Das letzte Studienjahr: Barbara im Backwahn - DER SPIEGEL
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Das letzte Studienjahr Barbara im Backwahn

Zwei Monate lang hat Examenskandidatin Barbara Domschky Fleißkärtchen gesammelt. Jetzt findet sie, dass es unendlich viele noch wichtigere Dinge zu tun gibt, als am Diplom zu feilen. Zum Beispiel Waschen, Bügeln, Backen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Mädchen streicht seine Haarsträhne aus dem Gesicht und klemmt sie hinter das rechte Ohr. Einen Augenblick später zerrt es diese wieder mit einem Bleistift hervor, lässt sie auf die linke Gesichtshälfte fallen und verstaut sie hinter dem anderen Ohr. "Aufgrund der normativen Dimension des Begriffes steht meine Arbeit methodisch in der Tradition hermeneutischer Interpretationsverfahren..."

Das Mädchen spricht schon seit circa 40 Minuten. Sowohl sein Name als auch das Thema seiner Diplomarbeit, die Bestandteil dieser Stunde ist, fallen mir nicht mehr ein. Meine Kopie liegt noch unangetastet vor mir, während jene meines Nachbarn mit Ausrufe- und Fragezeichen und Anmerkungen in verschieden Farben übersät ist. Sein Gesicht trägt die deutlichen Spuren einer zu schnell durchgeführten Rasur, und am Haaransatz sehe ich, dass...

Nein! Stopp! Ich muss damit aufhören! Ich sollte mich auf diese Stunde konzentrieren und versuchen, größtmöglichen Nutzen aus dem "Oberseminar für ExamenskandidatInnen" zu ziehen.

In zwei Wochen muss ich an dieser Stelle meine Diplomarbeit vorstellen, und angesichts der knappen Zeit, die mir bis zu meinem Abgabetermin in weniger als zwei Monaten noch bleibt, sollte ich mindestens genauso engagiert und konzentriert wie der Kollege neben mir sein.

Fleiß als ganz neue Erfahrung

Hätte ich meinen Arbeitseifer der letzten zwei Monate beibehalten, würde mich das hermeneutische Interpretationsverfahren des vortragenden Mädchens mehr interessieren als seine Haarsträhne oder das fahrlässig rasierte Gesicht meines Kommilitonen. Mein Fleiß war eine völlig neue Erfahrung für mich. Noch nie zuvor habe ich bei einer Verabredung zum Mittagessen nach 20 Minuten ungeduldig auf die Uhr geschaut, um nicht zu viel wertvolle Zeit mit solchen Nichtigkeiten zu vergeuden.

Ich konnte über fast nichts anderes als meine Arbeit reden. Auftretende Probleme brachten mich fast um den Verstand, und über ihre Lösungen freute ich mich mehr als über die Entdeckung eines 100-Euro-Scheins in einem Geburtstagsumschlag vom letzten Jahr.

Seit einigen Tagen nerve ich niemanden mehr mit meiner Arbeit. Mein noch bis vor kurzem geschulter Blick geht morgens die Zeitung nicht mehr rasterartig nach arbeitsrelevanten Informationen durch. Vielmehr interessieren mich das Fernsehprogramm am Abend oder die Anzeigen für Urlaubshäuser am Mittelmeer. Ich habe mir bei Tchibo ein Dinkelkissen gekauft und nach einem Rezept aus "Backen und Kochen in deutschen Landen" ein Sauerteigbrot gebacken. Ich wasche fast täglich alles, was ich in die Finger kriege.

Ich frage mich, ob ich schon heute oder doch erst nächste Woche aufgeben soll. In wenigen Wochen ist Abgabetermin, und anstatt nonstop zu büffeln, entdecke ich das enorme Ablenkungspotential der häuslichen Arbeit. Mein anfänglicher Arbeitswahn hat sich kurz vor dem Zenit verabschiedet und mich mit dem Gefühl wissenschaftlicher Gleichgültigkeit zurückgelassen.

Verwechselt und aufgeweckt

"Kommen Sie bitte kurz zu mir!" Ich schrecke auf, die Stimme galt wohl mir. Der Prof winkt mich zu sich. Um mich herum erhebt sich Stimmengewirr, Taschen werden gepackt. "Ich hoffe doch, dass Sie für Ihre Arbeitsvorstellung nächste Woche gut vorbereitet sind? Frauenpolitik in Chile? Nein, entschuldigen Sie, Venezuela, richtig?" - Ich schaue ihn verwirrt an. Nächste Woche? Und Frauenpolitik in Chile? Mir wird ganz schlecht, und vor Aufregung gebe ich ein dämliches Lachen von mir.

Ich versuche, den Irrtum möglichst souverän aufzuklären. Ihm ist die Verwechslung unangenehm. Er kramt in seiner Tasche und drückt mir eine Broschüre in die Hand: "Vielleicht ist das von Interesse für Sie!" Auf dem Umschlag steht "Master of Peace and Security Studies/Universität Hamburg - Informationsmaterialien für Hochschulabsolventen".

Plötzlich fühle ich mich richtig ausgeschlafen. Die häuslichen Pflichten erscheinen mir gerade ziemlich unwichtig, und ich laufe hinter den anderen Examenskandidaten her, die sich diskutierend auf den Weg zum Mittagessen machen.