Dorfhäuptling mit Imageproblem: Pimp my Bürgermeister! - DER SPIEGEL
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Dorfhäuptling mit Imageproblem Pimp my Bürgermeister!

Facebook ist ihm ein Rätsel, sein Style ist uncool - keine Chance bei Jungwählern. Darum lässt sich der Bürgermeister eines Dorfs in Brandenburg von einem Coach auf jugendlich trimmen. Für eine Doku-Serie lernt er sogar die Handysprache T9. Mit wechselndem Erfolg.
Von Doris Anselm und Simon Schneller
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Die denken bestimmt an Vati oder, noch schlimmer, an den Lehrer!" Ronald Melchert steht vor dem Spiegel. Seine Selbstanalyse: vernichtend. Ihm ist schon klar, dass er im mittelprächtig sitzenden Anzug mit Krawatte bei Jugendlichen nicht weit kommt. Er ist nun mal kein Schwarzenegger - Wusterwitz ist ja auch nicht Kalifornien. Sondern Brandenburg.

Ein bisschen mehr Coolness wünscht er sich trotzdem für die politischen Auftritte vor der Jugend. Sein neuer Coach von Zwitscher.tv , einem Volontärsprojekt der Potsdamer Electronic Media School, macht ihm Mut: "Da kann man was machen." Halb so alt wie Melchert und im Outfit eines Gangster-Rappers steht er im Wohnzimmer. So etwas Krasses muss der Bürgermeister ja nicht gleich anziehen. Schließlich bekleidet er ein offizielles Amt. Aber beim Kleiderschrank-Scan finden sich doch ein paar abgeranzte Klamotten - im Hauptberuf ist Melchert Fleischermeister.

Das gefällt dem Coach. "Noch direkter rein", geht er den Bürgermeister beim Rhetorik-Training an. Eine "Message" müsse er haben! Eine gute "Performance" liefern! Der füllige Mann nickt einsichtig. Dann greift sich der Trainer Melcherts Handy. Der stöhnt. Er benutzt das Gerät nur zum Telefonieren. Völlig falsch. Nach einer Weile kriegt er es dennoch hin, die verlangte SMS zu schicken - aus Versehen schickt er sie gleich zweimal.

Trotz aller Spielerei: Es ist dem CDU-Mann ernst. Er erzählt dem Coach von Problemen mit jugendlichen Sprayern im Ort, von eskalierenden Saufgelagen am See. Der Wusterwitzer Jugendclub, den Melchert eingerichtet hat, ist dafür meistens leer. Dabei hat er selbst zwei erwachsene Kinder. Melchert will wissen, wie's geht mit den Jugendlichen. Können coolere Politiker einer politikverdrossenen Jugend auf die Sprünge helfen?

Nach den Trockenübungen traut sich der Bürgermeister in die Praxis: vor die Dorfjugend. Die hat allerdings noch jeden "Poser" entlarvt.