Dauergäste im Talk-TV: Prof. Dr. Blablabla - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Dauergäste im Talk-TV Prof. Dr. Blablabla

Schuldenmisere, Jugendkriminalität, Klimawandel: Zum Glück gibt es für jedes Übel im Fernsehabendland einen Professor, der es gern wortreich erläutert. Der UniSPIEGEL präsentiert eine fiktive Talkshow, gemixt aus echten Zitaten akademischer Welterklärer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Fotostrecke

Talkshow-Dauergäste: Aufmarsch der Welterklärer

Foto: dapd

Frank Plasberg am Montag, Sandra Maischberger am Dienstag, Anne Will am Mittwoch, Reinhold Beckmann am Donnerstag, Günther Jauch am Sonntag nach dem "Tatort", und das ist erst die ARD. Hinzu kommen Maybritt Illner, Markus Lanz und Co. Sie drängeln sich auf allen Kanälen, überall, jeden Abend.

Und sie brauchen, dringend, Experten.

Da kommen den Redaktionen eitle Professoren und Dozenten wie gerufen. Die können inzwischen auch genauso gut poltern wie Politiker. Und genauso hübsch Phrasen dreschen. Der UniSPIEGEL hat aus ihrem Gedröhn eine Collage gemacht. Genauer Wortlaut, nichts erfunden, ein Remix aus Interviews und Zeitungsartikeln.

UniSPIEGEL: Guten Abend, wir begrüßen die geballte Krisenkompetenz aus diversen Hochschulen zu einem Gipfeltreffen. Zuletzt war an dieser Stelle viel von Wirtschaft die Rede, deshalb fangen wir ausnahmsweise einmal mit dem Klima an. Wie ist es um den Zustand der Welt bestellt, Herr Rahmstorf?

Rahmstorf: Wahrscheinlich wird auch bei zwei Grad Erwärmung der Meeresspiegel in den nächsten 200 Jahren so weit steigen, dass wir einige Inselstaaten und Küstenstädte aufgeben müssen.

UniSPIEGEL: Dazu könnte auch Hamburg gehören, hier, dieses Studio. Wird es wirklich so schlimm?

Rahmstorf: Der Mensch heizt mit seinen Treibhausgasen das Klima immer weiter auf, daher schmilzt das Landeis immer rascher und der Meeresspiegel steigt immer schneller.

UniSPIEGEL: Wenn das so weitergeht, dann heißt es ja wohl bald: Pack die Badehose ein! Sie widersprechen, Herr Latif?

Latif: Was in Zeiträumen von 300 bis 400 Jahren passiert, ist höchst umstritten. Derzeit hat die Erwärmung eine Pause eingelegt.

UniSPIEGEL: Wir können uns also entspannen, weil der Untergang ins Wasser fällt?

Latif: Wir haben in der Vergangenheit vielleicht zu stark suggeriert, dass die Entwicklung in einer einfachen, geraden Linie immer weiter nach oben führt. Tatsächlich sind Phasen der Stagnation oder gar Abkühlung ganz normal.

UniSPIEGEL: Stichwort Abkühlung, die erleben wir ja auch gerade in der Weltwirtschaft. Was lässt sich gegen die Schuldenkrise tun?

Sinn: Wir müssen jetzt den Geldhahn zudrehen. Sonst ist das der Weg in den Untergang Europas.

UniSPIEGEL: Hilft das Prinzip schwäbische Hausfrau auch Griechenland? Dort beging man...

Sinn: ...eine große Party am Mittelmeerstrand. Erst einmal waren die Zinsen, die die Griechen zahlen mussten, wesentlich geringer als vor der Euro-Ära. Sodann haben sie sich hemmungslos verschuldet. Beides half, ein Schlaraffenland aufzubauen.

Bofinger: Höhere Defizite können sich lohnen. Wenn alle sparen wollen, schaffen sie es nicht. Denn wer sparen will, der braucht immer jemand anderen, der Schulden machen will.

UniSPIEGEL: Hey, Big Spender... Immerhin lehren Sie und Herr Sinn dasselbe Fach. Warum sind die Wirtschaftswissenschaftler so uneins?

Baring: Ich glaube, dass unser Land tief gestört ist, weil die Traumatisierung durch das "Dritte Reich" nie verarbeitet werden konnte.

UniSPIEGEL: Der Nationalsozialismus verunsichert uns noch immer?

Baring: Es war eine Folge von 68, dass man die gesamte deutsche Geschichte so interpretierte, als habe sie zwangsläufig zum Holocaust geführt. Das wurde irgendwann Allgemeingut.

UniSPIEGEL: Also verunsichern uns die 68er? Was haben sie denn noch alles angerichtet?

Lauterbach: Grillen nach Urinstinkt, mit dem Grill von der Tanke, ist eine extrem ungesunde Art, ungesundes Fleisch zuzubereiten.

UniSPIEGEL: Sie scheinen Ihre Rolle als Spaßbremse zu genießen, Herr Lauterbach. Warum predigen Sie ohne Unterlass, gesund zu leben?

Lauterbach: Wichtigstes Ziel ist die gerechte Kostenverteilung. Wir wollen, dass die Arbeitgeber wieder denselben Anteil an den Gesundheitskosten tragen wie die Arbeitnehmer.

Safranski: Das aus freiem Entschluss intendierte Böse ist der finstere Zwillingsbruder des aus freiem Entschluss intendierten Guten.

Vorsicht, Fersehabendland: "Jugendgewalt ist ein Eisberg"

UniSPIEGEL: Danke für den leicht verständlichen Tiefgang, Herr Safranski. Doch wie lassen sich solche Weisheiten auf aktuelle Probleme übertragen?

Sloterdijk: Da wir nun in einer Kultur der immer weiter gehenden Eintauchverhältnisse uns bewegen, ist es unausweichlich, dass die 3-D-Zivilisation in dieser Richtung auch die Menschen weiter erfassen wird.

UniSPIEGEL: Sie sprechen in Rätseln. Was ist Ihre Diagnose?

Sloterdijk: Als Zeitdiagnostiker ist es mein Beruf, in den Eingeweiden des Zeitgeistes zu lesen. Man weiß nie wirklich, woran man mit dem deutschen Feuilleton ist.

Meckel: Wer einmal im Hamsterrad ist, der kommt kaum wieder da raus.

UniSPIEGEL: Sie haben ein Buch geschrieben, das wir wie vereinbart in die Kamera halten, es heißt "Brief an mein Leben - Erfahrungen mit einem Burnout". Wie kam es zu Ihrer persönlichen Krise?

Meckel: Mein Grundproblem war, dass ich zwischen Arbeit und Ausspannen nie wirklich eine Grenze gezogen habe, weil die Übergänge fließend waren.

Langguth: Ein Spitzenpolitiker muss Schrammen haben, muss durch Stahlgewitter gegangen sein. Das erdet ihn, das macht ihn menschlicher.

UniSPIEGEL: Über die Politik hatten wir in der Tat noch nicht gesprochen. Was zeichnet einen guten Politiker aus?

Falter: Steinbrück kommt in den Medien besonders gut an, weil er auch gern mal einige Attacken ohne Rücksicht auf Verluste reitet.

UniSPIEGEL: So wie Sie selbst?

Falter: Man muss für den Deutschlandfunk sechs bis acht Minuten reden können, aber auch in der Lage sein, für RTL in 40 Sekunden etwas zu sagen.

UniSPIEGEL: Welchen Anteil haben die Medien an der allgegenwärtigen Krisenstimmung?

Bolz: Wenn es dem ZDF ernst wäre mit seinem Bildungsauftrag, müsste es völlig auf Shows wie "Wetten, dass...?" verzichten.

UniSPIEGEL: Eine bessere Welt ohne Fernsehshows?

Pfeiffer: Jugendgewalt ist ein Eisberg. Man sieht nur die Spitze.

UniSPIEGEL: Was also tun?

Pfeiffer: Computer müssen raus aus den Kinderzimmern.

Kemfert: Die deutsche Wirtschaft kann wie keine andere vom Boom der grünen Branchen profitieren.

Raffelhüschen: Würden die Deutschen auch nur halb so viel Zeit für ihre Altersvorsorge aufbringen wie fürs Fußballschauen, wäre viel gewonnen.

UniSPIEGEL: Meine Damen und Herren, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Moderation: Jan Friedmann


In der Reihenfolge ihres Auftretens:

Stefan Rahmstorf , 51, Professor für Physik der Ozeanean der Universität Potsdam; Mojib Latif, 57, Professor am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel

Hans-Werner Sinn , 63, Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der LMU München und Präsident des Ifo-Instituts

Peter Bofinger , 57, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

Arnulf Baring , 79, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der FU Berlin

Karl Lauterbach , 48, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Köln und SPD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag

Rüdiger Safranski , 66, ehemals wissenschaftlicher Assistent in Germanistik an der FU Berlin

Peter Sloterdijk , 64, Professor für Philosophie und Medientheorie, Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe

Miriam Meckel , 44, Professorin für Unternehmenskommunikation an der Universität St. Gallen

Gerd Langguth , 65, Honorarprofessor für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn und Autor mehrerer großer Politiker-Biografien

Jürgen Falter, 67, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mainz

Norbert Bolz, 58, Professor für Sprache und Kommunikationan der TU Berlin

Christian Pfeiffer , 67, emeritierter Professor für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Universität Hannover und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen

Claudia Kemfert, 43, Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin

Bernd Raffelhüschen, 54, Professor für Finanzwirtschaftan der Universität Freiburg.