Der Herr Studiosus Diese Leichtigkeit
Letzten Samstag wachte ich auf und dachte, diesen Tag wird man später einmal nach mir benennen. Ich hatte diese ungeheure Leichtigkeit ... diese Leichtigkeit, mit der man eine Frau verführt und vorher noch ein Fußballspiel allein entscheidet. Ob die Frau Nora Tschirner heißt, ob man mit fünf Toren hinten liegt, das spielt an solchen Tagen überhaupt keine Rolle. Diese Leichtigkeit ist unwiderstehlich, für Frauen und Verteidiger. Man glüht, man strahlt, man rauscht so durch den Tag. Man weiß: Heute greife ich nur ins oberste Regal.
Diese Leichtigkeit kam wie auf Bestellung, denn um 15 Uhr wartete der Hassgegner. Ich lag noch im Bett und überlegte, ob ich mich erst Mitte der zweiten Halbzeit einwechseln lassen sollte: Den Hassgegner in nur 20 Minuten auseinanderzunehmen, das hätte schon was.
Draußen schiffte es. Ich wickelte mich in meine Decke und blieb noch ein wenig liegen.
Der Tag wäre wie gemalt, würde ich nach dem Spiel noch die schönste Frau aus dem Ort des Hassgegners rumkriegen. Die schönste Frau aus dem Ort des Hassgegners ist fünf Jahre älter als ich und heißt Helga. Das ist nicht ihre Schuld. Entscheidend sind für mich ohnehin andere Dinge. In Helgas Fall: Sie sieht aus wie ein Hauptgewinn und kommt aus dem Ort des Hassgegners. Laut einer gemeinsamen Bekannten hat Helgas Traummann schwarze Haare, Steuerklasse I und ist Mitte 30. Heute Abend würde es dann ein mittelloser Student sein, blond und Mitte 20.
Der Typ hat 'ne Meise, aber Rückenwind
Vielleicht würde Helga sogar am Platz stehen und zuschauen, dann könnte ich ihr ein Tor widmen. Im Film "Tagebuch eines Skandals" verführt ein verzogener 15-Jähriger so seine Lehrerin, gespielt von Cate Blanchett. Wenn man mit einem schnöden Abstauber Cate Blanchett kriegt, sollte es doch auch für die schöne Helga reichen, dachte ich.
Abends war Bauernball im Hassgegner-Dorf. Dort würde ich mich mit Helga verabreden, sie betrunken machen und ihr mit aufgeblasenen Geschichten über mein Studentenleben in der Großstadt endgültig den Kopf verdrehen. Wir würden knutschen, und dann würde ich mich mit meinem Hauptgewinn an der Hand den ganzen Abend auf dem Bauernball im Dorf des Hassgegners zeigen. Wir würden tanzen und von Bierbude zu Bierbude gehen, mein Arm um ihre Schultern, hoch und runter durch den Saal, damit uns ja kein Spieler des Hassgegners übersähe.
Ich stand auf und lief ins Bad. Weil ich aus lauter Vorfreude anfing zu tanzen, hätte ich mich unter der Dusche fast auf die Klappe gelegt. Nachdem ich mich abgetrocknet hatte, klingelte das Telefon. Es war mein Trainer.
"Mahlzeit Paul. Spiel fällt aus, Plätze stehen alle unter Wasser."
"Was? Der Hassgegner spielt doch bei jedem Wetter!"
"Aber wir nicht. Schönes Wochenende noch. Und Dienstag ist Training."
Aber wir nicht. Hassgegner, Hasswetter, Hasstrainer ... Alles drittrangig, wenn man diese Leichtigkeit hat.
Ist es jetzt vorbei mit den Weihnachtsgeschenken?
Ich zog mich um und ging laufen, um beim Nachholspiel gegen den Hassgegner in Topform zu sein. Es regnete immer noch, doch die Tropfen fielen an mir vorbei; egal, in welche Richtung ich lief, ich hatte den Wind immer im Rücken.
Als ich wieder zu Hause war und klingelte, machte niemand auf. Ich guckte unter die Fußmatte, unter den Blumenkübel und den losen Klinkerstein. Nirgendwo lag ein Schlüssel. Ich dachte: Was ist da los? Meine Eltern sind noch nie weggefahren, ohne mir einen Schlüssel rauszulegen. Halten sie mich jetzt endgültig für erwachsen? Muss ich bald aus meinem Zimmer raus, weil sie es an einen arbeitslosen Musiker vermieten wollen? Bekomme ich Weihnachten keine Geschenke mehr?
Ich setzte mich in den Hauseingang und wurde ein bisschen melancholisch. Die Leichtigkeit war plötzlich verflogen. Vermutlich lag es am Regen. Wie reagiert man, wenn man von seinen Eltern so enttäuscht wird? Ich hätte zu meinen Großeltern gehen können. Aber die waren tot beziehungsweise für zwei Wochen auf Sylt.
Hätten auch mal fragen können, ob ich nicht mitkommen will, dachte ich. Früher wurde man ständig zum Wassertreten nach Bad Dingenskirchen mitgeschleppt, aber auf Sylt bleiben Oma und Opa lieber unter sich.
Zu den Nachbarn konnte ich auch nicht gehen. Hörnschemeyer hatte vor zwei Jahren angefangen zu saufen, seitdem öffnete er die Tür nur noch für den Mann vom Getränkehandel. Und bei Hawighorsts hing mein Steckbrief in der Küche.
Ich hatte beim Osterfeuer mal aus Versehen mit der Tochter geknutscht, die deshalb gleich ihren Freund verlassen musste. Wahrscheinlich träumte sie davon, wir würden heiraten und dann zwischen den Grundstücken unserer Eltern bauen. Sie schrieb mir jedenfalls sehnsüchtige Liebesbriefe, voll von Rechtschreibfehlern, die ich allen meinen Freunden zeigte, aber nie beantwortete. Als ich einige Wochen nach dem letzten Brief bei uns im Garten stand, riefen mir ihre Brüder über die Hecke zu, ich solle auf die Straße kommen, dann würden wir die ganze Angelegenheit wie richtige Männer klären ...
"Hallo Helga, hier ist der besoffene Eisbär"
Nach einigen Stunden kamen meine Eltern wieder und fragten mich, warum ich mit meinen nassen Klamotten den Hauseingang zusaue, der Haustürschlüssel liege doch im Zeitungskasten. Ich fragte meine Eltern, ob sie mein Zimmer vermieten wollen. Meine Mutter sagte, ich hätte zu lange auf den kalten Steinen gesessen und solle jetzt mal besser unter die Dusche gehen.
Das tat ich. Dieses Mal, ohne zu tanzen.
Unter der Dusche fragte ich mich dann, warum sich die schöne Helga überhaupt mit einem wildfremden Studenten treffen sollte, der fünf Jahre jünger war als sie und ihr noch nicht mal ein Tor gewidmet hatte. Bisher hatten wir uns auch erst einmal unterhalten, und zwar auf einer Beach-Party der bereits erwähnten gemeinsamen Bekannten. Da ich Beach-Partys ziemlich bescheuert finde, kam ich im Eisbärkostüm und parkte erstmal an der Theke. Durch die Hitze unter dem Pelz war ich nach zwei Stunden breit wie ein Feldweg.
Am Telefon müsste ich mich wahrscheinlich mit "Hier ist der besoffene Eisbär" melden, damit sich Helga überhaupt an mich erinnerte. Wahrscheinlich müssten wir dann über ziemlich viel dummes Zeug reden, bevor sie meine Einladung auf den Bauernball abschlagen würde, weil sie wahrscheinlich schon mit dem Torwart des Hassgegners verabredet war. Oder, noch schlimmer, mit dem Libero, diesem hässlichen Karussellbremser.
Der Tag begann damit, dass ich diese Leichtigkeit hatte und dachte, heute würde ich nur ins oberste Regal greifen.
Der Tag endete damit, dass ich mir das Eisbärkostüm anzog, in mein Zimmer ging und mich betrank.
Manchmal, dachte ich, möchte ich ein Eisbär sein, im kalten Polar.
Dann müsste ich nicht mehr schrein.
Alles wär so klar.