauken mit den Anfängern im Kolleg wie später im Grundstudium nichts anderes als Fachwissen. Im Unterschied zum US-College fehlt hierzulande die selbstverständliche Kombination von Science plus Education, die Einbindung der Einzelnen in Clubs und andere soziale Hochschulnetze."
Wie zum Beleg dieser These beschreiben Flurnachbarn im Studentenwohnheim Youssef Mohamad E. H. als höflich-distanzierten Einzelgänger, dem man ebenfalls so begegnet - höflich, aber gleichgültig.