Dreimal Klassentreffen Weißt du noch...
Dreimal Klassentreffen: Begegnung mit dem pickeligen Ich von früher
Früher war alles schlimmer. Jeden Morgen galt es, ab 8 Uhr in der Früh in der Schule zu sein, lateinische Vokabeln zu lernen und nebenher den Spickzettel für die Mathearbeit in der vierten Stunde vorzubereiten. Auszuhalten war die Qual nur mit guten Freunden und der Hilfe vom naturwissenschaftlich oder altsprachlich begabten Außenseiter.
Ein Jahrzehnt später wartet statt der harten Schulbank eine hippe Szenekneipe, aber die Qual erinnert stark an damals. Das Klassentreffen steht an. Ein Wiedersehen mit den ehemaligen Mitschülern, das bedeutet auch: Egal, ob man mittlerweile Leichtathletik-Europameister, Rockstar oder Vorstandsvorsitzender von Siemens ist - diese Menschen kennen immer noch den Jugendlichen, der eine Schwäche im Kopfrechnen und sich auf der Abiparty in die Toilette übergeben hat.
Andersherum ist es ein Erlebnis, wenn der arrogante Super-Fußballer von damals mit Bierbauch, dafür aber ohne Bundesliga-Vertrag oder sportliche Ambitionen auftaucht. Wenn alle anderen plötzlich mit verklärtem Gesicht Babyfotos herauskramen und "Karl-Xavier schläft schon eine halbe Stunde pro Nacht" sagen. Wenn man merkt, dass man sich auch nach langer zeitlicher und räumlicher Trennung noch etwas zu sagen hat - oder eben noch immer nicht.
Deshalb kann so ein Treffen wunderbar, enttäuschend oder grauenvoll sein. Oder alles zugleich. Drei Menschen erzählen, warum sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit eingelassen haben - und ob sich das Klassentreffen gelohnt hat.
"Ich bin der Einzige, der sich verändert hat" - Leander Greitemann, 25, über das Fünfjährige
"Fünf Jahre sind nicht wirklich lang. Wir haben das kleine Jubiläum trotzdem als guten Grund für eine Party genutzt. Ein Mitschüler, der auch zu Schulzeiten immer alles organisiert hat, hat das Heft in die Hand genommen, eine Holzhütte mitten im Wald gemietet, Schnaps und Grillzeugs besorgt und allen per E-Mail Bescheid gesagt.
Für mich war sofort klar: Ich will da hin. Mein Jahrgang war super, wir haben uns alle gut verstanden und auch nach dem Abi viel Kontakt gehalten. Dank Facebook wusste man immer, was die anderen gerade machen, konnte auf Fotos deren neue Freunde sehen, hat sogar mitgekriegt, wenn sie neu verliebt waren. Jedes Jahr vor Weihnachten sind wir gemeinsam Glühweintrinken in unserer Heimatstadt Neuwied gegangen.
Mit einem meiner Ex-Mitschüler habe ich mir sogar jahrelang eine WG in Mainz geteilt, wo wir beide studieren. Es ging bei der Hütten-Feier für mich also weniger darum, die typischen "Und was machst du so?"-Sachen zu erfahren - bei den Leuten, die mir wichtig waren, wusste ich es sowieso und bei den meisten anderen auch. Ich wollte einfach alte Kumpels wiedersehen und richtig schön feiern.
"Wahnsinn, du hast dich ja total verändert"
Wann hat man sonst schon mal die Chance auf eine Party, auf der man wirklich jeden kennt? Am Abend des Klassentreffens war ich schon um 18 Uhr an der Hütte und damit viel zu früh dran. Von meinen aktuellen Freunden war noch niemand da, stattdessen nur Leute, mit denen ich nicht mehr wirklich etwas zu tun hatte. Die Gespräche liefen aber trotzdem gut, es gab kein peinliches Smalltalk-Gestammel, sondern es war einfach locker und nett. Später kamen dann auch die anderen, am Ende waren von den 100 Leuten aus dem Jahrgang um die 40 da.
Am Anfang standen die alle in den typischen Cliquen herum, die es auch schon zu Schulzeiten gegeben hat. Ich habe versucht, nicht nur mit meinen Kumpels zu reden, sondern bin ein bisschen von Gruppe zu Gruppe gesprungen. Manche waren im ersten Moment überrascht, als sie mich gesehen haben: Früher galt ich als der alternative Musiker-Typ mit Hang zu Metal, hatte lange Haare bis zu den Schultern. Die habe ich mir abgeschnitten und viele Leute kamen an und meinten: "Wahnsinn, du hast dich ja total verändert."
Ansonsten hatte sich äußerlich und charakterlich kaum was getan. Das war ganz angenehm, dann wusste ich schon, was mich erwartet. Diejenigen, deren Leben sich wirklich entscheidend geändert hat, die zum Beispiel verheiratet sind, waren gar nicht da. Wir haben die Nacht durch gegrillt, laut Musik gehört, getanzt und getrunken. Ein Gelage wurde es allerdings nicht, viele waren mit dem Auto da oder mussten am nächsten Tag für Klausuren lernen. Der Abend war rundum gelungen, auch wenn ich die Nacht danach in meinem Auto schlafen musste - ich hatte zu viel getrunken. Trotzdem war es eine der besseren Partys, die ich erlebt habe. Ich stehe jederzeit für weitere Klassentreffen zur Verfügung - auch gern, wenn es kein Jubiläum ist."
"Warum bin ich nur mit dem Auto gekommen?" - Torsten Maue, 37, über das 20-Jährige
"Mein Schulabschluss ist in die Geschichte eingegangen. Ich habe in einer Kleinstadt bei Magdeburg meinen Abschluss gemacht, genau in dem Jahr, als die DDR unterging - damit gehöre ich zu den Letzten, die noch ein DDR-Zeugnis vorweisen können. Und zu den Letzten, die während ihrer Schulzeit Pioniernachmittage absolvierten. Wir mussten nach der Schule Altpapier oder Kastanien sammeln. Das klingt langweilig, hat das Gemeinschaftsgefühl aber enorm gefördert. Ich war eigentlich eher der ruhige Typ, der sich für Dampflokomotiven begeisterte.
Trotzdem war ich traurig, als die Schule zu Ende war - denn mit dem gewohnten Schulalltag war auch die Mauer verschwunden. Die Welt, die ich kannte, war von einem Moment zum anderen einfach weg. Es gab so viele Möglichkeiten, aber genau diese Auswahl hat mich überfordert. Viele meiner Mitschüler und Lehrer gingen in den Westen. Ich blieb hier, machte eine Lehre zum Industriekaufmann und traf keinen meiner Mitschüler wieder.
Sitzordnung wie im Sportunterricht: Frauen hier, Männer dort
Dann, zum 20-jährigen Jubiläum, kam plötzlich eine Einladung zum Klassentreffen. Ich war neugierig und ging deshalb hin. Es fand in einer kleinen Kneipe statt. Schick gemacht habe ich mich nicht, schließlich wollte ich ja nicht meinen Modegeschmack vorstellen, sondern nur wissen, was aus den Leuten von früher geworden war. Das erfuhr ich dann auch. Leider.
Es fing damit an, dass von den 90 Leuten, die in meinem Jahrgang gewesen waren, nur knapp 20 auftauchten. Direkt zu Anfang ordneten sie sich am Tisch; die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite. Es war vollkommen absurd, wie eine Grundschulklasse, die im Sportunterricht nach Geschlechtern getrennt wird. Wir machten aber keinen Sport, sondern suchten nach gemeinsamen Themen. Wir fanden keine. Es fühlte sich an, als wäre ich plötzlich in die Vergangenheit zurückversetzt, aber nicht auf eine gute "War das nicht schön damals"-Art. Sondern in der "Wo bin ich hier bloß gelandet"-Variante.
Ich habe als Online-Manager beruflich viel mit dem Internet zu tun, einige meiner Ex-Mitschüler hatten nicht mal eine E-Mail-Adresse. Die saßen alle nur da, haben zufrieden gegrinst und von Frau, Kindern und den fast abbezahlten Raten fürs Reihenhäuschen erzählt. Es war gruselig, die waren doch alle erst Mitte 30 und schon spießiger als jede Oma. Wo waren die Menschen hin, die damals voller Zukunftspläne in den Westen verschwunden waren und die ich gerade wegen dieser Entschlossenheit bewundert hatte? Ich starrte in mein Wasserglas und ärgerte mich, dass ich mit dem Auto da war und mir deshalb den Abend nicht mit Alkohol schöntrinken konnte. Nach zwei Stunden ging ich unter einem Vorwand nach Hause - lieber schlafen, als weiter hier herumstehen. Klassentreffen müssen ab jetzt ohne mich auskommen. Das tue ich mir nie wieder an."
"Ich wusste ja, dass der Georg viel redet" - Anton Daimer, 93, über das 80-Jährige
"In der Schule war ich der Rebell. Die anderen Kinder, wir waren ungefähr 50 in einer Klasse, hatten Respekt vor mir, weil ich vor keiner Prügelei auf dem Schulhof zurückgeschreckt bin. Ich hatte einige enge Freunde, bei denen ich dachte: Das hält für ewig. Hat es aber nicht, weil wir nach der Volksschule alle eine Lehre angefangen haben und dann bald als Soldaten an die Front mussten.
Mit 20 Jahren war ich Pilot bei der Luftwaffe, das war ein ziemlich einsamer Job, da oben im Cockpit. In Griechenland stationiert bin ich dann in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Als ich nach drei Jahren wieder nach Hause, nach Freising, durfte, da habe ich keinen Wert drauf gelegt, meine ehemaligen Klassenkameraden wieder zu treffen.
Warum auch, ich hatte genug damit zu tun, mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich bin aus der Gefangenschaft gekommen und habe mich gefühlt wie ein Fremder im eigenen Land. Außerdem: Worüber hätten wir reden sollen? Die Erfahrungen, die man in Russland sammelt, will man nicht als lustige Anekdote am Stammtisch teilen. Gelernt hatte ich Elektromonteur, da habe ich mir dann einen kleinen Laden aufgebaut. Ganz allein, das war viel Arbeit, ich hatte gar keine Zeit, mich für Sentimentalitäten wie ein Klassentreffen zu interessieren.
In der nächsten Zeit brauche ich das nicht mehr
Durch diesen Laden kam dann aber doch noch ein Treffen zustande. Ein alter Schulkamerad von mir, Georg, kam Anfang dieses Jahres zufällig in den Laden, den nun mein Enkel führt, aber der immer noch meinen Nachnamen trägt. Der Georg war Kunde, aber er hat dann meinen Enkel gefragt, ob es mich noch gibt. Er wollte mit mir gemeinsam ein Klassentreffen organisieren, aber wir konnten niemanden sonst mehr finden. Alle außer uns waren schon gestorben.
Wir haben dann beschlossen, uns davon nicht stören zu lassen, haben trotzdem ein Klassentreffen gemacht: zu zweit. Der Georg ist zu mir nach Hause gekommen, meine Frau hat einen Kuchen gebacken und dann haben wir uns unterhalten. Aufgeregt, ob er sich verändert hat oder ob wir nichts zu reden haben, war ich nicht - ich war zwar früher nie eng mit dem Georg, aber ich wusste noch, dass er viel redet und das Gespräch zur Not auch allein führt.
Das hat er dann auch getan, er wusste noch viel besser als ich über unsere Lehrer von damals Bescheid. Einer hat zum Beispiel den ganzen Tag nur gesungen. Das Treffen mit dem Georg hat mir Spaß gemacht, aber mich auch sehr angestrengt. In der nächsten Zeit brauche ich das nicht mehr. Wir hätten uns dann ja auch gar nichts mehr zu sagen. Eine Pause ist ganz gut, zwischendrin und einige Jahre bis zum nächsten Treffen halte ich dank meiner Frau auch noch durch."