Denk mal!: RELATIVES LERNEN - DER SPIEGEL
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Denk mal! RELATIVES LERNEN

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dass die Zeit unterschiedlich schnell vergeht, liegt daran, dass der Weltraum gekrümmt und sowieso alles irgendwie relativ ist. So jedenfalls stellen wir Laien uns das vor.

Die Zeit, die man braucht, um zum Experten für ein beliebiges Fachgebiet heranzureifen, vergeht ebenfalls unterschiedlich schnell. Wer aber meint, das liege daran, ob man zur neuerdings verteufelten Spezies der Langzeitstudenten zählt oder sich mit hohen Studiengebühren im Schnellgang durch eine Privat-Uni peitschen lässt, liegt relativ falsch. Die Wahrheit ist: Das Tempo der Expertenbildung hängt eindeutig davon ab, ob gerade Semesterferien sind oder nicht.

Während der Studienzeit geht alles furchtbar langsam.

Schon ein simples Referat kostet unendlich viel Zeit, und danach ist man beileibe kein Fachmann, sondern hat bestenfalls bewiesen, dass man die Forschungsergebnisse eines echten Experten in einigermaßen freier Rede aufsagen kann.

Selbst ein abgeschlossenes Hochschulstudium garantiert noch kein Expertenwissen: Nicht selten beginnt der erste Tag im Berufsleben mit der jovialen Aufforderung: "Nu vergessen Se mal alles, was Sie gelernt haben."

Ganz anders ist die Situation in den Semesterferien. Um zum Fachmann für, sagen wir mal, die besten Tavernen im Großraum Nordgriechenland zu werden, reicht in der Regel schon ein Retsina- und Dia-Abend beim Kommilitonen. Der war vergangenes Jahr vor Ort, nennt alle Wirte beim Vornamen und weiß, was "Bitte ohne Ziegenkäse" auf griechisch heißt.

Wer mit Interrail durch Europa fährt, ist schon zum Fahrplanexperten geworden, noch bevor er deutschen Boden verlassen hat. Und schnell weiß er, in welchen Baumarkt er hätte gehen müssen, um jenen merkwürdigen Schlüssel zu kaufen, mit dem man spanische Abteile von innen abschließen und sich so vor einheimischen Platzkarteninhabern schützen kann.

Wer einen Ferienjob macht, ist binnen Wochenfrist Fachmann für das industrielle Befüllen von Einmachgläsern mit Essiggurken und erwirbt in Tagesfrist Kompetenz in fast allen sozialen Fragen der Arbeitswelt ­ vom frühen Aufstehen über die Rezeption der "Bild"-Zeitung bis hin zu der Erkenntnis, dass ein gekrümmtes Weltall am Abend relativ weniger schmerzvoll ist als ein krummer Rücken vom Job am Fließband.

Ansbert Kneip