Das Bafög wird 30: Was blieb von der Vision? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Das Bafög wird 30 Was blieb von der Vision?

Studium soll - unabhängig vom Geldbeutel der Eltern - für alle möglich werden, versprach man 1971 mit der Einführung des Bafög. Drei Jahrzehnte später ist dieses Ideal noch nicht verwirklicht.
Von Ingo Butters
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zumindest zwei ehemalige Bafög-Empfänger wollen das 30-jährige Jubiläum der staatlichen Förderung so richtig feiern: Edelgard Bulmahn, Bundesbildungsministerin, und Guildo Horn, Schlagerbarde, wollen am Samstag auf der Ifa in Berlin eine große Geburtstagstore anschneiden. Happy Birthday, Bafög.

Viel Grund zum Jubeln bietet der runde Geburtstag eigentlich nicht. Zwar sagen drei Viertel der Empfänger, dass sie ohne Bafög nicht hätten studieren können. Doch 30 Jahre staatliche Unterstützung haben aus den Universitäten längst keine schichtübergreifende Ausbildungsstätten machen können: "Auf dem Weg zum Studium findet eine soziale Selektion statt", stellte vor kurzem Hans-Peter Rinkens, Präsident des Deutschen Studentenwerks, klipp und klar fest.

Nur noch 13 Prozent der Studenten kommen aus armen Familien. Der Anteil von Studenten aus besonders wohlhabenden Familien hat sich von 1982 bis heute dagegen fast verdoppelt. Die Entwicklung verwundert kaum. Der heute durchschnittliche Bafög-Satz - 232 Mark - liegt noch unter dem des Erstjahrgangs 1972. Damals gab es im Schnitt 270 Mark vom Staat. Zwei Drittel alle Studenten müssen sich heute mit Jobben über Wasser halten.

Von da an ging's bergab

Dabei trat man 1971 noch, so formuliert es das Studentenwerk, mit einer "Vision" an: Jeder, der geeignet und willens ist, muss die Möglichkeit erhalten, studieren zu können - unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Das wurde sogar - per Gesetz - zum einklagbaren Recht gemacht. Das Bafög gab es damals als Vollzuschuss vom Staat, fast jeder zweite Student erhielt die Ausbildungsförderung. Doch diese Niveau wurde nicht lange gehalten. Im Gegenteil: Eigentlich ging es nur noch bergab.

Der Anteil der Bafög-Empfänger sank kontinuierlich und erreichte 1998 mit 12,6 Prozent einen neuen Tiefststand. Vor allem in den achtziger Jahren wurde mit sozialromantischen Vorstellungen gründlich aufgeräumt. Ein besonderer Einschnitt war die Umstellung des Bafögs auf ein zinsloses Volldarlehen. Nach dem Studium mussten die Absolventen den gesamten Förderungsbetrag zurückzahlen. Nicht wenige starteten so mit einem Schuldenberg von mehreren zehntausend Mark ins Berufsleben. 1990 wurde dann das bis heute gültige Modell eingeführt: Jetzt muss nur noch die Hälfte des Bafögs zurückgezahlt werden.

Als 1998 Edelgard Bulmahn ans Ruder kam, wollte sie das System der staatlichen Studenten-Unterstützung unter dem Motto "Bafög für alle" radikal reformieren: Der Staat sollte jedem Hochschüler monatlich 400 Mark überweisen. Dafür sollten den Eltern Kindergeld und Steuerfreibeträge gestrichen werden. Doch mit der Idee konnte sich die Ministerin nicht durchsetzen. Bundeskanzler Schröder erteilte den Plänen eine Abfuhr - viele Familien hätten das Geld schon fest für die Abzahlung von Häusern oder Wohnungen eingeplant.

Neue Finanzspritze

Immerhin schaffte es Bulmahn, dem Finanzminister zusätzliche Mittel für das Bafög abzutrotzen. Insgesamt 1,3 Milliarden Mark mehr wollen Bund und Länder jährlich fürs Bafög ausgeben. Damit erreicht das Finanzvolumen das Niveau, dass 1982 zum Regierungsantritt Helmut Kohls allein für die alten Bundesländer üblich war. Mit dem zusätzlichen Budget sollen in diesem Herbst 81.000 neue Studenten in den Förderungskreis aufgenommen werden. Insgesamt würden dann 450.000 Hochschüler von der Ausbildungsförderung profitieren.

Doch um im internationalen Vergleich bestehen zu können, müsste diese Zahl wohl noch erheblich gesteigert werden. Laut einem OECD-Bericht nehmen in den Mitgliedsländern 45 Prozent der jungen Erwachsenen ein Studium auf. Die deutsche Quote ist erheblich niedriger: Nur knapp jeder Dritte findet den Weg in eine Universität.

Das soll - zumindest ein Stück weit - eine bundesweite Werbeaktion für die reformierte Ausbildungsförderung ändern. Auf Tausenden Plakaten steht in großen Lettern: "Du erreichst dein Ziel - mit dem neuen Bafög." Nur ob der Überbringer der Botschaft wirklich mehr Menschen für eine akademische Laufbahn begeistern kann, ist fraglich. Neben dem Slogan prangt - überlebensgroß und im gewohnten Outfit - der nur noch mäßig erfolgreiche Schlagersänger Guildo Horn.