Entscheiden: AN DER GRENZE ZUM KOLLAPS - DER SPIEGEL
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Entscheiden AN DER GRENZE ZUM KOLLAPS

Die Informatikstudenten der Technischen Universität Ilmenau stehen vor den Computern Schlange.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Festhalle der Stadt Ilmenau: Das Publikum hockt zu hunderten an lang gezogenen Tischen mit himbeerfarbenen Decken. Die Akustik ist miserabel, im Saal herrscht Unruhe. Weit hinten, hoch oben auf der Bühne spricht Ralf Trost an einem altmodischen Rednerpult über "Finanzierung und Investition" ­ der Professor hält eine Vorlesung, die auch für Studenten der Wirtschaftsinformatik obligatorisch ist.

"Für uns ist hier die Grenze des Vertretbaren erreicht", beschwert sich Christine Töpfer. Die Studentin aus dem vierten Semester hatte sich an der Technischen Universität Ilmenau  eingeschrieben, "weil das Studenten-Prof-Verhältnis einfach ideal war". Noch vor kurzer Zeit glänzte der Fachbereich in diversen Rankings; in der SPIEGEL-Rangliste 1999 landete Ilmenau im Fach Informatik auf einem ausgezeichneten 6. Platz.

Zum ersten Mal musste die Technische Universität am Fuß des Thüringer Waldes in diesem Sommersemester mit einer Reihe von Vorlesungen in die städtische Halle ausweichen. Mietkosten: 90 000 Mark im Jahr. Der Große Hörsaal auf dem Campus mit seinen 400 Sitzen war, obgleich einige Professoren ihre Vorlesungen zweimal hielten, dem Ansturm der Studierenden nicht mehr gewachsen.

In den vergangenen drei Jahren hat sich die Studentenzahl in Ilmenau (zurzeit 5200) fast verdoppelt, im kommenden Wintersemester werden es 6000 sein. Mit 423 Neu-Immatrikulationen sind die Fächer Informatik und Wirtschaftsinformatik neben den Medienwissenschaften besonders begehrt. Wenn die hohe Nachfrage anhält, werden sich die Studienbedingungen für die 1300 Informatikstudenten weiter verschlechtern.

Deshalb hat die TU Ilmenau zum kommenden Semester für die Fächer Informatik und Wirtschaftsinformatik eine Zulassungsbeschränkung beantragt. Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU) hält das für ein falsches Signal: "Von Überfüllung kann ja wohl nicht die Rede sein. Wir müssen die Universität offen halten, damit das wachsende Technikinteresse der jungen Leute aufgefangen werden kann."

"Nicht die gleichen Fehler machen wie die Industrie"

Die Ilmenauer Professoren und Studenten jedoch fürchten um den guten Ruf ihrer Hochschule. Schon bilden sich vor den Computerpools lange Schlangen von Studenten, warnen Professoren vor "einem drohenden Kollaps".

"Wir wollen Klasse statt Masse", argumentiert der Ex-Rektor Wolfgang Gens, der als "gelernter DDR-Bürger" einen wohl begründeten Horror vor der "Tonnen-Ideologie" ­ der sturen Planerfüllung ohne Rücksicht auf Bedarf und Qualität ­ entwickelt hat. "Wenn wir in den Informatikfachbereichen die Zahlen erhöhen, dann reicht unsere Ausbildungskapazität nicht mehr aus. Und das wäre unverantwortlich den Studenten gegenüber."

Noch gilt ein Ilmenauer Examen bei den Firmen als Qualitätssiegel, die Absolventen können unter etlichen Angeboten auswählen. Auch Thorsten Strufe, Informatikstudent im zehnten Semester, hat die Wahl. "Die Unternehmen bieten bis zu 120 000 Mark Jahresgehalt für Anfänger aus Ilmenau", erzählt er. Doch er denkt ernsthaft daran, trotz kargen Gehalts an der Hochschule als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu promovieren ­ der Hamburger fühlt sich inzwischen total heimisch an der Technischen Universität.

Strufe, Vertreter seiner Fachschaft im Studentenrat, plädiert für den Numerus clausus: "Wir wissen, dass ein NC problematisch ist", sagt er, "aber solange die Finanzen trotz steigender Studentenzahlen stagnieren, bleibt uns keine andere Wahl." Mit Skepsis sehen die Ilmenauer den Plan der Wissenschaftsministerin Schipanski, mittels eines Sonderfonds zehn wissenschaftliche Mitarbeiter auf Zeit einzustellen.

Mit kurzfristigen Schnellprogrammen, so glaubt der neue Rektor Heinrich Kern, sei der Mangel nicht zu beheben. Der Bedarf an IT-Experten werde kontinuierlich steigen. Vor fünf Jahren noch habe die Industrie Informatikern reihenweise gekündigt und damit hektisch und unüberlegt reagiert, kritisiert Kern, "erst wurde bis auf die Substanz abgebaut, und nun wird der Mangel an Experten beklagt. Wenn die Bildungspolitik jetzt die gleichen Fehler macht wie die Industrie, ist das sehr kurz gedacht".

ALMUT HIELSCHER