Bergsteiger "Sturz ins Leere"
Er kann nicht gehen, weil sein Knie zertrümmert ist. Er kann nichts trinken, weil das Eis ihm sofort an den Lippen festfrieren würde. Und er kann nichts essen, weil er die Krümel des letzten Brots schon lange verschlungen hat. Der Bergsteiger Joe Simpson kann nur mitverfolgen, wie ihm das Blut in den Adern gefriert. Da glaubt er, himmlische Chöre zu hören. Doch nach einer Weile merkt er: Hier singen nicht die Engel, nein, die Pop-Band Boney M. trällert fröhlich "Brown Girl in the Ring". Da erwachen in Joe wieder die Lebensgeister. So darf es nicht enden, sagt er sich. Nicht zu einem Song von Boney M.
Mit viel Humor und großer Coolness erzählen die beiden britischen Bergsteiger Joe Simpson und Simon Yates in dem packenden Doku-Drama "Sturz ins Leere" von Kevin MacDonald, wie sie 1985 in den Anden einen Bergunfall überlebten. Auf dem Abstieg vom Siula Grande musste Yates, um sich selbst zu retten, seinen verunglückten Freund vom Seil abschneiden. Simpson stürzte in eine Gletscherspalte, von wo er sich Meter für Meter ins Basislager zurückkämpfte.
"Sturz ins Leere" ist eine eindringliche Studie menschlicher Überlebenskräfte und eines moralischen Dilemmas: Die Antwort auf die Frage, ob Yates nicht das eigene Leben hätten riskieren müssen, um seinen Freund zu retten, findet sich wohl nur irgendwo dort oben im ewigen Eis.
LARS-OLAV BEIER