Der Zwist treibt bizarre Blüten - DER SPIEGEL
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Der Zwist treibt bizarre Blüten

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Vierter Akt: Mit dem gelben Stern vorm Gefängnis

1998 kandidiert der parteilose Wissenschaftler Rössler bei den Bundestagswahlen erfolglos für die PDS. Seinen Lehrverpflichtungen geht er gewissenhaft nach - aber stets im Spezialgebiet seiner angestammten Professur. Die Universität verzichtet auf weitere Versuche, ihn für Einführungsvorlesungen einzuteilen. Professuren im Ausland darf er aber auch nicht annehmen.

Derweil treibt der Zwist bizarre Blüten. Zu Geldstrafen, ersatzweise Haft, wurde Rössler bereits verurteilt. Nun findet er sich immer wieder vor dem Tübinger Gefängnis ein, stets mit einem "gelben Stern an der richtigen Stelle". "Seit fünf Jahren demonstriere ich dort jeden Werktag, um die berufliche Vernichtung einer Professorenfamilie abzuwenden", sagt Rössler.

Fünfter Akt: Neun Graffiti, keine Schonbezirke

Nach dem rechtskräftigen Urteil mit der rückwirkenden Entlassung Reimara Rösslers denken die Landesbeamten nicht daran, von ihrer Geldforderung abzurücken. Immer verzweifelter wehrt das Ehepaar sich gegen den drohenden Verlust des "wunderschönen Hauses" nahe Füssen. Mit Anzeigen in der Lokalzeitung erklärt Reimara Rössler ihre Lage und bezichtigt die Universität zugleich der Lüge. Außerdem reicht sie ein Gnadengesuch beim Ministerpräsidenten ein. Ohne Erfolg: Das Landesamt für Besoldung hatte nach Angaben von Otto Rössler 1995 bereits 100.000 Mark von einem privaten Konto gepfändet und lässt jetzt für 635.000 Mark das Haus versteigern, das Reimara Rössler von ihren Eltern geerbt hatte.

Als der renitente Chaosforscher die Uni-Aula mit Graffiti besprüht, will Uni-Präsident Eberhard Schaich nach kurzer Denkpause auf eine Strafanzeige nicht verzichten: "Es kann nicht sein, dass wir Studierende für so etwas anzeigen und bei Herrn Rössler eine Ausnahme machen." Schonbezirke für Universitätsmitglieder könne es nicht geben. Ob die Universität auch disziplinarrechtlich vorgeht, ist noch offen.

Epilog: Paranoia oder Zorn der Gerechten?

Über all die Jahre wurde Otto Rösslers Diktion schärfer. Seine Sprühaktion bezeichnet er als "Hilfeschrei", als "flehentliche Bitte an die Hochschule, sich nicht wie eine Pogrom-Universität zu verhalten". Nichts als Redlichkeit fordere er. "In all den Jahren hatte nicht ein Einziger an der Universität die Courage zu sagen: Wir sind im Unrecht." Schließlich seien er und seine Frau die einzigen Professoren in Westeuropa, die "entrufen" worden seien und "Zwangsprofessuren" erhalten hätten. Ein einziges Wort des Widerrufs könne die "Verfolgung" beenden.

Seine Forschung und Lehre hat der Konrad-Lorenz-Schüler trotz des Dauerkonflikts nie aufgegeben. Im Gegenteil: Er schwärmt von den Chancen des Internet und arbeitet nach Kräften an seiner Vision von der virtuellen Stadt Lampsacus nach hellenischem Vorbild. In dieser "Heimatstadt aller Menschen" soll das Grundrecht auf Wissen etabliert werden - ein Zukunftsmodell gegen Armut und für eine neuartige Ökonomie.

Sich selbst beschreibt Rössler als "Idealisten". "Ich bin ein Kind", sagt der 61-Jährige und beteuert, um persönliche Emotionen gehe es ihm beim Tübinger Zwist nicht: "Ich habe nur reagiert, ich war nie aggressiv, und ich will keine Revanche." In seinem einsamen Feldzug um Gerechtigkeit formuliert Rössler oft sarkastisch, gern doppelbödig: Er sei Jude, aber "nicht würdig, den gelben Stern zu tragen". Es handele sich um ein Pogrom, aber um ein "süßes kleines Pogrom - es fließt kein Blut, es wird nur eine Familie enteignet, von der alle wissen, dass sie unschuldig ist".

Etlichen Tübinger Professoren fehlt längst jedes Verständnis für die anhaltende Fehde. Ihnen gilt Rössler als Eigenbrötler oder gar als notorischer Querulant. Andere bewundern ihn für seine wissenschaftliche Leistung und äußern Bedauern über einen empfindsamen Forscher, den man in die Enge getrieben habe.

Den Konflikt zu entschärfen - darum hat sich offenbar niemand rechtzeitig bemüht. Die Universität verstand es nicht, einem ihrer renommiertesten Wissenschaftler genügend Freiraum zu lassen. Und der notorisch nassforsche Ex-Wissenschaftsminister Klaus von Trotha witterte die günstige Gelegenheit, ein eigenwilliges Forscher-Ehepaar populistisch vorzuführen.

Otto Rössler wiederum verschanzte sich hinter der grundgesetzlich garantierten Freiheit von Forschung und Lehre, die er sehr weitgehend interpretiert. Für ihn sind andere Vorstellungen, wie eine Universität zu organisieren sei, nicht einmal diskutabel - eine Abkehr vom Kollegialitätsprinzip gleichrangiger Gelehrter ohne vorgesetzte Kollegen führt seiner Auffassung nach schnurstracks zu Diktatur und Denunziantentum. Seine krasse Wortwahl, der unterschwellige oder offene Vergleich seiner Gegner mit Faschisten hat ihn weiter isoliert: L´éclat, c´est moi.

Lesen Sie im ersten Teil, wie aus der Provinzposse ein Politikum wird.

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