Bildungskredite Anlage mit hohem Risiko
Ohne eigenes Gehalt wieder von den Eltern abhängig sein - an diesen Gedanken konnte sich Cornelia Kuckein nur schwer gewöhnen, als sie nach ihrer Berufstätigkeit im Personalwesen ein Studium in BWL und Informatik aufnahm. Das hat sich jetzt geändert, seit Kuckein einen Investor an Land gezogen hat. 300 Euro pro Monat bekommt sie von der Firma Career Concept für ihr Studium an der TU München. Im Gegenzug muss sie, wenn sie ihr Studium beendet hat, sechs Jahre lang fünf Prozent ihres Bruttogehalts an den Geldgeber zurückzahlen. Sicherheiten konnte sie den Gläubigern keine bieten - außer, dass sie sich im Auswahlverfahren der TU München behauptet hatte.
Dieses Finanzierungsmodell könnte bald Schule machen, sollte das Bundesverfassungsgericht das Verbot von Studiengebühren aufheben. Dann könnten häufiger private Investoren in die Bresche springen, um die Kosten eines Studiums vorzufinanzieren. Allein die Lebenshaltungskosten liegen nach Berechnungen des Studentenwerks bei 700 Euro pro Monat, künftige Studiengebühren könnten bei 500 Euro pro Semester liegen. David Schmutzler, Vorstand von Career Concept, glaubt, dass bei Einführung von Studiengebühren insgesamt 10,8 Milliarden Euro finanziert werden müssten.
Das Modell von Concept Career, bei dem private Geldgeber mit einer Renditeerwartung Geld vorschießen, ließe sich auch flächendeckend verwirklichen, meint David Schmutzler. Dann müssten allerdings staatliche Institutionen in Sonderfällen Ausfallbürgschaften übernehmen.
Abbrecherquote von 30 Prozent
"Das ist Träumerei", entgegnet Dieter Dohmen, Leiter des Kölner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS). Das Prinzip könne nur bei bestimmten Studiengängen funktionieren. "Wenn Sie versuchen, so ein Modell für Ethnologen von der Uni Greifswald oder Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler von der Uni Köln zu vermarkten, springen Ihnen die Investoren ab", meint Dohmen. Der angespannte Arbeitsmarkt und die hohen Abbrecherquoten von 30 Prozent machten Studenten zu einem unattraktiven Investitionsobjekt. In einem Arbeitskreis bat Dohmen Geschäftsbanken, den Risikoanteil eines Bildungsdarlehens zu schätzen. "Die haben gesagt: Das können wir nicht."
Die privat finanzierten Münchner Studenten kommen ausschließlich aus Fachbereichen, in denen die TU Studenten selbst aussucht. Zusätzlich werden die Kreditanwärter noch durch das Bewerbungsverfahren bei Career Concept gesiebt.
Auch die Banken stapeln erst einmal tief. "Es ist unmöglich, dass jeder Erstsemester, der seinen Studentenausweis auf den Tisch legt, einen Bankkredit mit der Aussicht auf spätere, glänzende Berufsaussichten bekommt", sagt Michael Lermer von der Deutschen Bank. "Das Risiko wäre so hoch, dass unattraktive Kreditkonditionen herauskämen." Denkbar sei höchstens ein Rahmenkredit für finanzielle Engpässe. Ein solches Produkt speziell für Studenten sei in der Entwicklung, die Konditionen sind aber noch unklar.
Am Ende müsste der Staat einstehen
In Ländern, die klassischerweise Studiengebühren erheben, hat sich die finanzielle Public Private Partnership längst etabliert. In Großbritannien vergibt die staatliche Students Loan Company Darlehen und verkauft wiederum ihre Forderungen gegen die Studenten auf dem Kapitalmarkt, um Geld hereinzubekommen. Der Staat trägt das Ausfallrisiko.
Amerikanische Studenten verlassen sich auf das Vermögen und die Kreditwürdigkeit ihrer Eltern oder nutzen den Sallie Mae Fund. Auch hier steht der Staat ein, wenn die Studenten ihren Kredit nicht abtragen können. Australien hat dagegen mit der Zahlungsmoral seiner Bildungselite üble Erfahrungen gemacht: Die Ausfälle in der Rückzahlung von Studienkrediten lagen bei 20 Prozent, die Regierung brauchte zehn Jahre, bis sich das Modell für sie rechnete.
Keine verlockende Aussicht für private Investoren. Sollten Studiengebühren kommen und deutsche Studenten flächendeckend auf private Geldgeber angewiesen sind, wird ohne Garantien durch den Staat wenig zu holen sein.
Hier sieht Leander Hollweg eine Marktlücke für ein neues Geschäftsmodell. Mit seiner Hamburger Firma Tenman feilt er an einer Kreditwürdigkeitsprognose. "Banken können den Zukunftswert einer Ausbildung bisher nicht berechnen", erklärt der Finanzierungsfachmann. Die Universität könnte dann für Studenten, die Bildungskredite nachfragen, Ratings bei der Bank einholen. "Kredite für alle Studenten ohne staatliche Risikoübernahme, das ging früher nicht. Heute ist das denkbar", sagt Hollweg.
Wie, das will er allerdings nicht verraten: "Betriebsgeheimnis." Erst in eineinhalb Jahren werde seine Idee marktreif sein.
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