Comedy-Kurs: Lachen nach Lehrplan - DER SPIEGEL
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Comedy-Kurs Lachen nach Lehrplan

Humor ist Knochenarbeit. Das merken Comedy-Autoren, die ihren Witz an einer Berliner Uni akademisch schulen: Unter Aufsicht von Gastdozenten wie Bastian Pastewka oder Hugo Egon Balder feilen die Studenten an Pointen fürs Fernsehen - und müssen harte Kritik verkraften.
Von Sassan Niasseri
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das klingt nach leicht verdientem Geld: Wie nennt man einen italienischen FKK-Strand? Nudelauflauf! Für diesen Witz zahlten die Produzenten einer Comedy-Sendung 111 Euro. Das mit der einfachen Arbeit aber will Frank Conrad, der Urheber, nicht auf sich sitzen lassen: "An einem gelungenen Gag arbeite ich manchmal Stunden, von 30 angebotenen werden vielleicht zwei akzeptiert - und das ist noch eine gute Quote."

Aufgeben wird Conrad, 28, nicht. Inzwischen schreibt er täglich - und kann davon leben. Abnehmer waren bisher zum Beispiel "Was guckst du?!" und "Anke Late Night". Er gehört jetzt zu einem freien Autorenpool von Sat.1.

Der Ex-Student der Berliner Universität der Künste (UdK) hat seinen Humor akademisch geschult. Conrad ist Absolvent des dreimonatigen "Sat.1 Talents Sketch-Comedy-Autoren-Seminars", das die Hochschule seit 2004 anbietet und die Grundlagen für eine Laufbahn im Comedy-Geschäft lehren soll. Die Bewerber - UdK-Studenten oder Autoren mit ausreichender Praxiserfahrung - reichen zwei Sketche ein, über die eine Jury urteilt. Wer nicht an der UdK eingeschrieben ist, zahlt allerdings eine Teilnahmegebühr von 580 Euro.

Kontaktbörse für Nachwuchsschreiber

Nach dem Seminar werden die Werke in der Abschlussveranstaltung der Comedy-Reihe "Der Blaue Montag" im Berliner Tempodrom aufgeführt. Bis dahin paukt, lacht, probt man gemeinsam.

Aber: Lässt sich das überhaupt nach Lehrplan vermitteln - witzig zu schreiben? Die Hochschule glaubt daran. Immerhin hat man sich mit Sat.1 einen Partner geholt, dessen Comedy-Formate für hohe Einschaltquoten sorgen. Und als Gastdozenten stehen Praktiker wie Hugo Egon Balder, Bastian Pastewka, Reiner Bender (Autor für "Sechserpack") oder Rolf Gade ("Mensch Markus") an der Tafel. Wer bei ihnen gute Beiträge abliefert, kann sich auch Hoffnungen auf Engagements machen.

So wird das Seminar zum Talentschuppen für eigenen Nachwuchs. "Warum auch nicht?", sagt Stefan Lehnberg, Absolvent im letzten Jahr. Der Theaterregisseur, der auch die Abschluss-Show im Tempodrom inszeniert, sieht nur Vorteile in der Kooperation. "Es ist eine Kontaktbörse, in der man tolle Schreiber kennen lernt." Lehnberg kam nicht als Student an die UdK, sondern als Mann mit jahrelanger Bühnenerfahrung.

Ein gelungener Gag ist Knochenarbeit

Gerade für Laien-Autoren gibt es kaum etwas Schwierigeres als den kreativen Umgang mit Humor. Ein gelungener Gag ist Knochenarbeit. Was ist, wenn keiner lacht? Die Angst vor Blamagen ist den 19 Teilnehmern nicht anzumerken. Viele flachsen herum, einer motiviert den anderen: "Lies doch diesen hier vor, den hast Du gut gemacht."

Denn heute ist Showdown. In der Vorwoche brütete man über eigene Sketche. Jetzt werden die Hosen herunter gelassen.

"Wer will?", fragt Seminarleiter Dietmar Jacobs in die Runde. In der Uni undenkbar: Fast alle melden sich, und mehr als einer schnippt eifrig mit den Fingern. Jeder möchte zeigen, wie witzig er ist.

Vielleicht liegt das daran, dass Jacobs als Gastkritiker Roger Schmelzer mitgebracht hat, den Chefschreiber von "Die Dreisten Drei" - eine der derzeit erfolgreichsten Comedy-Sendungen. Wer bei Schmelzer Eindruck macht, hat ihn vielleicht bald als neuen Auftraggeber. "Ein bisschen Leistungsdruck hat man da schon", findet Johanna Berger, 30. Kein Wunder also, dass sich heute die meisten Sketche um Schmelzers TV-WG drehen, in der sich die Dreisten Drei, Mirja, Markus und Ralf, miteinander herumplagen.

Das erste Rendezvous

Die erste Teilnehmerin legt los - und wie. Kaum jemand beschränkt sich nur aufs Vorlesen, da wird beim Reden grimassiert und gefuchtelt. Die Studentin skizziert die Szene: Ein Mann und eine Frau haben sich am Abend kennen gelernt, sie geht noch auf einen Kaffee mit hoch. Sie will Sex, er will ihr italienischen Kaffee anbieten. Und unter "Latte" verstehen beide nicht dasselbe. Zustimmendes Lachen der Kommilitonen.

Es sind klassische Sketche aus 50 Jahren Fernsehkabarett, an die da erinnert wird - voller Absurditäten, Missverständnisse oder peinlicher Entdeckungen: Ein Paar vor dem Traualtar. Die zwei im Bett. Stressiger Einkauf im Bioladen. Das erste Rendezvous. Solche aus dem Leben gegriffenen Szenen können zu großartigen Einfällen führen, das demonstrierte Loriot einst mit seinem legendären Nudel-Sketch. Man kann aber auch gnadenlos scheitern.

Roger Schmelzer, ein gemütlich dreinblickender Riese mit silbergrauem Haar, senkt zu jedem Vortrag den Kopf, schließt die Augen und lächelt selig, als wiege er sich mit Sketchen in den Schlaf. Doch seine Ruhe täuscht. Wieder aufgewacht, fällt Schmelzer harte Urteile. Was ein ungelernter Komiker vielleicht noch loben würde, fällt bei ihm durch.

Die Latte-Affäre? "Verbal intelligent, aber kein Lacher. Die Positionen von Mann und Frau sind unklar." Die Braut in der Kirche, die eine Affäre beichtet? "Old-School-Sketch, klarer Fall für Didi Hallervorden." Der Verkehrspolizist, der sich zusammen mit dem Temposünder über ein gelungenes Blitzanlagen-Foto freut: "Unrealistisch, absurd, würden wir nie bringen."

Die Teilnehmer seufzen leise, Schmelzer kommt in Wallung. "Die Zuschauer sehen die Pointe kommen: Das ist das Todesurteil", sagt er und zwinkert. Die Studentin kontert kokett: "Na, das ist doch gerade gut - jeder kann mir folgen." Ganz genau! Lachen im Seminarraum.

Steigerung, überraschende Wendung, Schlusspointe

Man kann's Schmelzer nicht wirklich recht machen, auch wenn er vereinzelt "gute Ansätze" lobt. Ein paar Teilnehmer schnippen noch immer mit den Fingern. Einer der abgeurteilten Autoren, der mit der Blitzanlage, steckt Schmelzer seine Mappe mit Sketchen zu. Vielleicht lässt sich ja doch was verwerten.

Später erzählt Schmelzer einen eigenen Sketch, den er für "Die dreisten Drei" schrieb - so einfach wie gelungen. Wieder die typische Rendezvous-Situation: Sie will, dass er auf einen Kaffee mit hochkommt. Er sagt, er mag keinen Kaffee. Als sie lasziv erwidert, sie habe auch keinen im Haus, schreit er los: Du willst mich also verarschen! - und stapft wütend davon. Steigerung, überraschende Wendung, Schlusspointe: Alles drin, alles dran.

Hinter einem guten Sketch, sagt Schmelzer, stecke oft jahrelange Übung. Um dann für seine Arbeit Anerkennung zu erfahren, müsse man penetrant sein. Unbekannten Schreibern hilft deshalb nur eines: Immer wieder Sketche beim Sender einschicken - und hoffen. "Da kann man gar nicht uncharmant genug sein", so Schmelzer, "in der Branche zählen Autoren eh nur als Halb-Kreative. Produzenten sagen: Hätte ich mehr Zeit, ich würd's selber machen!" Oft genug müsse man auf deren Druck alles umschreiben.

Auf die Fallhöhe kommt's an

Sketche sehen zwar aus wie ein leichtfüßiges Genre, funktionieren aber nach strengen Regeln. Dietmar Jacobs, zuletzt mit "Missfits - Der Tod ist kein Beinbruch" für den Grimme-Preis nominiert, verweist auf bestimmte Elemente als Grundlage der meisten Sketche. Entscheidend sei vor allem "die richtige Fallhöhe". Sie kennzeichne eine absurde Situation, in der Ernst und Heiterkeit dicht beieinander liegen, obwohl es keinen Grund dafür gibt: Der Heiratsantrag im Bestattungsinstitut ist so ein Fall.

Wer solche Regeln beherrscht, habe als Schreiber gute Chancen. "Kann man alles lernen", sagt Jacobs. Niemand werde als Gagschreiber geboren, "mit Theoriearbeit und Praxisübungen kommt man Stück für Stück voran".

Die Schlusspointe selbst sei dabei nicht immer wichtig, erklärt Jacobs am Kabarett-Beispiel Rüdiger Hoffmann. Der Westfale begeistere sein Publikum vor allem durch inszenierte Langsamkeit: "Bei ihm freut man sich, dasselbe immer wieder zu hören - Erzählungen ohne wirkliche Höhepunkte. Man weiß, wie es ablaufen wird, aber man freut sich darauf, gerade das zu hören."

Am Ende des Tages hat so mancher was auf den Deckel gekriegt, aber keiner der Teilnehmer ist unzufrieden. Zwei Monate sind es noch bis zum Abend im Tempodrom. "Man bekommt schon den Eindruck, Sketch-Autoren haben ein hartes Los", sagt Johanna Berger. Die Ausbildung im Seminar hat ihr gefallen. "Warum soll nicht gerade hier der Einstieg ins Geschäft gelingen?"

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