Donauwellenreiter: Alle in einem Boot - DER SPIEGEL
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Donauwellenreiter Alle in einem Boot

Ein Flussurlaub sollte es werden, nicht zu teuer, aber eine echte Herausforderung. Darum zimmerten fünf Darmstädter Studenten ihr eigenes Boot. Die "Wassergeist" trug sie 2600 Kilometer die Donau hinab - vom Schwarzwald bis ans Schwarze Meer. Eine Reise mit Tücken: Schon früh hatte die kleine Galeere Lecks.
Von Alexandra Straush
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Es ist sechs Uhr fünfzehn, Zeit zum Aufstehen", ruft Martina ins Zelt. Tau liegt auf dem Gras, Nebelschwaden hängen über dem Fluss, müde Gestalten schälen sich aus den Schlafsäcken. Eine halbe Stunde später ist das Lager abgebrochen. Die Rucksäcke und Zelte verschwinden im Bauch der "Wassergeist". Das sechseinhalb Meter lange Holzboot mit Segelmast schaukelt auf den Donauwellen, während die Mannschaft an Bord klettert.

Gefrühstückt wird im Boot. Das spart Zeit. Immerhin gilt es, die geplanten 50 Kilometer Strecke am Tag zu schaffen. Mit etwas Glück kommt der Wind aus Westen und bläht das Segel, ansonsten heißt es rudern.

Marion Veit, Daniel Gürth, Martina Willmann, Schallum Werner und Christopher Berthold paddelten in den Semesterferien durch halb Europa, auf den Planken eines Bootes, das sie selbst zusammengezimmert haben. Noch in deutschem Fahrwasser zeigt sich: Nicht alles läuft nach Plan. Am Bug und am Heck des Bootes dringt Wasser ein. Das Team bessert nach, zuerst mit Bauschaum. Das hilft nicht. Es folgt ein Bitumenanstrich im Trockendock eines Yacht Clubs, schließlich verstreicht die Mannschaft im Bug flüssigen Teer.

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Alle in einem Boot: Vom Schwarzwald bis ans Schwarze Meer

Trotzdem ist die Donau an Bord ein ständiger Begleiter. Mathematikstudent Daniel Gürth sieht das Problem im Nachhinein rein pragmatisch: "Zum Glück hatten wir ein Solarmodul mit an Bord. Also haben wir uns eine Pumpe gekauft. Das Wasser ist zwar immer noch eingedrungen, aber es hat uns nicht mehr gestört."

Außenborder-Laufzeit eine Frage der Ehre

Auch das Tempo ist nicht so hoch wie geplant, trotz eines ausgeklügelten Schichtsystems. Die Plätze auf den vier Ruderbänken werden alle halbe Stunde gewechselt. Wer durch die Rotation auf Platz fünf landet, hat eine halbe Stunde frei. So bleiben der Mannschaft Sehnenscheidenentzündungen erspart, aber für 50 Kilometer am Tag reicht die Kraft doch nicht.

"Wir mussten uns von unserem Ideal verabschieden, die ganze Strecke mit Muskelkraft zu schaffen", erzählt Biologiestudentin Martina Willmann. Nach langen Diskussionen wird ein kleiner Außenborder gekauft - schon aus Sicherheitsgründen, um auch bei Strömung manövrierfähig zu bleiben.

Es ist eine Frage der Ehre, dass der Motor nur zwei Stunden am Tag laufen darf, während des Frühstücks und während der Mittagspause. In den restlichen sechs Stunden sind die Muskeln der Mannschaft gefragt.

Die Donau dient als Badewanne, Mittagsschlaf hält die Mannschaft auf den Bootsplanken, die Zahnpasta wird über die Reling gespuckt. 60 Tage lang findet das Leben der fünf überwiegend auf dem Wasser statt. Nur zum Schlafen legen sie an.

Unterstützung zu Lande und zu Wasser

Kein Wunder, denn der Landgang ist nicht immer unproblematisch. "In Serbien hatten wir klare Anweisungen von der Grenzpolizei, wo wir nicht an Land gehen dürfen, nämlich am kroatischen Ufer", erzählt Informatikstudent Christopher Berthold. "Die wurden ziemlich deutlich: 'Wenn ihr da anlegt, kommt ihr in den Knast'."

Auch die rumänische Polizei lässt die Mannschaft der "Wassergeist" kaum zur Ruhe kommen. Passkontrollen mitten in der Nacht sind nicht selten. "Ein Polizist konnte wohl nicht entscheiden, ob Campen erlaubt ist oder nicht", erzählt Christoph. "Schließlich wurde über Funk der Kapitän der Region informiert, der dann beschloss, in unserem Fall mal ein Auge zuzudrücken."

Fast immer findet die Ruder-Crew Hilfe zu Lande und zu Wasser, wenn es mal hakt: Ein österreichischer Bauer schleppt das Boot mit seinem Traktor frei, als es auf Grund gelaufen ist. Rumänische Landarbeiter schenken der Besatzung Werkzeug.

Für den "Wassergeist" gab es kein Zurück

Im serbischen Novisad stehen die fünf Studenten vor einer gefährlichen Aufgabe: Durch den Krieg sind alle Brücken über die Donau zerstört, nur eine Pontonbrücke existiert, die nachts für den Schiffsverkehr geöffnet wird. In absoluter Dunkelheit und eingereiht in eine Schlange von 40 Lastkähnen soll die Mannschaft durch die Passage fahren.

Zum Helfer in der Not wird ein ukrainischer Frachterkapitän, der das Boot ins Schlepptau nimmt. Er stürzt zwar den Wodka in Wassergläsern hinunter und prallt mit einem anderen Schiff zusammen, aber er bugsiert die "Wassergeist" im Schutze seines Potts unbehelligt durch die Engstelle.

Nach 60 Tagen ist die Reise schließlich beendet. Die Donau, der Fluss der Abenteuer, ist bezwungen, die Mannschaft hat sich als Team bewährt. Nur für die "Wassergeist" ist es ein Fluss ohne Wiederkehr. Weil der Rücktransport des Bootes zu teuer geworden wäre, liegt es im Hafen von Tulcea und verrottet - vielleicht hat es aber auch eine neue wagemutige Mannschaft gefunden.