Die Kolumne Cocooning statt Karriere
Ach Zivildienst, du sorgenfreie, heitere Zeit: Endlose "Wetten, dass..?"-Abende mit Oma Erna, Rettungswagen-Rennen unter Kollegen, die wilden Partys im Schwesternwohnheim. Immer auf der Seite der Guten, während die dumpfbackigen Altersgenossen im Dreck robben und auf Pappfiguren schießen. Den Fängen der Schule entronnen, aber noch nicht belastet mit quälenden Sinnfragen.
Wer würde diese wunderbare Lebensphase nicht gern noch ein bisschen ausdehnen? Entsprechende Überlegungen stellt gerade das Bundesfamilienministerium unter Ursula von der Leyen (CDU) an. Genau, das sind die Leute, die mit dem Elterngeld das Kinderkriegen zur kleinen Pause im Erwerbsleben umfunktionieren wollen.
Doch jungen Männern will das Ministerium ein ähnliches Schicksal im eisigen Hauch des Kapitalismus ersparen: Zivis sollen künftig ihren neunmonatigen Dienst um bis zu sechs Monate verlängern dürfen und dabei weiterhin Sold, Sozialbeiträge und Fahrtkostenerstattung beziehen. Das helfe, mögliche "Lücken in der Biografie" zu schließen, so das Ministerium.
Eine schöne, ausbaubare Idee; anschließend ließe sich auch gleich noch das Studium in die Länge ziehen: fünf freiwillige Bibliotheksjahre, danach zehn Jahre Promotion. Mensa und Studi-Ausweis forever, die Zeit bis zur Rente wäre nicht mehr weit. Cocooning statt Karriere. Dass vor einiger Zeit noch Politiker dafür kämpften, die Dienstzeit zu verkürzen und den männlichen Nachwuchs früher in Berufs- und Steuerpflichten zu nehmen: Schwamm drüber, das war gestern. Deutschland wird sozialer, Deutschland wird kuscheliger, Deutschland wird mehr Zivi.