Einwandererkinder: "Die sind ja nicht dumm!" - DER SPIEGEL
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Einwandererkinder "Die sind ja nicht dumm!"

Weil es bei der Sprache hapert, landen viele Kinder aus Einwandererfamilien auf Hauptschulen. Endstation Sackgasse - muss dass sein? Ein bundesweites Projekt fördert begabte Schüler. Und Lehrer. Denn für kleine Talente wie Esra, 10, brauchen sie besondere Kompetenzen.
Von Sandra Voglreiter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Esra hätte das Zeug zum Problemkind. Die Zehnjährige ist zwar in Deutschland geboren, ihre Eltern kommen aber aus der Türkei, zu Hause wird überwiegend Türkisch gesprochen. Damit gehört sie zur "zweiten Generation" von Einwanderern - genau die Gruppe, die bei der Pisa-Studie besonders schlecht abgeschnitten hatte.

Präziser: Nirgendwo werden Einwandererkinder in der Schule schneller abgehängt als in Deutschland. Besonders erschreckend: Die zweite Generation kann sogar deutlich schlechter lesen und rechnen als die erste Generation. Das deutsche Schulsystem versagt schlicht bei der Förderung von "Kindern mit Migrationshintergrund", so die politisch korrekte Formulierung. Denn oft sind sie gleich mehrfach benachteiligt: Viele sprechen zur Einschulung kaum Deutsch. Die Eltern können sie bei Schulproblemen und Hausaufgaben nicht unterstützen und sich auch nur schlecht mit den Lehrern verständigen. So erhalten selbst besonders begabte Einwandererkinder bei der Aufteilung auf die drei Schulformen oft Empfehlungen für die Hauptschule - ein Sammelbecken der Bildungs-Verlierer, ohne Jobchancen. Wer einmal dort ist, kommt kaum je wieder heraus.

Für Esra gilt das nicht. Sie geht seit diesem Schuljahr auf ein Hamburger Gymnasium, schreibt durchweg gute Noten. In Deutsch steht sie auf zwei. Wenn man sie lässt, erzählt Esra ohne Punkt und Komma - und vor allem akzent- und fehlerfrei. So wie jetzt. Mit großer Begeisterung unterhält sie die kleine Gruppe in dem heruntergekommenen Seminarraum an der Uni Hamburg. In einer Szene zum Jugendbuch-Klassiker "Timm Thaler" spielt sie die Hauptperson aufgedreht und mitreißend gut gelaunt.

Nadja Chudnova schmunzelt. Die 27-jährige Russin unterrichtet Esra schon seit der vierten Klasse, und zwar in Deutsch. "Die Kinder sind ja nicht dumm! Esra ist eine begabte Schülerin. Umso wichtiger ist es, sie zu fördern", sagt die Studentin.

Migranten fördern Migranten

Esra und die anderen fünf Mädchen in Chudnovas Gruppe sind sicher Vorzeigeschülerinnen des Projekts mit dem schlichten Namen "Förderunterricht". Das Konzept will zwei Probleme auf einmal angehen: Die Benachteiligung von Migrantenkindern aufgrund sprachlicher Defizite - und die mangelnde Qualifikation vieler Lehrer im Umgang mit diesen Kindern.

An 35 Standorten deutschlandweit werden derzeit mehr als 6000 Kinder mit Migrationshintergrund unterrichtet, mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Problemen. Ein- bis zweimal pro Woche versuchen Lehramtsstudenten, sie fit zu machen: in Deutsch, aber auch in Mathe, Englisch oder Erdkunde und anderen Fächern. Denn die Kinder müssen in allen Fächern mit der deutschen Sprache klarkommen.

Förderlehrer wie Nadja Chudnova sind besonders beliebt bei den Organisatoren des Projekts. Die Russin lebt und studiert seit vier Jahren in Hamburg. "Die Studierenden mit Migrationshintergrund verstehen oft die Problematik besser. Und außerdem haben sie eine besondere Vorbildfunktion für die Kinder. Sie zeigen: Man kann studieren, man kann sogar Lehrer werden", erläutert Ursula Neumann. Sie ist Professorin am Institut für International und Interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft der Uni Hamburg und leitet das Projekt an diesem Standort.

Das Wort Nachhilfe gefällt Neumann gar nicht, schließlich wolle man fördern, nicht einfach nur nachhelfen: "Wir wollen hier in Hamburg gezielt die Schüler fördern, die eine Chance auf einen höheren Abschluss haben."

Nadja Chudnova unterrichtet seit fast eineinhalb Jahren sechs türkischstämmige Mädchen. Rund zehn Euro bekommt die Studentin pro Stunde. Im Gegensatz zu meist teurem Nachhilfeunterricht ist der Förderunterricht für die Kinder und ihre Eltern kostenlos. Das Geld für das Projekt, die Studenten und Lehrmittel kommt von der privaten Stiftung Mercator und dem Bundesbildungsministerium. Die Projektpartner, zum Beispiel die Uni Hamburg, besorgen Räume, vermitteln Schüler und Studenten und werten die Erkenntnisse aus dem Förderunterricht aus.

"Die Kinder brauchen Unterstützung von zu Hause"

Ein normales Lehramtsstudium glänzt nicht gerade durch Praxisbezug. Deshalb ist Ursula Neumann überzeugt von den Vorteilen des Projekts für die Ausbildung: "Der Förderunterricht ist eine Chance für die Studierenden, kontinuierlich zu unterrichten. Es ist keine einfache Aufgabe, Kinder sprachlich zu fördern. Mathelehrer lernen in der Regel nichts über Deutsch als Zweitsprache." Die Schulwirklichkeit fordere aber genau diese Kompetenzen. Im Alltag unterrichtet natürlich niemand nur sechs Kinder, sondern 20 oder sogar 30. Die Erfahrungen und die Übung aus dem Projekt seien aber auf jeden Fall nützlich, so Neumann.

Aufgeschreckt von den verheerenden Pisa-Ergebnissen hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) im Mai betont, die frühe Förderung von Migrantenkindern müsse "hohe Priorität" haben. Die Frühförderung soll Schüler vor einem Teufelskreis bewahren: Sind ihre Deutschkenntnisse nicht gut genug, werden sie in der Grundschule, soweit vorhanden, in "Förderklassen" gesteckt. Dort sind keine deutschen Schüler. Weil diese Klassen oft im Unterrichtsstoff langsamer vorankommen als die Regelklassen, landen die Kinder häufig auf Hauptschulen.

Dort gibt es zwar spezielle Deutschförderklassen, die Realschulen und vor allem Gymnasien nicht anbieten. Die Konzentration benachteiligter Schüler in den Hauptschulen sei aber ein Grund für das besonders schlechte Abschneiden von Migrantenkindern in Deutschland, so OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger. Und von dort aus ist es auch ungleich schwerer, einen höheren Schulabschluss zu erreichen - das deutsche Schulsystem ist selektiv, nicht durchlässig.

Darum hat sich Nadja Chudnova auch sehr geärgert, als eine ihrer Nachhilfeschülerinnen eine Hauptschulempfehlung bekam, obwohl die Studentin sicher war, da ist mehr drin: "Ich habe mit der Klassenlehrerin gesprochen. Sie erklärte die Entscheidung damit, dass die Schülerin im Gymnasium wegen ihrer Sprache gehänselt werden könnte."

Dass es allein mit dem Förderunterricht nicht getan ist, weiß auch Chudnova. Das hat sie nicht zuletzt im Projekt gelernt. Also sprach sie mit den Eltern, erklärte ihnen, wie wichtig es ist, ihre Tochter auch zu Hause zu motivieren. "Die Kinder brauchen Unterstützung von zu Hause, einen eigenen Arbeitsplatz, Bücher statt Fernsehen, vor allem Aufmerksamkeit." Daran fehle es vielen Kindern, die Schwierigkeiten in der Schule hätten.

Chudnovas Schülerin mit der Hauptschulempfehlung ist jetzt auch in Esras Klasse - auf dem Gymnasium.