Dauer-WG: Schmutzfinken gegen Pingel-Putzer - DER SPIEGEL
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Dauer-WG Schmutzfinken gegen Pingel-Putzer

Die Mitglieder einer Frankfurter Wohngemeinschaft leben schon seit 13 Jahren zusammen. Sie sind dem Studentenalter längst entwachsen - und streiten sich immer noch über Putzplan und Zimmerrenovierungen. Die Lösung: Basisdemokratie und klare Regeln.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt/Main - Wenn in der Fritzlarer Straße 18 das Abendessen serviert wird, sitzen bis zu 21 Personen am Tisch. Eine der letzten Großfamilien? Nein, eine Hausgemeinschaft. 16 Erwachsene und fünf Kinder teilen sich in dem Frankfurter Altbau vier Etagen, von denen eine ganz dem Zusammenleben gewidmet ist.

Hier befinden sich zwei Gemeinschaftsräume und vor allem Küche und Esszimmer. Jeder Mitbewohner hat ein Mal pro Woche Küchendienst, dazu gehört auch putzen und einkaufen, "den Rest der Woche wird dann für einen gekocht", beschreibt Burkhard Grießenauer den großen Vorteil dieser Regelung.

Das Beeindruckende an der Wohngemeinschaft: Sie funktioniert bereits seit 13 Jahren. Die meisten Bewohner sind aus der Studentenzeit herausgewachsen, die jüngste Erwachsene ist 30. Mit so viel Beständigkeit hatte Mitbegründer Jens Wissel selbst nicht gerechnet, als er 1991 gemeinsam mit acht Freunden drei leer stehende Wohnungen in dem Haus besetzte. Inzwischen haben die Bewohner das Gebäude gekauft.

Komplizierte Finanzierung

Möglich machte dies neben einem für Frankfurter Verhältnisse günstigen Preis ein Finanzierungsmodell, das die Freiburger Initiative "Mietshäuser Syndikat" eigens für Hausprojekte entwickelt hat: Zusätzlich zu einem Bankkredit, der mit Hilfe der Mieten wieder abbezahlt wird, werben die Bewohner Direktkredite von Verwandten und Bekannten ein. Als dritter Baustein kommt ein Zuschuss des Mietshäuser Syndikats hinzu, gezahlt aus einem Solidarfonds bestehender Projekte, die bereits einen Teil ihrer Schulden abbezahlt haben.

Im Gegenzug verpflichteten sich die Bewohner der Fritzlarer Straße, ebenfalls in den Fonds einzuzahlen, sobald sie finanziell aus dem Gröbsten raus sind. Und: Sollte sich die Gruppe eines Tages auflösen, so könnte sie ihr Haus nicht einfach Gewinn bringend verkaufen. Als Mitgesellschafter hätte das Syndikat das Recht, neue Mieter zu suchen, um billigen Wohnraum zu erhalten.

Bundesweit betreut das Mietshäuser Syndikat mittlerweile 14 Projekte sowie ein Dutzend Gruppen, die noch nach geeigneten Häusern suchen.

"Mit Mütze und Schal ins Bett"

Seit dem Hauskauf hat sich in der Frankfurter "Fritze", wie die Bewohner ihr Projekt liebevoll nennen, einiges geändert. Seit einem Jahr hat der Altbau Heizung, zurzeit werden die Fenster ausgetauscht - nach über zehn Jahren mit Öfen und Durchzug. "Im Winter ging man mit Mütze und Schal ins Bett", sagt Grießenauer.

Warum macht man so etwas jahrelang mit? Natürlich, in der "Fritze" zu wohnen war billig, selbst nach Hauskauf und Sanierung sind die Mieten noch vergleichsweise günstig. Und: "Arbeitslosigkeit und andere Notlagen können von der Gemeinschaft aufgefangen werden", sagt Eric Bensch.

Die Solidarität geht aber über das Finanzielle hinaus. "Es ist nirgends so einfach, jemanden zu finden, der auf das Kind aufpasst, wenn man mal weggehen will", sagt der kinderlose Wissel. Als eine Mutter eine Zeit lang vor Öffnung des Kindergartens zur Arbeit musste, wechselten sich die Mitbewohner ab, um das Kind dort abzuliefern.

Basisdemokratie ist Pflicht

Arbeit ist das Zusammenleben natürlich auch: Neben dem Koch- und Putzdienst ist die Teilnahme an der regelmäßigen Hausversammlung Pflicht. Im so genannten Plenum wird alles besprochen: Die Renovierungsarbeiten, manchmal die Aufnahme neuer Mitbewohner, manchmal Konflikte, die in einer großen Gruppe zwangsläufig entstehen. Um das Putzen tobten sie jahrelang - inzwischen gibt es strikte Regeln, wie zum Beispiel die Küche hinterher auszusehen hat.

"Es ist ganz gut, Standards festzulegen, weil bei so vielen Leuten die Ansprüche unterschiedlich sind", sagt der ehemalige Hausbesetzer Wissel. Zeitweise habe sich die Gemeinschaft sogar in zwei Fraktionen geteilt, die Schmutzfinken und die Pingeligen sozusagen. Dass die "Fritze" all diese Zerreißproben überstanden hat, hat den Bewohnern schließlich zu ihrem Kredit verholfen: Eine Hausgemeinschaft, die bei geringer Fluktuation seit über zehn Jahren hält - das wirkte Vertrauen erweckend.

Barbara Schäder, AP

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