E-Learning: Das Schlafzimmer als Hörsaal - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

E-Learning Das Schlafzimmer als Hörsaal

Der Einzug des Internets in die Bildungsanstalten entzerrt den Lehrbetrieb: Einzelne Lerneinheiten können in freier Zeiteinteilung am heimischen Computer absolviert werden. An Präsenzphasen führt allerdings noch kein Weg vorbei.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine "wahnsinnige Beschleunigung des Lernens" haben Bildungsexperten ausgemacht, seit PC und Laptop in die Bildungslandschaft Einzug gehalten haben. Vorlesungen, Seminare und Tutorien sind durch den Einsatz der neuen Medien im Studium merklich entzerrt worden. "Der Trend geht zur Kombination, denn ohne Präsenzphasen geht gar nichts", sagt Folker Schrödel, der die Seiten von "studieren-im-netz.de" betreut - einem Projekt des bwv-Verlags in Nürnberg.

Auch viele Hochschulen engagieren sich inzwischen in Sachen postgraduelles Studium und Weiterbildung per E-Learning. "Das ist zwar im Aufbau sehr teuer und aufwendig, aber schließlich können die Hochschulen von den Studierenden auch Geld dafür verlangen und sich darüber profilieren", sagt Schrödel. Rund 250 Fern- und Online-Studiengänge gibt es nach seinen Angaben in Deutschland. Viele von ihnen sind für ein weiterführendes Studium gedacht.

Lebenslanges Lernen per Internet

Kommerzielle Anbieter steigen ebenfalls verstärkt ins lebenslange Lernen ein. Mit T-Online bietet Deutschlands größter Onlinedienst ein eigenes Weiterbildungsprogramm an. Computer- und Sprachkurse sowie Fortbildungsangebote in den "Soft Skills" wie Kommunikations- und Organisationsfähigkeit stehen unter "lernenonline.t-online.de" zum Abruf bereit. "Bisher wurden E-Learning-Anwendungen meist von Unternehmen für ihre Mitarbeiter genutzt. Wir wollen diese zeitgemäße Form des Lernens nun allen Internetnutzern zur Verfügung stellen, damit sie sich jederzeit weiterqualifizieren können", sagt Burkhard Graßmann, Vorstand Medien bei T-Online.

Auch die Fernuniversität Hagen setzt auf rechnergestütztes Lernen. "Wir knüpfen mit dem Konzept 'Lernraum Virtuelle Universität' nahtlos an 25 Jahre Fernstudium an", sagt Pressereferent Gerd Dapprich. "Wir präsentieren ein Modell für die Universität der Zukunft, das schon jetzt in seinen wesentlichen Teilen in der Praxis erprobt und zum wissenschaftlichen Studium neben dem Beruf tauglich ist."

Bayrischer Cyberspace

Für Studierende im Erststudium haben die bayerischen Hochschulen einen Verbund gegründet, der es den Immatrikulierten der 37 Trägerhochschulen des Freistaates ermöglicht, Lehrveranstaltungen im Cyberspace zu besuchen. "Die Virtuelle Hochschule Bayern (vhb) hat bisher rund 135 multimediale und interaktive Kurse, die vom Umfang her zwei Semesterwochenstunden entsprechen, für das grundständige Studium gefördert", erläutert vhb-Sprecherin Elke Schwämmlein.

Hochschulen können sich mit ihren Ideen für das interaktive Lehren bei der vhb bewerben. "Wir fördern Lehr- und Lernangebote, die landesweit allen Studierenden zur Verfügung stehen." Zudem orientiert sich die vhb bei der Entwicklung neuer Kurse an dem von den Trägerhochschulen gemeldeten Bedarf.

Schwämmlein sieht zahlreiche Vorteile für die Studierenden: "Die Möglichkeit, einzelne Präsenz-Lehrveranstaltungen durch netzgestützte Angebote zu ersetzen, erlaubt eine örtlich und zeitlich flexiblere Gestaltung des Studiums und kann zur Verkürzung der Studienzeiten beitragen." Zudem hätten alle Studierenden bayerischer Hochschulen die Möglichkeit, qualitativ hochwertige Lehrangebote anderer Hochschulen zu nutzen.

Virtueller Rebschnitt

An der Universität Trier ist der Telematik-Professor Christoph Meinel sogar über Staatsgrenzen hinweg aktiv: "Seit drei Semestern gibt es eine Internet-Brücke Trier-Beijing, über die unsere Vorlesungen an die Technische Uni Peking übertragen werden - dort gehören sie zum Curriculum der Informatikstudenten", erläutert Meinel. Die mündlichen Prüfungen zu diesen Vorlesungen nimmt der Pekinger Gastprofessor nach dem Semester in China ab.

Der Professor nutzt dafür die so genannte Tele-Task-Technik. "Tele-Task steht für Teleteaching Anywhere Solution Kit", sagt er und erläutert, dass damit nicht nur ruckelfreie Bilder und sauberer Ton vom Dozenten übertragen werden, sondern synchron dazu auch in Großformat die Lehrinhalte, die die Studenten im Hörsaal per Laptop und Smart Board präsentiert bekommen.

Selbst in die Agrarwirtschaft hat das E-Learning bereits Einzug gehalten - wie die Anwendung "Der virtuelle Rebschnitt" auf der Webseite der Universität Hohenheim (Baden-Württemberg) zeigt. "Wir haben ein Programm entwickelt, mit dem der Rebschnitt geübt werden und mit dem man alle Konsequenzen für die nächsten Jahre studieren kann, wie das in einem Weinberg nicht möglich wäre", erläutert Rolf Blaich, der in Hohenheim Professor für Agrarwissenschaften mit dem Fachgebiet Weinbau ist. Neben diesem Übungsprogramm für Fingerfertige hat Blaich auch seine Vorlesungen ins Internet gestellt.

Von Verena Wolff, gms